■HB " ltk' i WAS WIR ERNST HAECKEL VERDANKEN S^SgggE]E]B]gggE]ggG]gE]gggEjggggggggG]E]E]E3gE]B]gE]ElG]E]gS]E]E]H]E]E]E]E]E] Von dieser Festschrift wurden außer der Auflage i Unikat auf van Gelder- Bütten für den Jubilar und 200 in der Presse numerierte Exemplare auf im. Japan abgezogen 33§1333S§lSBSE]3S51S3S5]SE]gggH]gEjB]E]B]gB]E]gE]gjEiE]ggB]g]g]BiBiBjB]gH]B]B]G] g33333gSSG]gggggE]ggggggE]gggE]ggggEjE]E]G]G]B]E]E]G]EjG]E]G]G]E]Q]E]E]5]G]Ej Den Druck dieser Festschrift besorgte die Spamersche Buchdruckerei; das Papier lieferte Berthold Siegismund; die Reproduktion der Abbildungen er- folgte in der Graphischen Kunstanstalt von Hermann Ludewig; sämtlich in Leipzig. Einband und Umschlag zeich- nete H. D. Leipheimer in Sersheim sasaasisiaaaaasaagaaaaasaaaaaasaaEiasisjaaaasaaasjsisasiasss E}B]G]S]g]E]E]G3gig]E]E]EjE]E]EjE]E]Si]Ss]S3sl33S!SSS3@333SSS]S5iS3!13S333SS3S3SlS Nach einer Photographie des Ateliers „Lichtkunst", München iX^pf- teat-SLsyJizQ - -WAS WIR £u - ERNST HAECKEL VERDANKEN EIN BUCH DER VEREHRUNG UND DANKBARKEIT P . „aw IM AUFTRAG DES DEUTSCHEN MONISTENBUNDES HERAUSGEGEBEN VON HEINRICH SCHMIDT-JENA MIT 12 ABBILDUNGEN, DARUNTER 5 HAECKEL-PORTRÄTS ZWEITER BAND LEIPZIG 1914 VERLAG UNESMA G. M. B. H. Alle Rechte vorbehalten Copyright 1914 by Verlag Unesma G. m. b. H., Leipzig INHALT DES ZWEITEN BANDES o o o SPEZIELLER TEIL (FORTSETZUNG) Seite Rabl, Geheimrat Professor Dr. Carl, Leipzig i Kammerer, Privatdozent Dr. Paul, Wien 6 Loeb, Professor Dr. Jacques, Newyork 15 Rieß, Kaufmann Carl, Hamburg 17 Lipsius, Privatdozent Dr. Friedrich, Leipzig 22 Meyer, Professor Dr. R., Berlin 28 Beck, Professor Dr. Paul, Leipzig 34 Dosenheimer, Amtsrichter Emil, Ludwigshafen a. Rh 38 Wolfsdorf, freireligiöser Prediger Eugen, Nürnberg 43 Cr ut eher, Dr. med. Howard, Roswell, Neu-Mexiko 48 Flothuis, Oberlehrer M. H., Amsterdam 50 Bellesme, Professor Jousset de, Brüssel 56 Glatz, Kaufmann Friedrich, Wien 61 Koerner, Professor Ernst, Berlin 68 Leon, Professor Dr. Nicola, Jassy, Rumänien T$ Scheffauer, Hermann, London 75 T hie nie, Schriftsteller Friedrich, Weimar 83 Vogtherr, M. d. R. Ewald, Dresden 89 Daxenbichler, Frau Fanny, Salzburg 93 Weber, k. k. Ministerialrat, Alfred Ritter von Ebenhof, Wien 96 Schneider, Bankbeamter Hugo, Berlin 115 Holgers, Fräulein Maria, Berlin 120 Felden, Pastor an St. Martini, Bremen 125 Schweninger, Geheimrat Professor Dr. Ernst, München 130 Eulenberg, Herbert, Kaiserswerth a. Rh 138 Boerner, Schriftsteller Wilhelm, Leipzig 139 Altmann-Bronn, Frau Ida, Romberg i. Lothringen 142 Yung, Professor Dr. Emile, Genf 148 Baege, Dozent M. H., Friedrichshagen bei Berlin 150 Neu mann, Herausgeber von Reclams Universum Carl W., Leipzig .... 154 Brauckmann, Institutsdirektor Karl, Jena 156 Gadow, Professor Dr. Hans, Cambridge i. England 160 Hertwig, Geheimrat Professor Dr. Richard von, München 165 Sprenger, Dr. med. et phil. G., Mainz 171 Kahl, Schriftsteller August, Hamburg 172 Ficalbi, Professor Dr. Eugenio, Pisa 179 Walt her, Professor Dr. Johannes, Halle a. S 180 Unna, Professor Dr. P. G., Hamburg 182 Kocks, Professor Dr. J., Bonn 186 Leege, Karl O., Jena 207 Greil, Professor Dr. Alfred, Innsbruck 211 Spitzer, Professor Dr. Hugo, Graz 224 VII pggggggggggggEjgggEjggE]ggggE]ggg!ggg3!|]ggE]Ejci]FiF]EiE]E]E]B]E]BjB]E]§Ej Seite 233 238 239 240 244 247 256 258 259 266 269 272 282 285 291 298 304 307 308 309 317 325 329 335 3Si 357 359 362 367 373 376 Hatschek, Hofrat Professor Dr. Berthold, Wien Reichel, Eugen, Berlin Schwarz, Kgl. preußischer Kommerzienrat Arthur, Lichterfelde Regel, Professor Dr. Fritz, Würzburg McCabe, Joseph, London Goldscheid, Rudolf, Wien .... Zalisz, J. F., Leipzig Aigner, Dr. med. Eduard, München Lang, Professor Dr. Arnold, Zürich . Sokolowsky, Dr. Alexander, Hamburg Schaxel, Privatdozent Dr. Julius, Jena Brunner, Dr. med. Max, Wien . . . Hirschfeld, Dr. med. Magnus, Berlin Gilbert, Redakteur Leo, Wien .... Dopf, Arbeiter Karl, Hamburg . . . Knopf, Hofrat Professor Dr. Otto, Jena Mark, Professor Dr. E. L., Harvard University, Cambridge U. Palmen, Professor Dr. Axel, Helsingfors Plotke, Georg J., Frankfurt a. M delle Grazie, Schriftstellerin Fräulein Maria Eugenie, Wien Kotthaus, Carl, München Stöcker, Frau Dr. Helene, Berlin-Nicolassee Verworn, Professor Dr. Max, Bonn Fürbringer, Geheimrat Professor Dr. Max, Heidelberg . . . Kleinsorgen, Wilhelm, Berlin-Grunewald Bloch, Dr. med. Iwan, Charlottenburg Carraro, Oberlehrer Angelo, Wien Koltan, Schriftsteller Jakob, Heidelberg Schallmayer, Dr. Wilhelm, Krailling-Planegg b. München . Focke, Dr. med. Wilhelm, Bremen Reh, Dr. Ludwig, Hamburg Haeckel, Direktor des städtischen Krankenhauses Professor Stettin Leipziger Ortsgruppe des Deutschen Monistenbundes .... Huschke, Dr. Konrad, Mitgl. der Fürstl. Kammer, Greiz Friederici, Fräulein E., Berlin Lowie, Robert H., Newyork Buen, Professor Odon de, Madrid Paatsch, Handlungsgehilfe Max, Dessau Dr. Heinrich 383 391 398 401 404 408 410 VIII CARL RABL, LEIPZIG o o o Ich hatte auf dem Gymnasium, z. T. auf Anregung meines Vaters, z. T. wohl auch aus Opposition gegen die klösterliche Erziehung, die mir in Kremsmünster, einem Benediktinerstift in Oberösterreich, zuteil wurde, frühzeitig angefangen, entwicklungstheoretische Schrif- ten zu lesen. Namentlich hatten die „Schöpfungsgeschichte" von Burmeister, die Vorträge über die Darwinsche Theorie von L. Büchner und das Buch „Vor der Sündflut" von O. Fraas, — so verschieden sie in ihrer Tendenz waren, — in hohem Grade mein Interesse in An- spruch genommen. Zu Anfang des Jahres 1870, ich stand damals im siebzehnten Lebensjahre, wurde ich auf die populäre Kosmogenie von Philipp Spiller aufmerksam, die unter dem Titel „Die Entstehung der Welt und die Einheit der Naturkräfte" in Lieferungen erschien. In einer der Lieferungen fand ich die Bemerkung, daß soeben die 2. Auflage von Haeckels „Natürlicher Schöpfungsgeschichte", eines „klassischen Werkes", wie Spiller hinzufügte, erschienen sei. Spiller genoß damals als populär-wissenschaftlicher Schriftsteller großes An- sehen. Ich ließ mir sofort Haeckels Buch kommen, und mit dem Studium desselben entschied sich mein ganzes wissenschaftliches Leben. Ich las das Buch mit wahrer Andacht, Tag und Nacht, und immer wieder und war überzeugt, daß es über die großen, wichtigen Probleme, die es behandelte, kein besseres geben könne. Von da an beherrschte der Entwicklungsgedanke mein ganzes Tun und Denken. Alles, was ich bis dahin gelernt und gelesen hatte, verblaßte oder verschwand wohl auch völlig aus meinem Gesichtskreise; ich war glücklich, an Stelle des Kirchenglaubens, von dem meine ganze Umgebung durchtränkt war, eine freie, auf der Basis menschlicher Erkenntnis aufgebaute Lehre gesetzt zu sehen. Daß ich mit solchen Ansichten nicht zu meiner Umgebung und meine Umgebung nicht zu mir paßte, und daß daraus allerhand Mißhelligkeiten entsprangen, brauche ich nicht auseinanderzusetzen. Schon damals faßte ich den Entschluß, sobald sich dies irgendwie durchführen ließe, nach Jena zu gehen und bei Haeckel zu arbeiten. Zunächst aber ging ich, nachdem ich das Gymnasium absolviert hatte, nach Wien, um Medizin zu studieren. Zu diesem Studium 1 Haeckd-Festschrift. Bd. II I trieb mich nicht bloß eine von früher Kindheit genährte Neigung — mein Vater hatte mich, allerdings um mich abzuschrecken, schon als fünfjährigen Knaben zu Operationen mitgenommen, — sondern auch eine alte Familientradition. Die Lehrer, die in den ersten zwei Jahren für mich am meisten in Frage kamen, waren Hyrtl und Brücke. Hyrtl war einer der glänzendsten Redner und größten Schauspieler, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Zu uns Studenten trat er aber in kein näheres Verhältnis; ich hatte zwar versucht, ein solches anzubahnen, indem ich ihm ein von mir aus Lindenholz geschnitztes menschliches Skelett von etwa 70 cm Höhe überbrachte, jedoch bestand die Antwort eigentlich nur in salbungsvollen Reden über die Schwierigkeit des Studiums der Anatomie. Im Seziersaal kümmerte er sich wenig um uns. So konnte ich also aus der persön- lichen Bekanntschaft mit ihm wenig Nutzen ziehen. Zu Brücke aber trat ich erst in späteren Jahren in nähere Beziehung. Der Unterricht in der Zoologie lag damals in Wien recht im Argen. Zu zoologischen Übungen war keine Gelegenheit vorhanden. Der Zoologe Schrnarda, ein vielgereister Mann, der sehr amüsant er- zählen konnte, erlaubte mir zwar, die Universitätssammlung zu be- suchen, aber das war auch alles: weder er noch sein Assistent küm- merten sich um mich. Ich wandte mich daher an das naturhistorische Hofmuseum, fand aber auch dort nicht, was ich suchte. Ich wurde in die Abteilung für Echinodermen gewiesen und erhielt den Auftrag, die in den Schränken aufbewahrten Spatangiden zu bestimmen. Damit hatte ich aber keine große Freude, und so war ich denn wieder ganz auf mich selbst angewiesen. Um so mehr wuchs in mir der Wunsch, in einem zoologischen Laboratorium unter einer tüchtigen Leitung zu arbeiten. Aus diesem Grunde ging ich in meinem fünften Studiensemester (1873/74) nach Leipzig. Daß ich nicht sofort nach Jena ging, hatte in erster Linie darin den Grund, daß mir der Abstand zwischen dem Universitäts- leben einer so kleinen Stadt wie Jena und einer so großen wie Wien etwas zu gewaltig schien; ferner war ich bei meinen bisherigen Stu- dien so oft auf den Namen Leuckart gestoßen, daß ich den Wunsch hatte, ihn persönlich kennen zu lernen. An meine Leipziger Zeit denke ich immer mit aufrichtiger Freude und Dankbarkeit. Leuckart war ein prächtiger Mann, der sich um |E]gggggggG]ggggggE]gggggggggE]EigE]E]E]E]E]G]G]E]E]E]E]E]B]EJE]EJH]E]E]E]EJE]E]E] seine Schüler mit aufrichtiger Teilnahme kümmerte. Aber auch seine Assistenten und alle, die bei ihm arbeiteten, standen zueinander in sehr angenehmem, anregendem Verkehr. Nun benützte ich den sächsischen Bußtag (ungefähr 20. November) zu einem Ausflug nach Jena und Wei- mar. Ich gab natürlich ein paar Tage zu, so daß ich etwa 3 — 4 Tage von Leipzig wegblieb. Meine Absicht war vor allem, Haeckel persönlich ken- nen zu lernen und für den nächsten Sommer eine Wohnung zu mieten. Ich besuchte zunächst Haeckels Vorlesung. Offen gesagt, war ich davon etwas enttäuscht. An ihren Inhalt kann ich mich nicht mehr er- innern ; sie hat also augenscheinlich keinen großen Eindruck auf mich gemacht. Auch hatte ich erwartet, einen zum Erdrücken vollen Hör- saal zu finden, in dem mindestens die Hälfte aller Studenten Jenas ver- sammelt war. Ich fand aber einen recht kleinen Saal, der gähnende Lücken aufwies. Aber alles das konnte meine Verehrung Haeckels, die mittlerweile durch das Studium seiner „Generellen Morphologie der Organismen" noch gestiegen war, nicht im geringsten erschüttern. Nachmittags machte ich Besuch in Haeckels Wohnung. Es dürfte wohl unmittelbar nach Tisch gewesen sein, und ich fürchte fast, Haeckel im Nachmittagsschlummer gestört zu haben. Ich war eben zu jener Zeit noch ein richtiger Bauernjunge, der keine Ahnung davon hatte, daß es auch Menschen gibt, die nach Tisch zu schlafen pflegen. Übrigens ließ sich Haeckel nicht verleugnen; er kam im Schlafrock aus einem Nebenzimmer und hörte mich ruhig an. In der Tat: er hörte mich sehr ruhig an, und die Szene zwischen ihm und mir hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit der zwischen Mephisto und dem Schüler. Zwar trug ich ihm in Ehrfurcht und klopfenden Herzens meine Absicht vor, sein Schüler zu werden. Dann zeigte ich ihm die Zeugnisse über die in Wien bestandenen Prüfungen aus Zoologie, Botanik und Mineralogie, die die besten Noten auswiesen. Aber alles das machte auf ihn keinen Eindruck, und er entließ mich bald mit den Worten, ich solle nur im Sommer kommen. Als bald darauf Leuckart von meiner Absicht erfuhr, sagte er sehr bestimmt: „Wenn Sie nach Halle gehen, gebe ich Ihnen die besten Empfehlungen mit." Ich hatte aber nicht Lust, bei Giebel zu arbeiten, und blieb bei meinem Entschluß. In den nächsten Osterferien (1874) sammelte ich in meiner Heimat eine große Menge von Schneckenlaichen (Limnaea, Planorbis, Physa und Ancylus), zeichnete viele Embryonen und nahm die Zeichnungen nach Jena mit. Ich fragte Haeckel, ob ich nicht die angefangene Ar- beit weiterführen solle, was dieser entschieden bejahte. So entstand meine erste Arbeit „über die Ontogenie der Süßwasser-Pulmonaten"; sie war eine Erstlingsarbeit mit manchen Vorzügen, aber auch vielen Fehlern einer solchen. Das, was mir damals vor allem fehlte, war eine gute histologische Grundlage. Der praktisch-histologische Unter- richt war zu jener Zeit weder in Österreich noch in Deutschland genügend organisiert. Er lag fast ganz in den Händen mehr oder weniger geschickter und tüchtiger Assistenten der Anatomie oder Physiologie. Einen solchen histologischen Kurs bei einem physio- logischen Assistenten hatte ich nun zwar in meinem vierten Studien- semester in Wien genommen; aber irgendeine Förderung hatte ich trotz des lebhaftesten Interesses, das ich dem Gegenstande entgegen- brachte, dabei nicht gefunden. Meine histologische Ausbildung ver- danke ich einzig und allein Brücke, unter dessen Leitung ich später mehrere Jahre arbeitete. Zu Ostern 1875 arbeitete ich als erster an der eben eröffneten und noch sehr notdürftig eingerichteten zoologischen Station in Triest. Im Sommer darauf kehrte ich nach Jena zurück und arbeitete jetzt über die Entwicklung der Malermuschel (Unio pictorum), die ich in großer Menge in der Saale sammelte. Auch jetzt war die direkte Hilfe und Anleitung von Seiten Haeckels gering. Aber es war auch nicht so sehr diese, die ich bei Haeckel suchte und schätzte, als vielmehr der ununterbrochene wissenschaftliche Verkehr mit ihm und die Anregung in allgemein entwicklungsgeschichtlicher und bio- logischer Hinsicht, die aus diesem Verkehr in reichstem Maße floß. Haeckel war sehr mitteilsam und hielt mit seinem oft sehr scharfen Urteil auch uns Studenten gegenüber nicht zurück. So konnte es nicht fehlen, daß er von allem Anfang an eine Menge Gegner hatte. Aber anderseits wirkte das ganze Wesen Haeckels, seine unerschütterliche Uberzeugungstreue, seine Begeisterung für den Fortschritt der Wissen- schaft und seine Unerschrockenheit im Kampfe um die Wahrheit, auf uns Schüler mit aller Macht ein und riß uns im Sturm mit sich fort. Nach dem Jahre 1875 kam ich noch wiederholt nach Jena, wenn ich auch von da an nur mehr in Wien studierte. Gewöhnlich benützte ich den Anfang der großen Ferien, die in Österreich schon in den ersten Wochen Juli beginnen, zu einem längeren Aufenthalte in Jena. Auch blieb ich bis zum Jahre 1894 in lebhaftem brieflichen Verkehr mit Haeckel. Meine weitere wissenschaftliche Ausbildung aber er- hielt ich seit dem Jahre 1875 in Wien. Hier war es vor allem Brücke, der auf mich den nachhaltigsten Einfluß nahm. Ich rechne es mir zu einem ganz besonderen Glück, aber auch zu einer ganz besonderen Ehre an, daß ich durch mehrere Jahre unter seiner Aufsicht und Leitung in seinem Institute arbeiten durfte. Hier erhielt ich die solide histologische Schulung, die mir bis dahin fast ganz gefehlt hatte. Ich betone aber ausdrücklich, daß ich dafür einzig und allein Brücke selbst zu Dank verpflichtet bin. Ich habe Brücke stets als einen der ersten Histologen verehrt und halte auch heute noch seine kleine Abhandlung über ,,die Elementarorganismen" für das beste, was über die Zelle geschrieben worden ist. So habe ich in Brücke gefunden, was mir Haeckel nicht geben konnte. Beiden aber bin ich in gleichem Maße vom Grunde meines Herzens dankbar. War mir bei Haeckel zuerst der Entwicklungs- gedanke in seiner ganzen Größe und Macht entgegengetreten und hatte durch ihn meine entwicklungsgeschichtliche Arbeit und For- schung eine bestimmte Richtung erhalten, so lernte ich durch Brücke die Notwendigkeit methodischer Arbeit, vor allem aber die Unentbehr- lichkeit strenger Selbstkritik kennen. Nach meiner Ansicht hat Haeckel seine größte Leistung schon als ganz junger Mann, im Alter von 32 Jahren, vollbracht: es war dies die in zwei Bänden erschienene ,, Generelle Morphologie der Organismen" (1866). Die zwei Jahre später erschienene „Natürliche Schöpfungsgeschichte" war eine Darlegung der Grundgedanken der generellen Morphologie für weitere Kreise. Dasselbe gilt von der Anthropogenie, die leider im Schematisieren schon nicht immer die richtige Grenze einhielt. Von den späteren populären Werken kommen fast nur die ,,Welträtsel" und ,,Die Lebenswunder" in Betracht. Ich halte diese Werke, vor allem ,,Die Lebenswunder" namentlich deshalb für wichtig und wertvoll, weil ihr Erscheinen in eine Zeit fiel, in der bei den meisten Vertretern der entwicklungstheoretischen Richtung eine gewisse Indolenz eingerissen war. Es war daher dank- bar zu begrüßen, daß der wiederauflebenden Reaktion beim großen Publikum ein Riegel vorgeschoben wurde. ggggggE|ggggggggggE]E]E]E]E]E]E]E]E]E]gG]E]E]E]E]E]B]E]E]E]gE]B3ElE]E]B]E]EJB]B]B]Ejg PAUL KAMMERER, WIEN: HAECKEL UND ICH; DER PLANET UND DER KIESELSTEIN o o o Beim gestrigen Sonntagsausflug wanderte ich zwischen einem Histo- logen und einem Philosophen, beide sehr gelehrt. DerHistologe richtete die nicht selten vernommene Frage an mich: „Was ist das eigentlich, der , Monismus'?" Und fügte — ich glaube mehr verfäng- lich als unwissentlich — die seltener gehörte Frage hinzu: „Rechnet sich nicht auch , dieser' Haeckel zu , diesem' Monistenbund?" Was mich veranlaßte, vorerst mit der Gegenfrage zu erwidern: „Haben Sie vielleicht schon einmal die , Welträtsel' in der Hand gehabt ? ' ' Er bejahte es, in unreifen Studentenjahren habe er allerdings die „Welt- rätsel" (läßt durchblicken: über die er nun längst erhaben sei) durch- geblättert, — und spitzte seine anfängliche Frage nunmehr daraufhin zu, daß er wissen wolle, welchen Wert ich jenem Werke zubillige. Ob ich es für nützlich oder schädlich, ob ich es überhaupt für nötig hielte. Wie erwartet, nahm jetzt der Philosoph mir die Antwort ab: „Die , Welträtsel' waren eine unbedingte Notwendigkeit, um diese ganze Richtung einer dilettantischen, sogenannten Philosophie ad ab- surdum zu führen. Das Buch spricht so sehr gegen sich selbst, daß es dadurch für sich spricht. Seine Daseinsberechtigung, seine segens- reiche Wirkung leitet sich ab aus dem Unsegen, den es anstiftet!" Echt philosophisch! — wird man finden. Gegenüber solchen Ge- sprächen reichlich abgeklärt, geriet ich trotzdem in Harnisch und er- klärte beiden: „Nur erst mal nachmachen, meine Herren, und eine ähnliche, gleichviel ob positive oder negative Kulturwirkung hervor- bringen, — dann allenfalls schimpfen, wenn Sie dann noch finden, daß Sie's besser gemacht haben!" — Worauf man sich von mir ab- wendete mit der Bemerkung, man verschmähe es, in Haeckelscher Weise Rattenfänger, Reklameheld zu spielen. Die „echte" Wissen- schaft soll nämlich mit menschlichen Interessen nichts zu tun haben ; sie ist nur da für das Dutzend Fachgenossen — durch Popularisierung wird sie entweiht. Andererseits sei die Wissenschaft aber auch un- fähig, eine Weltanschauung zu bilden: man solle die Wissenschaft hüten vor Übergriffen der Weltanschauungen, aber auch diese vor dem Einbrüche der Wissenschaft! Und am allermeisten soll wahre Wissenschaft freibleiben von Politik. — Letzteres gerne zugegeben : Die Wissenschaft sei rein von Politik, das einzelne Wissensgebiet meinet- wegen auch rein von Weltanschauung ; ob aber Politik oder gar Welt- anschauung frei von Wissenschaft? Ich sparte mir die Diskussion bis zum nächsten Ausflug. Jeder, der die Bewegung um Haeckel einigermaßen miterlebt hat, wird zu würdigen verstehen, daß das soeben wiedergegebene Gespräch und daß insbesondere die in ihm enthaltenen Einwände gegen Haeckel typisch sind. Ich kann es weiterhin nicht besser illustrieren, als wenn ich berichte, in welcher (vielleicht doch nicht ganz gewöhnlichen) Art ich selber zu Haeckels Schriften und meiner heißen, weit über das, was man Verehrung für einen Großen nennt, hinausgehenden Liebe zu Haeckel gekommen bin. Man verzeihe, wenn deshalb hier zu viel von meiner Wenigkeit die Rede ist ; wie, und daß es nicht als Unbe- scheidenheit gemeint ist, bescheinigt der Titel dieses anspruchslosen Aufsatzes ; gleichwie Aktion und Reaktion zwischen beliebigen Natur- körpern wechselseitig besteht, sogar bei so verschieden großen, wie der Erdkugel und einem auf ihrer Oberfläche liegenden Steinchen — , so auch zwischen dem Riesen, Altmeister und Großvater Haeckel und dem Zwerg, Jünger und Enkelkind Kammerer. Jedoch das Steinchen, von allgewaltiger Gravitationskraft des Himmelskörpers bewegt, gerät ins Gleiten und Schürfen, schleift ab und wird selbst abgerieben; stürzt dann, alles niederzwingend, die Steinlawine donnernd zu Tal, so hatte an der Befreiung des Berggipfels vom Schutt das kleine Steinchen denselben unentbehrlichen Anteil, wie all seine Mitdränger und Nachbarn: als bescheidener Durchschnitt will hier das ver- messen klingende ,,und Ich" genommen werden! Ich hatte ursprünglich, als Volksschüler und Gymnasiast, nur Freude am Beobachten der Lebensgewohnheiten freilebender und gefangener Tiere und erwarb mir durch Sammeln fast aller Tiergruppen nicht zu unterschätzende Kenntnisse von deren äußeren Formen. Daneben begann ich auch schon mit ersten schüchternen Versuchen, die Lebensbedingungen meiner Pfleglinge künstlich abzuändern, um dadurch mittelbar auch auf die Lebensgewohnheiten, ja womög- lich die Formen abändernd einzuwirken. Mit einem Wort, ich war in erster Linie Ökolog, in zweiter Systematiker, beides schon mit ex- perimentellem Einschlag — , als solcher kam ich an die Universität und fühlte mich sofort tief unglücklich. Das, was ich für Zoologie gehalten, wofür ich mich so glühend interessiert hatte, war anscheinend gar nicht die wirkliche Zoologie gewesen: denn das, was ich im Hör- saal und Laboratorium nun dafür zu hören und zu bearbeiten bekam, war etwas ganz anderes. Bei aller Einsicht und bei allem Glauben, daß eben diese, mir jetzt erst offenbar werdende Zoologie die einzig richtige sei und ich mich all die Schulklassen und Jungens jähre hindurch in einem verhängnisvollen Irrtum bewegt haben müsse, wuchs dennoch eine Abneigung gegen das selbstgewählte und nicht ohne Kampf gegen das Elternhaus durchgesetzte Studium empor. Es beleidigte mich, daß man beim Betreten eines zoologischen Institutes gar kein Tier erblickte ; man roch Chemikalien, man sah vielerlei bunte Flüssigkeiten auf den Arbeitstischen stehen, — aber nirgends zeigte sich anderes Leben als das der Studenten, Assistenten und Professoren. Endlich ließ man mich durch ein Mikroskop sehen, dessen unheimlichen Tubus ich in geheimnisvoller Weise mit dem Schornstein eines Dampfers assoziierte, wovor ich mich als kleines Kind immer sehr gefürchtet hatte: ich nahm ein Schnittpräparat in Augenschein, durch irgend einen embryonalen Darm, — aber niemand fragte darnach, wie das ganze Tier aussah, aus dem der Darm entnommen war . . . Nun ist, wie allgemein bekannt — richtiger, viel mehr noch als man ahnt — , gerade Haeckel ein Begründer jener vergleichend anatomischen, histologischen und embryologischen Schule, wie sie noch gegenwärtig an den meisten zoologischen Instituten und Lehrkanzeln Deutschlands und Österreichs vorwiegend gepflegt wird. Und als ich um eben jene Zeit mit Haeckels Schriften, besonders mit der „Generellen Morpho- logie", „Systematischen Phylogenie" und „Anthropogenie" bekannt wurde, so geschah es mit uneingestandenen, aber aus mir selbst er- wachsenen (nicht wie sonst üblich, von fremder Seite übertragenen) Vorurteilen. Unwillkürlich lehnte meine geistige Fassungskraft alle Erzeugnisse ab, die sich mit dem i n neren Bau und seinen Wandlungen unter vorzugsweiser Beschreibung nur der gestaltlichen Verhält- nisse beschäftigten. Für das Endziel auch dieser Lehre, den Ent- wicklungsgedanken und die Deszendenztheorie, empfand ich nichts- destoweniger sogleich ein Gefühl, das ich latenten Enthusiasmus nen- nen möchte. Er war aber noch zu latent, um mich die anstrengenden Vorstufen, die Mittel zum Zweck waren, bereits überwinden zu lassen. 8 Nur aus der Idiosynkrasie, womit mir früher alles, was vergleichende Anatomie und Embryologie hieß, gleich ekler Speise widerstand, kann ich es heute erklären, wenn ich Haeckels Schriften sogar gedanklich zu schwer für mich fand. Ich konnte sie nicht zu Ende lesen ; ich begriff so vieles nicht. Ich hätte ein Lexikon der Fachausdrücke und voraus- gesetzten Tatsachen dazu gebraucht. Das ist es, was ich heute, nach gründlicher Umgestaltung meines Selbst, sogar in der Erinnerung schwer begreifen kann, trotzdem ich immer ein schwerfälliger Leser und Hörer gewesen bin. Ein Rest davon ist bis heute in mir zurückgeblieben: man findet allgemein, und sogar die Gegner geben es zu, daß Haeckels gemein- verständliche Werke glänzend geschrieben seien. Ich meinesteils kann mir nicht vorstellen, daß sie diesem Umstände die für ihr wissenschaft- liches Gepräge hundertfach sensationelle Verbreitung danken; ja nicht einmal, daß dieser Umstand, ihr Stil, ihre Diktion , etwas Wesentliches dazu beigetragen hat. So sehr mich die feurige Sprache in Haeckels kürzeren Veröffentlichungen hinreißt, die meist der Niederschrift eines mündlichen Vortrags ihre Entstehung verdanken (z. B. „Die Grenzen der Naturwissenschaft" 1 ), „Ostwald als monistischer Naturforscher" 2 ) usw. usw.), ebensosehr klingen meinem Ohr in den größeren Buch- publikationen, wo hierzu leichter Gelegenheit geboten, die häufige Wie- derholung gewisser Wortfolgen oder ständige Wiederkehr gewisser ähn- licher Ausdrücke als stilistische Härten, die das Lesen zuweilen mono- ton gestalten und mehr dem Inhalte als der künstlerischen Form zu- liebe lohnend machen. Haeckel selbst weiß das genau, wie sein Vor- wort zu „Lebenswunder" dartut. Sollten derartige Empfindungen bei Haeckels Freunden wirklich so selten vorkommen , daß ich darin eine unerhörte Ausnahme bin ? Oder hat nur das Vertrauen zu Haeckels Autorität ein Geständnis zurückgedrängt, das auch mir nicht leicht fiel ? Mit dem „Rattenfänger" Haeckel wäre es dann nichts ! Sehr oft habe ich Bücher, die bei weitem weniger voraussetzten und schöner geschrieben waren, vom Publikum unter Hinweis auf deren zu große Gelehrsam- keit und Schwerverständlichkeit ablehnen sehen ! Wie gewaltig muß bei Haeckel der Inhalt sein, um einen Siegeslauf zu gewährleisten, der die berühmtesten Prosawerke schöngeistiger Richtung in den Schatten stellt ! x ) Monistisches Jahrhundert II, Nr. 30. 2 ) ,,Wilh. Ostwald", Festschrift aus Anlaß seines 60. Geburtstages. Wien 1913. Ich war noch dabei stehen geblieben, daß die Zoologie eines Haek- kel mir deshalb unsympathisch war, weil sie mit der von mir erträum- ten Tierkunde nicht übereinstimmte; und daß ich Haeckels Schrif- ten, die mich auch formal unbefriedigt ließen, nicht verstand, nicht verstehen wollte. Als nun aber gar Haeckel gegen diejenige For- schungsmethode zu Felde zog, die mir die liebste war und mich auch vom unseligen Gefühle meiner Ohnmacht und Verfehlung im Studium errettet hatte ; als ich Haeckels niedrige Bewertung der experimentellen Biologie oder Entwicklungsmechanik las (in den „Lebenswundern" S. 4, 45, 156, in „Alte und neue Naturgeschichte" S. 20 usw.), da war ich auf dem besten Wege, ein heftiger Haeckel gegner zu werden. Zu dieser Zeit fielen mir erst die „Welträtsel" in die Hände. Zu schildern, was ich beim Lesen, — nein, gierigen Einschlürfen dieses wunderbaren Buches empfand, und was alles es mich lehrte, über- schreitet bei weitem die Mittel meiner Darstellung. Was etwa noch einseitig und unreif an mir gewesen war, das wurde nun vielseitig oder, besser, aufs allseitige hingelenkt. Hatte ich früher in absicht- licher Weltfremdheit nur meinem Spezialstudium gelebt, so daß bei- spielsweise meine Unkenntnis der durch Zeitungen verbreiteten Tages- ereignisse mich zum Gespött meiner Freunde machte, so lernte ich jetzt Teilnahme an meiner menschlichen und kulturellen Umgebung. Hatte ich früher keinen Zusammenhang gesehen zwischen Naturge- schichte und Menschheitsgeschichte, trotzdem mir die Abstammung des Menschen von tierischen Ahnen unleugbar erschien, so nahm ich jetzt Interesse an öffentlichen Einrichtungen und gesellschaftlichen Bewegungen, weil ich sie dem allgemeinen biologischen Geschehen einordnete. Am frappierendsten für meinen Kreis, um nur ein Beispiel jener vielfältigen Wirkungen herauszugreifen, war die plötzlich er- wachte Stellungnahme zur Politik, um die ich mich bisher wohl am wenigsten bekümmert hatte. Man war gewohnt gewesen, mich dessent- wegen zu belächeln, es aber offenbar gleichwohl nicht unerfreulich zu finden. Dann aber benutzten plötzlich diejenigen, denen meine neuer- dings so radikalen Urteile nicht behagten, die frühere Ignoranz, um sich darauf, auf mein Unverständnis in politicis, zu berufen und um mir folglich das Recht, mitzusprechen, abzusprechen. Das Gesetz der Entwicklung, der Änderung durch Entwicklung war diesen sachver- ständigen Kritikern unbekannt. 10 gggBjgE]ggsaSi]i]aS§SlIS33ilB13SS3Si]SS!SailSE]ilSaG]G]E]E]E]E]gE]g!B]SiE]g!g Muß ich Haeckels „Welträtsel" als dasjenige Werk bezeichnen, das meinen Blick vom Speziellen aufs Allgemeine lenkte, so darf ich zugleich das Reziproke behaupten: Haeckel erzog mich auch dazu, den allgemeinen Wert im Speziellen zu erkennen. Wer in moni- stischer Denkweise bewandert ist, wird dies als selbstverständlich und obendrein als charakteristisch empfinden. In jener Zeit nämlich, da mir die Auffindung eines neuen Fundortes vom Moorfrosch in Kärnten oder die Frage, ob der norddeutsche gestreifte Feuersalamander einen besonderen Varietätennamen verdiene, wichtiger erschien als ein Wahl- sieg der Christlichsozialen oder die Aufführung eines Dramas von Gerhart Hauptmann im Burgtheater, — in jener Phase fühlte ich mich mit meiner Tätigkeit durchaus unbefriedigt. Der Drang nach gemeinnütziger Betätigung war, wenn auch unklar, lebendig in mir. Ich beneidete den Arzt, den Techniker, ja den Priester, weil ich seinem Beruf einen Nützlichkeitswert zuerkannte, den ich dem meinigen inner- lich absprechen mußte. Lebhaftestes Interesse für die Fortpflanzung der Geburtshelferkröte konnte mich nicht dem betrübenden Gedanken verschließen, daß ihre minutiöse Erforschung zum Wohle der Gesamt- heit keinen Beitrag liefern könne. Nun aber wieder die „Welträtsel" : Zu deren intensiven Kultur- wirkungen (unbesehen, ob sie in positivem oder negativem Sinne ge- wertet werden mögen), zu deren übermächtiger Beeinflussung der Denkentwicklung hatten doch Spezialarbeiten , Haeckels klassische Monographien, Unendliches beigesteuert, waren die Strahltierchen, Röhrenquallen und Schwämme ebenso viele Bausteine gewesen ! Und was bei Haeckel nicht bodenständig war, was der Darwinismus in ihn hineingetragen hatte, um sein Prophetentum erst richtig zu vollenden, das war ebenfalls auf der Mosaikarbeit eines gewissenhaften Tatsachen- sammlers emporgewachsen, war zum Weltall umspannenden Wunder- bau gediehen auf dem Boden rastloser Kasuistik und Beobachtungs- technik, wofür Darwin selber seinen Zeitgenossen und Nachfolgern, Anhängern und Gegnern als fast unerreichbares Muster gilt. Also mußte der Naturforscher, mit seinen Originalarbeiten beschäftigt, doch nicht notwendigerweise ein unnützer Schmarotzer der menschlichen Gesellschaft sein ! Nun erst gewann ich meine Wissenschaft und nicht zuletzt darin meinen Haeckel lieb, — nun erst war die Gefahr des Verbummeins aus Mangel an Freude (an Überzeugung, fruchtbar tätig II ^EjggsjgggggggB]ggggggggggggggggE]E]S3B]E]E]gE]B]B]E]H]i3]E]E]E]E]^H]g]n]E]G] zu sein) endgültig vorüber. Ohne Leiden und Zweifel durfte ich meine volle Kraft dem Gebiete widmen, dem angeborene Neigung mich zu- gewiesen hatte. Ein berechtigter Gemeinplatz fordert, die Gebildeten, namentlich die Gemeinde der Hochschulen, seien die berufenen Führer des Volkes, und Ostwald sagt in seiner Begrüßung zu Haeckels 79. Geburts- tag 1 ): Man habe heute kaum noch eine Vorstellung davon, was ein Universitätsprofessor als Haupt seiner Nation bedeuten könne. Der Anspruch ist aber nur erfüllbar, wenn einerseits der Spezialforscher sich nicht den öffentlichen Interessen verschließt, anderseits die maß- gebenden Stellen der öffentlichen Verwaltung ihn nicht in seine Schran- ken verweisen. Macht etwa der Unterrichtsminister von einem Ge- lehrten, aber Nicht-Juristen, der seine Ansicht über gesetzliche Be- stimmungen des Schulwesens äußert, keinen Gebrauch mehr, so wird die Mehrzahl der Kollegen sich fürderhin nicht nur vor gleicher „Über- tretung" hüten, sondern im Wiederholungsfalle von derselben oder anderer Seite sofort die Anklage wegen „tendenziöser Wissenschaft" erheben. Die Reaktion setzt sich dann derart selbst in den hellsten und freiesten Geistern fest, daß es mit jeglicher Führerschaft vorbei ist. Es heißt dann wieder in Regierungskreisen, die Hochschulen seien nicht einmal fähig, sich selber (autonom) zu verwalten; man müsse ihnen mit geschulten Verwaltungsbeamten behufs Führung, recte Ver- gewaltigung der Amtsgeschäfte zu „Hilfe" kommen. Für derartiges noch ein persönliches Erlebnis zum Exempel: Als meine Broschüre „Sind wir Sklaven der Vergangenheit oder Werk- meister der Zukunft ?" erschien, sagte mir ein sehr bedeutender Biologe nach gewissenhafter Lektüre folgendes: „Ihre Schrift zerfällt in zwei inkongruente Abschnitte, im ersten besprechen Sie Ihre Experimente über Vererbung erworbener Eigenschaften, — daran ist nichts auszu- setzen. Im zweiten ziehen Sie aus Ihren wissenschaftlichen Unter- suchungen politische Konsequenzen, ohne daß zwischen diesen und jenen irgendwelcher Zusammenhang ersichtlich ist. Wenn Sie durch- aus politisch tätig sein wollen, warum setzen Sie sich nicht für die Kanalisierung des Wiener Praters ein oder dergleichen?" Der Krebsschaden liegt darin, daß die besten Köpfe überall be- x ) Monistisches Jahrhundert II Nr. 22, Februar 191 3. 12 gggs]E]ggggggggggE]ggggggE]gggggEigggE]E]E]E]B]E]E]E]G]G]E]E]B]E3E]E]G]E]gE] stehende Zusammenhänge einfach nicht zu sehen vermögen, daß sie blind sind dafür. Daß sie, auch wenn sie hinlänglich gewissensfrei sind, nicht mehr einsehen können, wie doch jedermann öffentliche Dinge nur von seinem Gebiet aus bearbeiten sollte, wo er etwas ver- steht, — nicht aber eine Staatswissenschaft und Parteipolitik begün- stigen, die losgelöst ist von jeder anderen Wissenschaft, so gut wie jede Wissenschaft von ihr, und wovon er nichts und niemand etwas versteht! Die „Kanalisierung des Praters" gehörte auch nicht ins Ressort des „Politikers an sich", sondern in das des Hygienikers, der aber nun wiederum „parteiische Wissenschaft" betreibt, wenn er sich damit befaßt. Warum will niemand von „wissenschaftlicher Partei- politik" hören? Was hier vom Gemeinwesen gilt, zu dessen Gedeihen jedes Gebiet des Wissens und Könnens seinen (und nicht einen fremden) Teil beitragen muß, das soll auch für die Philosophie gesagt sein, die doch ebenfalls ein Sammelgebiet der Erkenntnis darstellt. Nur hat die Wissenschaft dort (in staatlichen, politischen Angelegenheiten) ab- zuliefern, was von ihren Errungenschaften praktisch verwertbar ist; hier (in der Welt Weisheit) beizutragen, was an Detailkenntnissen sich zur allgemeinsten Erkenntnis sublimieren läßt. An dieser Synthese mitzuarbeiten, darf dort schwerlich dem Zunftpolitiker, hier keines- falls dem Zunftphilosophen allein überlassen bleiben. Dieser wie jener ist eine Null ohne die Darbietungen der Spezialarbeiter, gleichwie ein Herrscher nichts ist ohne sein Volk, das er beherrscht. Es sei denn, man stellte sich auf den von abstrakten Philosophen nicht selten vertretenen Standpunkt, die einzelne Wissenschaft wie auch die Vereinigung aller einzelnen Wissenschaften befinde sich nicht in der Lage, eine Weltanschauung zu errichten, sondern höchstens — nach feiner Unterscheidung des Physikers Einstein, des Mathe- matikers Bolzano — ein Weltbild, eine Naturanschauung. Ich bekenne, daß ich mich hier nicht mehr kompetent fühle. Der Dualismus zwischen Welt und Natur, ja Anschauung und Bild ist meinem Verstehen nicht zugänglich. Ich bemühte mich bisher, die praktische, sozusagen eubiotische Wirkung der „Welträtsel" anzugeben; ich habe am Beispiel einer Person (nur deshalb meiner selbst, weil ich mich notwendig am besten kenne) die Erhöhung der Lebensfreude und be- wußt gestaltenden Lebensfähigkeit beschrieben, die wohl für den Ein- 13 gggg]gg^E]ggggg^ggggggS]ElE]5]ElE]E]E]E]E]E]ElE]E]E]G]E]E]E]ElE]G]gE]E]E]ElB]E]EIE]5] druck jenes lebensprühenden, lebensspendenden, idealistischen Werkes auf seine Leser kennzeichnend ist. Soll ich nun noch ein vervollständigendes, abschließendes Wort sagen über seinen vielbestrittenen philosophischen Wert, so muß ich gestehen, daß die Philosophie jener wirklichen und schulgerechten Philosophen, die den „Welträtseln" jeden Wert absprechen, mir trotz redlichen Bemühens verschlossen blieb. So muß ich folgerichtig mich des Urteils darüber bescheidentlich enthalten. Nur rein logisch läßt sich ableiten, daß die Behauptung, mit Wissen- schaft käme man zu keiner Weltanschauung, zu keiner Philosophie, umkehrbar ist: die Bildung einer Weltanschauung, eines philosophi- schen Systems, kann dann mit Wissen nichts zu tun haben, kann keine Wissenschaft sein. Die Philosophie begibt sich damit des An- spruchs, noch länger als Wissenschaft anerkannt zu werden. Das soll nicht in abfälligem Sinne, sondern ganz nüchtern als strenge logische Folgerung gemeint sein: die Philosophie mag dann alles mögliche andere Schöne sein — Glaube n, Religion, Dogma, Kunst — , was man will, nur eben nicht Wissenschaft, -wenn sie sich selbst von ihr lossagt. Kehren wir nochmals zu dem gesprächsweise geäußerten Gedanken eines berufenen Philosophen zurück, den wir eingangs zitierten und wonach die „Welträtsel" nötig waren, um sich in ihrer Qualifizierung als Philosophie ad absurdum zu führen, — so dürfen wir jetzt zum guten Schlüsse in voller Unvoreingenommenheit aussagen: die „Welträtsel" haben ihrerseits die schulgemäß anerkannte Philosophie in ihrer Cha- rakterisierung als Wissenschaft ad absurdum geführt. Gibt es über- haupt eine wissenschaftliche Philosophie (welchen Titel die scho- lastische und scholarchische Philosophie verschmäht), so ist es die undogmatische, nicht „weltliche", sondern nur „natürliche" Philo- sophie der „Welträtsel"! 14 ggggggE]ggggE]gggggggggE]G]EJE]E]E]E]g]o]E]E]5]E]E]E]E]S]E]E]E]5JElE]ElG]BJE]E]E]E]E] JACQUES LOEB, NEW YORK o o o Der Verfasser dieser Zeilen begrüßt es dankbar, daß ihm Gelegen- heit gegeben wird, dem verehrten Vorkämpfer für Gedanken- freiheit seine ergebensten Glückwünsche zum 80. Geburtstag aus- drücken zu dürfen. Als Gymnasiast wurde er mit Haeckels Schriften bekannt. Die- selben bestärkten in ihm Vorstellungen, welche schon früher die Lektüre von Büchners „Kraft und Stoff" sowie die Einleitung zu Schleidens Botanik in ihm angeregt hatten. In seiner Vaterstadt, einem kleinen Orte auf dem linken Rheinufer, hatte der Verfasser genügende Gelegenheit, die Intoleranz eines kirchlichen Regimes kennen zu lernen. Das begeisterte Eintreten Haeckels für Gedanken- freiheit fiel daher bei ihm auf fruchtbaren Boden, und noch heute klingt ihm ein Vers aus einer polemischen Schrift Haeckels im Kopfe : Wer die Wahrheit kennt Und sagt sie frei, Der kommt in Berlin Auf die Hausvogtei. Das trifft zwar heute nicht mehr buchstäblich zu, aber die Aus- schließung von Professuren oder amtlichen Stellen im allgemeinen, der gesellschaftliche und womöglich ökonomische Ostrazismus, die dem aktiven Freidenker zuteil werden, sind auch eine Art Hausvogtei. Der Schreiber dieser Zeilen bedauert es, daß ihm jahrelang nicht vergönnt war, an der Seite Haeckels zu kämpfen. Das Bestreben, die allgemeinen Lebenserscheinungen von rein physikalisch-chemischen Gesichtspunkten zu analysieren, zog dem Verfasser systematische An- griffe nicht nur von Seiten der Reaktionäre zu, sondern auch von Seiten vieler Darwinisten, welche in dem Wahn befangen waren, daß die rein spekulative und deskriptive Richtung der Biologie für alle Zeiten die allein maßgebende Forschungsrichtung bleiben müsse. Haeckel hatte an dieser Sachlage keinen Anteil. In die Kreise der Monisten wurde ich gezogen, als Wilhelm Ostwald mich einlud, einen der öffentlichen Vorträge bei der Tagung des Mo- nistenbundes in Hamburg zu übernehmen. Ich drückte ihm damals meinen Zweifel aus, ob ich willkommen sein würde. Die Freundlich- H3SSS331iaS51S!llE!SS^S§iSElSSlS3SS3E]SiSSSE]SSaE]SSiS3SSi3^@S!E!a31IS 15 g§ggg]gggggE]gE] S] E] E) EJ E] E] B] E] G] G]E]E]E]E]E1E]E] 5) S]33ä]i]!£] E13333 3351 3333339 keit, mit der ich in Hamburg auch von den intimsten Anhängern Haeckels aufgenommen wurde, wird mir unvergeßlich bleiben. Ein freundlicher Brief Haeckels ist mir ein schönes Andenken an die Hamburger Tage. Wir Monisten lehnen den Gedanken an Unsterblichkeit ab, und es ist für uns auch eine Inkonsequenz, von der Unsterblichkeit der Lei- stungen oder Bestrebungen eines Individuums zu reden. Aber wir dürfen dankbar und mit Ehrfurcht derjenigen gedenken, die uns Ideale, d. h. humanitäre Ziele, gegeben haben. Unsere Glückwünsche an Haeckel kommen deshalb aus vollem Herzen. QP 100 33EjEjEjEjEjEjEjEjsjBjEJEjE]EjsjG]E]E]Ejgl3333äl31l3333333S3333S331133333i]33 16 CARL RIESS, HAMBURG Aus der Schule kam ich, wie wohl jeder deutsche Junge meiner Generation, ohne jede Kenntnis des tatsächlichen Lebens, seiner sozialen und wissenschaftlichen Verhältnisse, dafür aber vollgepfropft mit einem Wissen vergangener Zeiten, das uns ohne jeden inneren Zusammenhang, ohne jeden Hinweis auf die Gegenwart oder gar die Zukunft eingetrichtert worden war. — Ich wollte als Hamburger Junge Kaufmann werden, trat in eine kaufmännische Lehre und bin Kauf- mann geworden. Ich habe diese Berufswahl nie bereut, denn ich halte den modernen Kaufmann, der die Verpflichtungen seines Berufes mit Ernst erfaßt, die Probleme des drängenden Lebens um ihn mit offenem Auge und frischem Geist betrachtet, für einen der wichtig- sten Kulturträger unserer Zeit. Aber nicht davon will ich sprechen. Was mir Ernst Haeckel in meiner persönlichen Lebensentwicklung war, möchte ich erzählen. Von dem grüblerischen thüringischen Vater her mit philosophischen Interessen erfüllt — die praktischer denkende Hamburger Mutter brachte mir andere Eigenschaften — , war ich bald in einen Kreis junger Leute gekommen, die sich die Lösung der tiefsten Probleme der Menschheit zur Aufgabe gemacht hatten. Die Heilswahrheiten der christlichen Offenbarung, die man uns unsere ganze Schulzeit hindurch gelehrt hatte, waren für uns alle im Leben draußen gar bald verloren gegangen. Wir hatten alle erkennen müssen, daß andere Kräfte und Voraussetzungen das wirkliche Leben beherrschen. Unser christliches Weltbild war unter dem Andrang des Lebens zusammen- gestürzt, und wir bemühten uns nun, uns ein neues zu formen. Es waren köstliche Stunden, die ich in diesem Kreise verlebt habe. Sie sind heute in alle Weltgegenden zerstreut, meine Freunde von damals, aber sie sind alle, bis auf einen, freie und fortschrittlich denkende Männer geblieben; dieser eine fand den Weg zum Verband zur Be- kämpfung der Sozialdemokratie. In einem stillen Cafe, (es gab damals noch stille Cafes in Hamburg) kamen wir oft zusammen, um unsere Ideen auszutauschen, und dem Zuge der Zeit folgend waren wir bald mitten in der damals ihre höch- sten Triumphe feiernden spiritistischen Bewegung. Einige von uns 2 Haeckel-Festschrift. Bd. II 17 ggg^ggggggg^gggE]ggggE]ggG]EJG]E]G]E]E]E]G]E)E]G]E]E]E]E]E]E]E]B]E]E]E]E]E]E]G]E]g waren Mitglieder einer spiritistischen Vereinigung und erzählten den Hellaufhorchenden von den Taten der Geister: Tischrücken, Blumen- apporte (das Blumenmedium Anna Rothe arbeitete damals noch un- entlarvt), Materialisationen usw. Wir waren überzeugt, auf dem rich- tigen Wege der Lösung der Welträtsel zu sein. Gleichzeitig ging eine Hochwoge der theosophischen Bewegung über Deutschland. Hübbe- Schleiden gab seine „Sphinx" heraus, Hartmanns „Lotosblüten" waren unsere Lektüre, die Blavatzky und Anna Besant unsere Prophe- tinnen. Im Laufe der Zeit nahmen unsere Zusammenkünfte festere Formen an, wir schlössen uns zu einer kleinen „Philosophischen Ge- sellschaft" zusammen, und unter dem Vorsitz eines Arztes, der sich noch heute bemüht, die Grenzen menschlichen Wissens durch meta- physische Spekulationen zu erweitern, suchten wir in die Tiefen theo- sophischer Weltweisheit einzudringen. Aus diesem Kreise wurde ich dann durch meine Übersiedelung nach Paris herausgerissen. — Ich habe mich absichtlich etwas länger bei dieser Schilderung meiner philosophischen Erstlingsschritte aufgehalten, weil sie mir heute symptomatisch erscheinen. Hätte man uns in der Schule, anstatt uns mit allen Mitteln in den Ideenkreis einer überlebten jüdisch- christlichen Vorstellungswelt einzuführen, eine moderne, auf Natur- wissenschaft und Soziologie begründete Staatsbürgererziehung an- gedeihen lassen, dieser ganze Ausflug in die mystische Verworren- heit spiritistisch-theosophischer Spekulationen wäre unmöglich ge- wesen. Daher halte ich die Einführung einer modernen, auf den Naturwissenschaften basierten, reinweltlichen Schulbildung für eine der wichtigsten Vorbedingungen freiheitlichen Kulturfortschritts. Da ich in Paris geschäftlich sehr in Anspruch genommen war, so verblaßten meine philosophischen und metaphysischen Interessen, und ich kehrte nach einigen Jahren ziemlich neutral in allen Dingen der Weltanschauung nach Hamburg zurück. Sobald ich mich aber wieder in die Hamburger Verhältnisse eingelebt und meine geschäft- liche Position gesichert hatte, kamen die alten Jugendinteressen wie- der zum Vorschein. Ich hatte mich inzwischen — nicht zuletzt an- geregt durch die gewaltigen Fortschritte der Technik — mit den Naturwissenschaften beschäftigt, und so war es nur selbstverständlich, daß ich damals auf die aufblühende naturwissenschaftliche Bewegung aufmerksam wurde. Ich fing an, mich mehr und mehr mit den in gggG]gggggggggggggggggE]gE]ggE]gE]G]B]E]E]E]EiB]S]B]G]E]E]S]gE]E]E]E]E]E]E]E]gj 18 cggB]ggB]ggE]ggggggggggggggggggggE33E]E]E]E]g]E]gE]E]E]E]E]E]G]E]E]G]E]E]E]G] öffentlichen Vorträgen und Diskussionen aufgeworfenen Fragen der Entwicklungslehre und des Menschenproblems zu beschäftigen. Ich las Darwin und nahm eines Sommers Haeckels „Welträtsel" mit auf die Urlaubsreise an die stillen Gestade der holsteinischen Binnenseen. Und in der Lektüre dieses Buches fand ich eine Antwort auf die Fra- gen, die mich immer wieder beschäftigt hatten, hier waren alle die einzelnen Ergebnisse menschlichen Wissens von Natur und Leben zu einem großen einheitlichen Weltbild zusammengefaßt. Nie in meinem Leben hatte mich die Lektüre eines Buches so gepackt wie diese. Hier sah ich den Weg zu einer neuen Stellung des Menschen in der Natur und zu seiner sozialen Umgebung. Mein ganzes Leben bekam einen neuen Inhalt. Die Lektüre der „Welträtsel" regte mich an, mich weiter in die einzelnen Gebiete menschlichen Forschens zu vertiefen, meine Welt- und Lebensanschauung immer fester in den Natur- wissenschaften zu verankern. Neue Lebenskraft und -freude ist in mir erstanden. Die von Ernst Haeckel fundierte, von seinen Schülern und Freunden, ja von allen freiheitlichen Forschern ausgebaute moni- stische Welt- und Lebensanschauung, zu der ich mich nun freudig be- kannte, brachte mir einen neuen Menschenstolz, eine neugeartete Arbeitsfreudigkeit, unablässig mitzuwirken für die Befreiung und den Fortschritt der Menschheit. So bedeutet die Bekanntschaft mit Ernst Haeckels ,, Welträtseln" meine eigentliche Menschwerdung, und die fundamentale Wirkung dieses Buches in meinem Leben hat auch bis heute noch keine Ab- schwächung erfahren. Wenn auch meine monistischen Anschauungen sich im Laufe der Jahre durch Beschäftigung mit naturwissenschaft- lichen und philosophischen Fragen — nicht zuletzt angeregt durch Wilhelm Ostwald — vertieft und erweitert haben, die Grundlage meiner Anschauungen ist doch der große einheitliche Wurf der „Welt- rätsel" geblieben. Und daran hat auch alle Kritik der „Welträtsel" nichts ändern können, die niemals den großen einheitlichen Gedanken zerstören konnte. Sie hat sich mit dieser oder jener, vielleicht von Haeckel selbst in seinem Schöpferrausch (er hat uns einmal selbst erzählt, wie die „Welträtsel" entstanden) nicht mit letzter Schärfe aus- gesprochenen Einzelheit beschäftigt oder aus vorgefaßter Meinung das ganze Buch verworfen. Alle ernsthafte wissenschaftliche Kritik aber hat den Bau noch immer in seinen großen Zügen bestätigen müssen. ggggggg^E]ggE]ggggggggggggggS]E]E]E]E]5]E]E]S]B]E3E]E]E]E3B]E]E3B]E]EJB]E]E]E]E] *9 @3E]E]gE]gg^g^^ElE]gggggB]ggggg^gggSG]ggG]B!E]B]GlE]E]S]E]5]E]E3B]E3E]G]E]ElE] Bei dieser Entwicklung meines Geisteslebens ist es nur selbst- verständlich, daß ich der im Januar 1906 von Ernst Haeckel und seinen Freunden erfolgten Gründung des Deutschen Monistenbundes freudig zustimmte und Mitglied dieser Vereinigung wurde. Ich habe dann später die Hamburger Ortsgruppe mit gründen helfen, und es gehört zu einer meiner schönsten Lebensfreuden, daß ich, getragen von dem Vertrauen der Hamburger Monisten, für meinen Teil an der guten Entwicklung der Hamburger Ortsgruppe und der Bedeutung, die sie sich für die gesamte monistische Bewegung erworben hat, habe beitragen können. Reiche Freude und großes Glück brachte mir meine Arbeit für den Monismus, durch sie habe ich die persön- liche Bekanntschaft, ja Freundschaft vieler trefflicher Männer und Frauen gewonnen, sie hat meine eigene Entwicklung gefördert und vertieft. Während meiner Tätigkeit für den Bund habe ich dann auch die Freude gehabt, Ernst Haeckel persönlich kennen zu lernen. Zuerst im Jahre 1907, als er die erste Delegiertenversammlung des Deut- schen Monistenbundes in Jena begrüßte. Und die hohe Verehrung, die ich für Ernst Haeckel bereits nach der Lektüre seiner Schriften empfand, hat sich von diesem Augenblick an nur noch gesteigert. Der Zauber seiner liebenswürdigen, lebensfrohen und kampfesmutigen Persönlichkeit muß jeden Menschen mit Sympathie für diesen un- erschrockenen Forscher erfüllen, und es gehört wahrlich der ganze fanatische Haß seiner klerikalen Gegner dazu, um das entstellte Bild zu ermöglichen, das von dieser Seite so oft von dieser edlen Männer- gestalt gegeben worden ist. So oft ich Haeckel auch später wieder sah, immer war er der gleich liebenswürdige, kampfesfrohe, am frei- heitlichen Fortschritt der Menschheit interessierte Mann, und niemals werde ich vergessen, mit welcher Milde und welch gütigem Verstehen er von den Angriffen und Beschimpfungen seiner Gegner sprach. — Mein letzter Besuch bei Ernst Haeckel war im November des verf lossnen Jahres. Ich war mit Wilhelm Ostwald zu ihm gegangen, um die Einzel- heiten des Ernst Haeckel-Schatz für Monismus mit ihm zu besprechen. Diese Zusammenkunft unserer beiden Führer, der ich so als beobach- tender Dritter beiwohnte, ihr angeregtes Gespräch über die neuesten Probleme wissenschaftlicher Forschung wird mir unvergeßlich bleiben, und das Bild dieser beiden herrlichen Männer, sich in Haeckels Arbeits- 20 §JSSi3SS1135S^!i]S13sISS5]S^]§E!E113SS]SS23Si3SSS35is!§!Hl]SiSSl]SE]5iE]E]B3EjB]Ej zimmer in freudiger und zugleich ernster Unterhaltung gegenüber- sitzend, hat sich mir tief eingeprägt. — So hat Ernst Haeckel und sein Werk auf mein Leben eingewirkt, und ich weiß, daß es vielen, vielen Tausenden ähnlich ergangen ist wie mir. Mögen sie alle nie vergessen, was sie dem immer noch jugend- frohen Kämpfer von Jena zu verdanken haben und stets bereit sein, ihre Schuld ihm gegenüber abzutragen, indem sie mitarbeiten an sei- nem Lebenswerk: der geistigen und sozialen Befreiung der Menschheit. 21 pB]ggE]gggggG]g3]gggggggggG]EiggE]B]B]E]gB]EJE]E]B]B]E]G]B]E]E]E]gBJE]B]gE]G]G]B] FRIEDRICH LIPSIUS, LEIPZIG o o o Wann ich mit Ernst Haeckel bekannt geworden bin, ist mir als geborenem Jenenser zu sagen nicht möglich. Wie die Persönlich- keit des berühmten Forschers schon dem Kinde vertraut war, so hatte auch der Schüler wenigstens eine ungefähre Ahnung von dem, was Haeckel lehrte und wollte. Von meinem Vater, dessen Theologie Wissen und Glauben auf kantischer Grundlage miteinander zu ver- söhnen suchte, und der mit dem naturwissenschaftlichen Kollegen auf freundschaftlichem Fuße verkehrte, habe ich nie ein spöttisches Wort über die ,, Affenabstammung" des Menschen oder gar ein abfälliges Urteil über Haeckels „Atheismus" gehört. Mir ist es, seit- dem ich überhaupt über Weltanschauungsfragen nachzudenken be- gann, immer selbstverständlich gewesen, daß alles in der Welt „natür- lich" zugehe. Der schmerzliche Bruch mit religiösen Jugendein- drücken, der Zwiespalt zwischen orthodoxer Erziehung und eigenen Zweifeln, ist mir erspart geblieben. Ich habe mich, dank dem geistigen Klima, in dem ich aufwuchs, schrittweise und stetig entwickelt, und selbst die Tatsache, daß ich mich am Ende von den theologischen Voraussetzungen gänzlich losgelöst hatte, ist mir erst durch den Widerspruch, den ich erfuhr, zum Bewußtsein gekommen. So begreift es sich, daß mir Haeckel nicht als der Befreier ent- gegentreten konnte, der er ohne Zweifel vielen geworden ist. Ich war mit der Theologie innerlich fertig, war bereits durch das Studium der Wundtschen Philosophie hindurchgegangen, und die Richtung meines Denkens stand in der Hauptsache fest, als Haeckel auf mich zu wirken begann. Nicht in erster Linie durch seine Schriften — obwohl ich damals auch mit vielem Vergnügen die „Natürliche Schöpfungsgeschichte" las — sondern als Lehrer und Mensch. Es waren Stunden, die mir zeitlebens unvergeßlich bleiben werden, in denen ich als beurlaubter Privatdozent noch einmal zwischen den Studenten saß und im Jenaer Zoologischen Institut bei Haeckel „Entwicklungsgeschichte" hörte. Schon die Stimmung des Raumes nahm sofort gefangen. Die an der Wand hängende große Tafel mit der „Progonotaxis hominis" zeigte, in welchem Geiste hier Naturwissenschaft getrieben werde. Sie verriet, daß auf dem Ka- 22 BjgB]B]gG]gggG]ggggggG]gggEj§]E]B]E]BjE]E]B]E]E]E]B]gB]G]B]B]ggg]EjE]E3gE]G]EiBigB]g theder dieses Hörsaales kein trockener Tatsachenmensch, der aus lauter wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit über das Wichtigste nichts zu sagen wagt, stehe, sondern ein kühner Bahnbrecher und Wahrheitssucher, der da weiß, daß die Forschung den Mut des Irr- tums haben muß, wenn sie vorwärts schreiten will. Mancher Koryphäe der Wissenschaft hat seine ehrfurchts- und erwartungsvolle Zuhörerschaft im Kolleg enttäuscht — man denke an Helmholtz, dessen Auditorium sich oft ebenso verzweifelt wie vergebens bemüht haben soll, den verwickelten Rechnungen des großen Gelehrten zu folgen. Haeckels Vortrag war durch die ge- schickte Auswahl und Verwertung des Stoffes immer gleich ver- ständlich und gleich fesselnd. Wie man nach jeder Stunde seinen geistigen Besitz bereichert sah, so machte die Lebhaftigkeit der Darstellung das Hören zu einem wirklichen Genuß. In den von ihm persönlich geleiteten Übungen konnte sich nicht nur Haeckels außerordentliche Lehrgabe, sondern auch seine menschliche Liebens- würdigkeit entfalten. Von Platz zu Platz gehend überzeugte er sich, ob jeder Teilnehmer im Besitz eines brauchbaren Präparates sei und hielt es, im Gegensatz zu manchem seiner Berufsgenossen, die solch untergeordnete Tätigkeit ihren Assistenten überlassen, nicht für unter seiner Würde, hier ein Mikroskop richtig einzustellen, dort die entworfene Skizze zu verbessern. Oftmals habe ich, als sich jetzt dem staunenden Auge die Wunder- welt des Lebens erschloß, es bedauert, nicht von vornherein an der Hand der Naturwissenschaft den Weg zur Erkenntnis gesucht zu haben. Denn Haeckel ist mir der Führer geworden in das ,, fruchtbare Bathos der Erfahrung", seinem Unterrichte danke ich die Einsicht in den unersetzbaren Wert der unmittelbaren sinnlichen Anschauung, die der Vertreter der Geisteswissenschaften über der bloßen Buchgelehr- samkeit und dem endlosen Abhören fremder Meinungen über die Dinge so leicht vergißt. Ich kann Haeckel nicht ganz darin bei- pflichten, daß eigentlich alle Philosophie Naturphilosophie sei, aber ich wüßte nicht, wie der Philosoph seiner Aufgabe, eine Gesamt- weltanschauung zu erarbeiten, gerecht werden soll, wenn er sich nicht mit den Ergebnissen der Naturforschung vertraut macht. Und diese Ergebnisse selbst lassen sich nicht ohne weiteres wie reife Früchte vom Baume brechen; um sie würdigen, ja auch nur, um B]5|E]ggg§ggggggggggggggggggg^gE]E]E]B]E]gE3E]E]B]EiE]E]G]G]E]E]E]G3E]E]E]B]E3 23 ggggE]gi]gg5]gEjEjgggggggSggE]ggSggG3E3E]E3E]ggG]E]E]5]5]E]E]E]E3aiE]E]E]B]E]B) sie verstehen zu können, muß man bei den Einzelvvissenschaften in die Schule gegangen sein. „Rein philosophische" Disziplinen gibt es meiner Meinung nach überhaupt nicht ; wie sich der Naturphilosoph auf Physik und Biologie stützen muß, so ist dem Ethiker und Re- ligionsphilosophen die Psychologie, insbesondere die Völkerpsycho- logie unentbehrlich. Und selbst die scheinbar so abstrakten Gebiete der Logik und Erkenntnislehre müssen veröden, wenn sie die Ver- bindung mit dem wirklichen Denken und Erkennen preisgeben und die Rücksicht auf die wissenschaftlichen, vor allem die exakten Methoden außer acht lassen. Das ist übrigens auch genau die Mei- nung Wundts, der die alten philosophischen Zweifel an der Realität der Außenwelt durch den Hinweis auf das Verfahren der Natur- forschung außer Kraft setzt. Verliert doch sie, bei aller Kritik am sinnlichen Eindruck, den Boden einer gegenständlichen Wirklichkeit niemals unter den Füßen! Aber genügt es denn — so wird mir vielleicht der verehrte Jenaer Meister einwenden — daß die Philosophie die Resultate der Forschung nachträglich zusammenarbeitet? Kann und muß sie nicht zeigen, daß die Wissenschaft, ja die Wirklichkeit selbst im Grunde nur eine einzige ist? Was hilft es beispielsweise, experimentelle Methoden auf die Psychologie anzuwenden, wenn doch zuletzt Anatomie und Physiologie dem Gespenst der immateriellen Seele weichen müssen? Nun will ich gern einräumen, daß es immer noch Vertreter der von Haeckel so genannten „introspektiven" Seelenlehre gibt, die im alten kartesianischen Irrtum befangen sind. An und für sich aber ist die dualistische Metaphysik durchaus nicht die notwendige Konsequenz der „parallelistischen" Arbeitshypothese, die vielmehr die Zweisub- stanzentheorie und den „influxus physicus" gerade ausschließt! Wir können, ohne die Einheitlichkeit des psycho-physischen Organismus irgendwie in Frage zu stellen, unsere inneren Erlebnisse einmal in ihrem unmittelbaren Gegebensein und in ihrem eigenen Zusammen- hange auffassen und das andere Mal den äußeren Ausdrucksformen der seelischen Vorgänge, die uns als Prozesse in der Großhirnrinde gegeben sind, nachgehen. Ich glaube nicht, daß sich diese beiden Betrachtungsweisen gegenseitig stören können, ich glaube aber auch nicht, daß eine von ihnen entbehrlich ist. Der Unterschied in der Art, wie das Ich gsggggggg]ggggggggggggggggggE]E]E]E35iE]E]E]EiEiB]E]B]E;B]B]E]E]E]E]E]B]G]B]E] 24 sich selbst erlebt, und wie es auf fremde Sinne wirkt, also einem anderen Ich „erscheint", wird sich niemals beseitigen lassen. Aber es wäre sicherlich verfehlt, hieraus auf eine fundamentale Zwie- spältigkeit im Sein zu schließen. In dieser Grundüberzeugung weiß ich mich durchaus mit Haeckel einig; ja ich gehe sogar noch einen Schritt weiter als er: Ich betrachte Kraft und Stoff nicht nur als untrennbar zusammengehörig, mir scheint es ausreichend, die Welt lediglich als eine Unendlichkeit tätiger und strebender Kräfte zu denken. „Im Anfang war die Tat!" Daß bei der Ausgestaltung eines vom Kraftbegriff aus entwor- fenen Weltbildes dem Entwicklungsgedanken die beherrschende Rolle wird zufallen müssen, liegt auf der Hand. Ruhe ist nur als vorüber- gehender Gleichgewichtszustand der Kräfte begreiflich, die Welt ist nur, sofern sie wird. Es wird Ernst Haeckels unvergänglicher, durch keine Kritik antastbarer Ruhm bleiben, der Entwicklungslehre in Deutschland die Bahn gebrochen zu haben. Ob ihr in der Gestalt, die Darwin ihr gegeben, oder in irgendeiner anderen die Zukunft gehört, ist dabei eine nebensächliche Frage. Soviel steht fest : Sie beginnt heute vom Boden der Biologie, auf dem sie erwachsen ist, hinüberzugreifen auf das Gebiet der Physik und der Chemie. Die Erscheinungen der Radioaktivität haben uns gezeigt, daß auch die Elemente der an- organischen Natur nicht von vornherein fertige Gebilde, sondern Pro- dukte einer über Jahrmillionen sich erstreckenden Entwicklung sind. Haeckel hat seinen „Monismus" als „Band zwischen Religion und Wissenschaft" bezeichnet. Es liegt deshalb die Frage nahe, ob der Entwicklungsgedanke Gefühle auslösen könne, die imstande wären, die Stimmungswerte älterer Religionsbildungen zu ersetzen? Hier- gegen erheben sich aber gewisse Bedenken. Wird das Entwicklungs- prinzip auf das Universum selbst angewandt, so nötigen uns die an das Entropiegesetz geknüpften Folgerungen, die Welt nicht so- wohl in aufsteigender, als in absteigender Richtung fortschreitend zu denken. Außerdem führt die Lehre vom „Kältetod" des Univer- sums zur Idee eines zeitlichen Endes und folglich eines ebensolchen Anfanges des kosmischen Geschehens, also zu Gedanken, die in den Rahmen einer immanenten Religiosität schlecht hineinpassen. Aber wie es sich auch mit der universellen Tragweite des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik verhalten mag — die Teilsysteme 25 des Weltganzen sind jedenfalls für unmeßbar lange Zeiträume einem beständigen Auf-und-Nieder, einem fortwährenden Kreislauf des Ge- schehens — sagen wir mit Arrhenius zwischen Sonnen- und Nebel- fleckenstadium — unterworfen. Wir haben es also mit einer großen Zahl aneinandergereihter, aber in sich zusammenhangsloser Evolu- tionen zu tun. Auch auf unserem Planeten sind zahlreiche organische Entwicklungsreihen zum Stillstand gekommen oder von der Natur abgebrochen worden, und ebenso ist die Geschichte der Kultur- menschheit weder als stetig, noch als unendlich zu denken. Das eröffnet Perspektiven, die für unser menschliches Schaffen, für die Zukunft unserer ethischen und kulturellen Arbeit verhängnis- voll erscheinen. Wir brauchen aber, um ihrer lähmenden Wirkung zu entgehen, weder ein Jenseits zu erträumen, noch uns Nietzsches phantastische Lehre von der Wiederkehr aller Dinge zu eigen zu machen. Uns muß genügen, was die Erfahrung lehrt: Wie die Grund- gesetze des Alls unwandelbar die nämlichen bleiben, so setzen sich auch bei aller Individualisierung im einzelnen die gleichen Grund- typen der Wirklichkeit in Natur- und Geisteswelt offenbar immer wieder durch. Haeckels geniale „Promorphologie" der Organismen hat diesem Gedanken einen mehr mathematischen Ausdruck gegeben. Er findet seine Bestätigung ferner an der Existenz analoger, d. h. entwicklungsgeschichtlich nicht verbundener, aber physiologisch gleichwertiger Organe, wie auch an der Tatsache, daß es zuletzt nur einige wenige Hauptschemata sind, nach denen sich der Aufstieg des Lebens vollzieht. Er liegt endlich im weitesten Sinne auch dem Glauben zugrunde, daß, wo nur immer im Weltall die Bedingungen hierzu gegeben sind, sich auch wieder ein, dem unseren ähnliches Geistesleben entwickeln werde. Diese religiös so überaus wichtige Idee unserer Zugehörigkeit zu einer Unendlichkeit der Geisteswelt ist also nicht, wie man gemeint hat, durch die Begrenztheit der ein- zelnen Entwicklungsreihen ad absurdum geführt. Vielmehr vermag sie in ihrer Erhabenheit wohl dem Gedanken der Vernichtung ein Gegengewicht zu bieten. Müssen wir zugeben, daß der religiöse Wert des Entwicklungs- gedankens nur ein relativer ist, so finden wir den philosophischen Glauben an die „Ewigkeit des Geistes" in dem soeben entwickelten Sinne um so enger mit dem Postulat der Wesenseinheit alles Seins gggE]ggggggggggggggggggggggggggE]E]G]G]E]B]E]EjE]E]E]E]B]E]B]E]EjgE]B]E]G] 26 verbunden. Immer und immer wieder hat die Menschheit — und das ist selbst ein Zeugnis für ihre intellektuell einheitliche Struktur — Propheten und Märtyrer dieses Glaubens hervorgebracht, in immer neuen Ansätzen die in ihm enthaltene Aufgabe zu lösen gesucht. Auch unser Haeckel ist gleichsam schon einmal über diese Erde gewandert und zwar in der Gestalt des alten griechischen Weisen Xenophanes, der Naturforscher, Philosoph und Theolog in einer Person gewesen ist. Von ihm berichtet Aristoteles: „Xenophanes erklärte, alles sei Eins, und auf das Weltall blickend sagte er, dies Eine sei Gott!" Xenophanes war es auch, der über Abdrücke von Fischen in den jungtertiären Schichten der syrakusanischen Stein- brüche tiefsinnige Reflexionen anstellte und zu der Überzeugung kam, daß alles Lebendige aus einem Urschlamm hervorgegangen sein müsse. Er endlich hat an den herrschenden religiösen Vorstellun- gen eine scharfe, seine Zeitgenossen oft verletzende Kritik geübt und zuerst den Satz aufgestellt, daß nicht der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen sei, sondern umgekehrt die Menschen sich Götter nach ihrem Bilde schüfen. So ist es derselbe rücksichtslose, um alle Vorurteile unbekümmerte Wahrheitsmut, den wir bei dem antiken ebenso wie bei dem modernen Denker bewundern. Darum kann uns auch eine gewisse kleinlich-hämische Kritik an dem Kern von Haeckels Lebenswerk und Haeckels Persönlichkeit nicht irremachen. Mag er in seinen Aufstellungen hier geirrt haben und dort zuweit gegangen sein, — er hat uns gar manchen neuen und tiefen Blick hin- eintun lassen in die Schöpferwerkstatt des All-Einen, und „Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen, Denn daß sich Gott-Natur ihm offenbare?" 27 gggggggEjgggggggggggggE]gggE]^E]G]E]5]E]E3S3E]E|E]B]BisgE]gE]E]B]gjE|B3E]g]B| R. MEYER, BERLIN: WIE ZWEI HERRNHÜTER IN ROM HAECKEL KENNEN UND LIEBEN LERNTEN o o o \\77ir lernten ihn kennen durch den Marschendichter H. Allmers aus W Rechtenfleth bei Bremen. Allmers und Haeckel waren seit 30 Jahren, seit einer gemeinsamen italienischen Reise Ende der fünfziger Jahre, Freunde. Als Haeckel seinen ältesten Sohn taufte, war auch Allmers als Pate(?) geladen. Er erschien nicht, da es ihm im hohen Grade inkonsequent däuchte, daß Haeckel diesen christlichen Brauch übe. Allmers sann darüber nach, durch welche Feier die christliche Taufe ersetzt werden könne; denn, obwohl Junggeselle, empfand er doch lebhaft die Notwendigkeit, den neuen Erdenbürger festlich in die Familie und in die Gemeinde der Menschensöhne aufzunehmen. So dichtete er für Haeckels Taufe die „Weihe eines jungen Erden- bürgers". Die symbolische Handlung, begleitet von festlich ernsten, festlich heiteren Versen gipfelt darin, daß ein Becher mit Wein dreimal an die Lippen des „Täuflings" geführt und ihm schließlich vom „Sprecher" über das Haupt gegossen wird. Das Gedicht, der erste Ansatz eines religionslosen Kultus, erschien zur Taufe zu spät; erregte aber später, als es in der Gartenlaube gedruckt wurde, erheb- liches Aufsehen. Hatte so Allmers der Freundschaft mit Haeckel ein poetisches Denkmal errichtet, so umgekehrt Haeckel ein wissenschaftliches. Allmer's Nase war ein Unikum, fast ein Halbkreis. Ich habe eine ähn- liche nicht vorher, nicht nachher gesehen. Als nun Haeckel ein Tief- seetierchen entdeckte mit ähnlicher Ausbuchtung, gab er ihm in humorvoller Erinnerung an den Freund den Beinamen Allmerianum, was den Träger der Nase mit Stolz erfüllte. ,,So werde ich, wenn niemand mehr meine Gedichte liest, doch dem oder jenem Forscher als ein Freund Haeckels vor Augen treten." Von all dem wußten wir nichts, mein Freund Nitschmann und ich, als wir Sonntag den 7. April 1889 in Rom beim Abendbrot saßen in der Trattoria degli artisti. Wir waren beide Herrnhutische Stu- denten der Theologie vom theologischen Seminar der Brüdergemeinde in Gnadenfeld (O.-Schlesien). Wir waren es mit innerer Liebe und kannten kein anderes Ziel, als in einer der stillen Brüdergemeinden gg^ggggggE]gggggggggE]ggggE]§gg!gE]5]S]E]E35]B]E]B3E]E]E]5]B]E]EjE]E]E]E]E]E]E] 28 gggggggggg^ggS§^E]^gg^ggg^E]E]E]S]EjE]B]ElEjE]E]E]E]3]E]G]^j5]E]E]EJEjE3g]E]E]E] unseren weitabgewandten Idealen zu leben. Wir waren außerdem blutarm. Aber wir hatten uns doch, von jäh erwachter Sehnsucht nach Italiens Gütern wie von einem Rausch erfaßt, aus der Enge unseres klösterlichen Lebens aufgemacht, um vier Wochen lang, vier köstliche Osterwochen, Rom zu erleben. Jeder Tag brachte Wunder, Wunder der Natur, der Kunst. Wir wandelten dahin wie Verzauberte. Unser Sprachschatz ward ins Superlative gesteigert, und doch wollte er nicht ausreichen, all das vollwertig auszudrücken, was uns be- glückte. In solcher Verfassung also saßen wir an genanntem Tage in unse- rem Stammlokal. Vor uns ein Mann mit einer so singulären Nase — sie war uns schon angemeldet worden — , daß es nur Allmers sein konnte. Bald war eine lebhafte Unterhaltung im Gange; wir beglückt, einen lebendigen Dichter aus der Nähe zu sehen; er, der Menschen] äger, hocherfreut, eine ihm ganz neue Spezies von Menschen kennen gelernt zu haben: zwei „lebendige, kleine Herrnhuter". Das Glück war voll, als wir entdeckten, daß wir ein gemeinsames Quar- tier hätten, das Archäologische Institut auf dem Kapitol. Dorthin brachen wir dann um V29 au ^ um an ^ em > »offenen Abend" teil- zunehmen, den der Leiter des Instituts Professor Petersen etwa alle 14 Tage gab für die, die im Institut wohnten, und vor allem für die vielen namhaften Männer, die um diese Zeit Rom aufzusuchen pflegten. Im Institut angekommen, bat uns Allmers, einige Augen- blicke zu warten. Als wir dann eintraten, begegneten uns überall erstaunte, auch recht mitleidige Blicke. Wir waren froh, dem Kreuz- feuer der Augen entronnen, in irgendeiner stillen Ecke landen zu können. Da hörten wir erst, daß Allmers als unser Wegebereiter überall gesagt: „Achtung! Gleich kommen zwei Menschen, wie Sie sie noch nicht lebendig gesehen, zwei leibhaftige, kleine Herrnhuter. Denken Sie einmal, Herrnhuter hier in Rom!" Wir kamen uns so gewöhnlich, so selbstverständlich, auch so bescheiden gekleidet vor, daß wir wie erlöst aufatmeten, als die Tür sich öffnete, der Name Haeckel durch die Zimmer flog und uns wieder in unser beschei- denes Nichts versinken ließ. Das war Haeckel! So sah der aus! Grauer Anzug, kurze Jacke, volles, leicht ergrautes Haar und Bart, die blauen Augen blitzend und lachend. Er entschuldigte sich bei der Dame des Hauses : „Neh- 29 men Sie mich so, wie ich bin, grau in grau?" Alles Offizielle habe er in Deutschland zurückgelassen. Er fand freundlichsten Dispens. Nun suchte sein Blick im ersten Zimmer. Da standen einige Priester, und Haeckel suchte das nächste Zimmer zu gewinnen in lustigstem Streit mit einem Maler, der ihm als Mann der Wissenschaft den Vor- tritt lassen wollte, während Haeckel lebhaft den Satz verfocht, daß der Maler dem Gelehrten vorgehe; denn ersterer habe der Mensch- heit mehr gegeben. Mir schien doch, als ob Haeckel selbst nicht so recht daran glaubte. — Im Nachbarzimmer, wo man einen köstlichen römischen Landwein trank, sammelte sich bald ein fröhlicher Kreis um Haeckel. Er war der Mittelpunkt des Gesprächs, von ausgelassener Heiterkeit; eine Lachsalve nach der anderen klang verlockend in unser stilles, gemessenes Teezimmer herüber. Wir hatten das leb- hafteste Bedürfnis, in den Haeckelschen Kreis zu kommen; lösten drum höflich das Gespräch mit dem jungen katholischen Priester — mein Tagebuch nennt ihn Dr. Ehrhardt aus Bayern; ob es wohl der nachmals oft genannte Modernist war ? — schoben uns vorsichtig in das Nebenzimmer und standen nun im Bannkreis des Jenensers, den als Trabanten Freunde aller Lebenskreise und namentlich junge Gelehrte — Dr. Michels, der junge Petersen — umringten. Das also war der gefürchtete, der gehaßte, der glühend verehrte Mann. Unser erster Eindruck: Wie harmlos ist er, wie schlicht, wie natürlich; nichts von Pose, von Imponieren -Wollen; nur Mensch sein, ein lachen- der, strahlend, ansteckend fröhlicher. Die Unterhaltung fliegt zün- dend von Mann zu Mann, von Thema zu Thema; das Grundthema bleibt, naturgemäß an solchem Ort, doch eben das ewige Rom. Wir mischten uns nicht hinein; auch nicht, nachdem Allmers seine „bei- den lieben kleinen Herrnhuter" Haeckel vorgestellt hatte. Ein Hände- druck, damit sind wir zunächst für ihn erledigt und können vergnügt zu stillfröhlichem Hören zurückkehren. Sehr tiefgründig war das Gespräch naturgemäß nicht; dazu waren die Männer sich im ganzen zu fremd, die Ansichten zu verschieden. Bei Haeckel hin und wieder eine aggressive Note, so wollte es uns wenigstens scheinen. So fragte er im naivsten Ton, ob jemand die heilige Petronella von Guercino gesehen habe. Unten liege noch der entseelte Leib, oben erscheine schon in neuer Hülle die Seele vor Christus. Wie man sich das wohl wissenschaftlich vermitteln könne. In demselben naiv satirischen 30 ggggggE]ggggG)gggggggggE]ggggggE]E]E]S]G]E]E]E]E]E]G]E]E]E]E]G]E]E]G]G]EiG]EiB) Ton scherzte er über die Engel und Seligen in einer Kirche, deren Geschlecht und Rasse er bei bestem Willen nicht habe feststellen können. Sonst habe ich mir von Einzelheiten nichts notiert. Aber das ist mir in lebendigster Erinnerung, wie Haeckel trotz vieler Ge- lehrten und Künstler, die anwesend waren, den unumstrittenen Mittel- punkt dieses Zimmers bildete. Er fesselte uns so, daß wir nicht merk- ten, wie sich im Nebenzimmer Dr. Ficker (jetzt Straßburger Ordi- narius) an den Flügel setzte, um die Dame des Hauses zum Gesang zu begleiten. Und noch höre ich unser Lachen hineinplatzen in ein zartes Lied; erschreckt eilt der Hausherr herbei, schließt die Ver- bindungstüre. Es wäre nicht möglich gewesen, diese angeregte Herren- gesellschaft, die sich in allerbester Laune befand, in die zarten Bande der Musik zu schlagen. Bald nach n Uhr verschwand Haeckel still- schweigend, ohne Abschied. So sahen wir Haeckel zum ersten Male. Für die nächsten Tage stellte uns Allmers ein intimeres Zusammen- sein mit Haeckel in Aussicht. „Ich möchte so gern," sagte er scher- zend, ,, einen kleinen Glaubenskrieg zwischen Ihnen und Haeckel er- leben." Am Mittwoch drauf hatten wir das Glück dieser Zusammen- kunft, des „Religionsgespräches", wie Allmers, zum Glück sich irrend, es im voraus bezeichnet hatte. Allmers hatte Haeckel zu Mittag geladen in unser Stammlokal Degli Artisti in der Via della Vite. Als wir von einem Campagnaausflug heimkehrten, saß Haeckel schon da, warf einen prüfenden Blick auf uns beide — Allmers hatte ihm also von unserer Anwesenheit nichts verraten. Dann begann ein fröh- liches Mahl, wie man es nur in begnadeter Stunde und in begnadeter Gesellschaft erlebt. Haeckel war von unermüdlicher, reizendster Gebe- freudigkeit. Es machte ihm augenscheinlich Freude, die beiden ihm kritisch gesinnten — so mußte er annehmen — mit dem Gold seines Geistes und seines Herzens zu überschütten. Sein Appetit war gut, Wein trank er wenig. „Ich bin wirklich kein Trinker, obwohl mich christliche Kritiker auf Grund der , Weihe eines jungen Erdenbürgers' dazu haben machen wollen." Wir tranken um so mehr und um so freudiger sein Wohl in unserer Lieblingsmarke, dem goldgelben Monte Fiascone. Als der Magen das Seinige empfangen, holte er seine Mappe her- bei und zeigte uns seine eben entstandenen Aquarelle — aus Elba — von dort war er nach Rom gekommen. Ich habe mir in meinem Tage- gggg3ggggggggggggE]gE]ggE]gggE]E]EjE]E]E]E]E]E]B]B]E]G]BiEjG]EjB]G]E]E]G3S!äl§]3 31 buch besonders angemerkt den Blick aus der Villa Napoleons, dann den roten und weißen Berg. Dann erzählte er in sich überstürzendem Flusse von den Eindrücken des Tages, Plänen für die nächste Zukunft und namentlich vom vorhergehenden Tage. Da war er nämlich in der römischen Universität gewesen, um sich irgendeine naturwissen- schaftliche Sammlung anzusehen. Kaum hatten die Studenten das erfahren, als sie eine Deputation an ihn schickten mit der Bitte, ihnen statt des angesetzten Professors eine Vorlesung zu halten. Haeckel konnte nun zwar durchaus nicht fließend und reich italie- nisch sprechen. Aber es kam ihm zustatten, daß er gerade vor der Osterreise ein Spezialwerk (über Tiefseetiere?) herausgegeben hatte, dessen Inhalt er so völlig gegenwärtig hatte, daß er mühsam, in lang- samer Rede, gleichsam übersetzend eine Vorlesung zustande gebracht und unter lebhaftem Beifall geschlossen hatte. Auch die (lateinische?) Dankadresse, die ihm die Studenten dafür vor einigen Stunden über- reicht hatten, konnte er uns schon vorlegen und uns damit einen leb- haften Eindruck geben von dem internationalen Ruf, den er schon damals genoß, er, der Lehrer an einer der kleinsten deutschen Uni- versitäten. Freilich kam ihm begünstigend entgegen der Radikalis- mus der italienischen Studentenschaft, dem das Extremste das Liebste war. Wir mußten dieses Gespräches denken, als wir nach wenigen Tagen auf der Solfatara bei Neapel einige italienische Studenten trafen, die mit uns in eine Erörterung über den größten Deutschen eintraten, und als wir Bismarck als solchen nannten, entrüstet diesen Platz keinem anderen zuwiesen als — Bebel. Nach dem lang gedehnten Mahle fuhren wir mit Haeckel auf den Janikulus; er war dauernd von heiterster Laune und ansteckender Fröhlichkeit. Wir besichtigten mit ihm S. Maria in Trastevere. Dort zieht sich ein großes, uraltes Mosaik hin: das Gotteslamm unter an- deren Lämmern. Die machten nun Haeckel als Zoologen nicht enden- den Spaß; denn sie zeigten, unbeholfene Schöpfungen des 12. Jahr- hunderts, ein jedes irgendwelche körperliche Sonderbarkeiten. Dann ging es hinauf nach S. Pietro in Montorio, und wir genossen die Aussicht auf die ewige Stadt. Weitere Bekannte stießen zu uns und machten uns den Besitz von Haeckel streitig. Und nun kommt etwas, dessen ich mich noch heute schäme. Aber, was hilft es, ich muß der Wahrheit schon die Ehre geben. Wir hatten für unsere S3gE]gggggggiggggggE]gggggggggi]ggggE]gggE3EiE]E]E]E|EiE]E]GiE]g]E]E]E]Ei 32 gggggggggE]gggggggggggggE]gG]E]E]E]E]B]B]E]E]E]G]E]E]E]E]S]E]E3B]E]E]E]gE]ElB]BJ weinentwöhnte Jugend etwas zuviel des Monte Fiascone genossen. Die Müdigkeit des Mittags bezwang uns, wir setzten uns hier ein paar Augenblicke auf eine Bank — und nickten ein. Als wir erwachten, war Haeckel verschwunden. Das war ein Schrecken! Ein kläglicher Abschluß köstlichster Stunden! Doch wir hatten ja noch ein Wieder- sehen mit ihm für die Osterfeiertage verabredet, nach unserer Heim- kehr aus Neapel; auch ihm mußten die ,,beiden kleinen Herrnhuter" erträglich erschienen sein. Leider wurde daraus nichts mehr. Als wir am Karsonnabend beim Wiedersehenssymposion mit Allmers saßen, brachte er uns herzliche Ostergrüße von Haeckel. Aber er könne soviel Glockengeläut auf einmal nicht aushalten ; deshalb fliehe er für die Feiertage in die Berge. So haben wir ihn nicht mehr ge- sehen. — Von diesen Tagen an haben wir Haeckel als Menschen geliebt, ja verehrt. Sein Wesen war Natürlichkeit, fröhliche Sonnig- keit, hinter der deutlich durchzufühlen lag seine Tatkraft und Kampfes- freude. Wir waren andere Bahnen gewiesen als er. Aber da wir als Herrnhuter gewöhnt worden waren, das Leben bis in die äußersten Konsequenzen nach einer herrschenden Idee zu regeln, so hatten wir ein naturgemäßes und tiefes Verständnis für seine Natur, die ebenso konsequent der Idee ihres Lebens diente, und für das zwingende Be- dürfnis, das persönlich Gewonnene der Welt zu predigen. Als Herrn- huter nannten wir das „Seelen für den Heiland gewinnen". Diesen Trieb hegte er für seine Wahrheit in stärkstem Maße und glaubte damit ebenso die Seelen zu beglücken als nur je ein Glaubenszeuge. — So haftet denn trotz der überwältigenden Eindrücke, die Rom damals dem jungfräulichen Gemüt machte, noch jetzt nach 25 Jahren als eine der stärksten Erinnerungen die an den Mann aus Jena, der daseinsfroh, im Genuß des Augenblicks sich freudig erschließend, allem Großen hingegeben, auch die „beiden kleinen Herrnhuter", die ihm der Freund in den Weg führte, mit bezwingender Gabe und Güte umgab. 3 Haeckel -Festschrift. Bd. II 33 PAUL BECK, LEIPZIG o o o Der Verfasser vorstehenden Artikels, Prof. R. Meyer, mit dem ich damals gemeinsam das Studium der Theologie betrieb, hat das Verdienst, durch die lebhafte Erzählung seiner Reiseerlebnisse zuerst meine Bekanntschaft mit Haeckel vermittelt zu haben. Diesem ersten Eindruck verdanke ich es wohl, daß ich bei dem Namen Haeckel immer in erster Linie an den sonnigen, lebensfrohen Menschen dachte. Auch nach eingehender Bekanntschaft mit seinen Werken habe ich in Haeckel stets einen Vorkämpfer für Sonne und Licht gesehen, und zwar schon in einer Zeit, als ich das, was für Haeckel Sonne und Licht ist, noch für eine große optische Täuschung ansah. Ein inneres Verständnis für die Geistesarbeit Haeckels hatte ich damals noch nicht. Ich war damals 20 Jahre und bis dahin war mir jede, aber auch jede naturwissenschaftliche Bildung vorenthalten wor- den. Ich befand mich in derselben intellektuellen Situation, wie noch heute viele sogenannte Gebildete. An den Naturwissenschaften schätzte ich die Resultate, die auch dem Blödesten das Vorhanden- sein einer neuen Kultur verkünden, Lokomotive, Telegraph usw. Da ich aber von der Geistesarbeit, die das geschaffen hatte, nichts verstand, da ich nichts wußte von der hohen Intelligenz, der zähen Energie, der schöpferischen Phantasie, der Unabhängigkeit und Kühn- heit des Denkens und Wollens, die dahinter steht, hielt ich die Be- schäftigung mit allem Materiellen und Stofflichen für minderwertig und glaubte, daß nur durch geschichtliche Studien, durch künstle- rische Erhebung, durch innere Erlebnisse und abstraktes philoso- phisches Denken der Geist, der die Welt beherrscht, erfaßt werden könnte. Wenn darüber geklagt wird, daß die Vertreter verschiedener Weltanschauungen heute vielfach völlig verständnislos einander gegen- überstehen, so ist das sicher nicht die Schuld der Vertreter des natur- wissenschaftlichen Denkens. Diese sind viele Jahre ihres Lebens hin- durch — oft mehr, als ihnen lieb war — mit den Denkgewohnheiten und Urteilsformen der Gegenseite bekannt gemacht worden, während umgekehrt die Vertreter der sogenannten Geisteswissenschaften sich fast ausnahmslos durch absolute Ignoranz auf naturwissenschaftlichem Gebiet auszeichnen. 34 gggggggggggggggggggggE]E]E]E|E]BlE]E]E]E]E]BlE]E]B]E]E]E]E]G3G]E]E]G]E]E]E]G]E]glEj Es gab und gibt noch heute ein Zauberwort, daß die Naturwissen- schaft aus dem Gedankenkreis des Metaphysikers und Theologen ver- bannt, das heißt Kant. „Sie sind Naturforscher," so sagt der liberale Theologe, „ganz vortrefflich. Sie ordnen die Welt der Erscheinungen nach den Kategorien von Ursache und Wirkung. Sehr nützliche Tätig- keit! Ich wünsche Ihnen viel Erfolg." Vielleicht fügt er noch hinzu: „Aber nicht wahr, Sie vergessen nicht, daß Ihre Aussagen sich nur auf die in Raum und Zeit ausgebreitete Welt der Erscheinungen beziehen. Sie haben doch Kant gelesen ? Hüten Sie sich davor, die durch Kant für alle Zeiten festgelegten Grenzen zu überschreiten. Ich muß Sie sonst für einen kenntnislosen Menschen und seichten Schwätzer er- klären. Vergessen Sie nicht, daß nach Kant hinter der Welt der Er- scheinungen die Welt des Wahrhaftseienden, die intelligible Welt, die Welt des Geistes und der Geister liegt. Bleiben Sie mit Ihren Meßstangen und Mikroskopen in der Welt der Erscheinungen. Wir Vertreter der Geisteswissenschaft können auch hinter den Vorhang sehen, wir beobachten in den Wundern der Sprache das Weben und Werden der Volksseele, in der Geschichte verfolgen wir die Ent- faltung des Geistes und der Ideen, und die Theologie lehrt uns, die Organe der Menschenseele gebrauchen, mit denen wir uns mit dem Urgrund des Alls in Verbindung setzen können." Dem gegenüber ist auf folgendes hinzuweisen. Erstens sind die Beweise, die Kant für seine Behauptungen über Raum, Zeit und Kategorien vorgebracht hat, lediglich an der Mathematik und Physik des 18. Jahrhunderts, speziell an der Newtonschen Gravitationstheorie orientiert und passen ebensowenig wie die daraus gezogenen Folgerungen auf den heutigen Stand der Wissenschaft, selbst wenn wir uns auf die anorganische Natur beschränkten. Tatsächlich gibt es heute wohl nur wenige Mathe- matiker und Physiker, die an der Erkenntnistheorie Kants festhalten. Poincare, Mach u. a. haben auf Grund des heutigen Standes der Wis- senschaft Erkenntnistheorien aufgestellt, die von der Kantischen recht bedeutend abweichen. Zweitens ist im 19. Jahrhundert eine neue Naturwissenschaft entstanden, die Biologie. Kant hatte große Mühe, in der Kritik der Urteilskraft das wenige, was ihm davon zu seiner Zeit bekannt war, mit seinem System in Einklang zu bringen. Heute wird wohl niemand mehr den Mut haben, das Unvereinbare vereinigen zu wollen. Kant wollte noch die Grundbegriffe der Newtonschen GJ3gG]ggggggggggggggg^ggggggggE]gE]E]E]E]E]E]B]E]E]E]E]G]E]glE]B]E]E]E!E]E]E] 35 Physik aus der Struktur des menschlichen Erkenntnisvermögens ab- leiten. Heute wollen wir umgekehrt die teils zweckmäßigen, teils aber auch unzweckmäßigen Organe, mit denen die Menschen alter und neuer Zeit Erkenntnisse erwerben wollten, aus der Naturwissen- schaft, speziell der Entwicklungslehre ableiten. Drittens endlich wird Kant von den Theologen nur benutzt, um die Naturwissenschaften aus dem Heiligtum der Philosophie zu vertreiben und ihr einen be- scheidenen Platz im Vorhof anzuweisen. Nachdem mit Hilfe der Kantischen Erkenntnistheorie begründet ist, daß man auch ohne die geringsten naturwissenschaftlichen Kenntnisse doch kühne Behaup- tungen über Wesen, Zweck und Urgrund der Welt aufstellen darf, wird Kant schleunigst verabschiedet. Denn Stimmungen, Gemüts- bewegungen, Begeisterungen und Ekstasen zur Grundlage der Welt- anschauung zu machen, ist doch wohl nicht im Sinne Kants. Es ist das große Verdienst Haeckels, erkannt zu haben, daß das philosophische Denken durch Kant und seine Nachfolger in eine Sack- gasse geraten war, aus der es überhaupt keinen Übergang zu den Pro- blemen der Gegenwart gibt, daß daher ein Anknüpfen an die philo- sophische Tradition zwecklos sei. So wenig die Begründer des Empi- rismus sich mit den Vertretern der mittelalterlichen Scholastik auf Einzelauseinandersetzungen einließen, so wenig beachtete Haeckel die Fachphilosophie, zum nicht geringen Zorn von deren Vertretern. Ferner erkannte Haeckel, daß die Erkenntnistheorie Kants heute gar nicht mehr um ihrer selbst willen geschätzt wird, sondern nur als Damm benutzt wird, um dem sieghaften Vordringen der Natur- wissenschaften Halt zu gebieten und die Heiligtümer der Vergangen- heit vor der alles überschwemmenden Flut zu schützen. Haeckel wußte, wo seine wahren Gegner zu finden seien, er hielt sich nicht lange mit Vorpostenplänkeleien auf, sondern griff das feindliche Haupt- quartier an. Endlich erkannte Haeckel mit klarem Blick, wo der Neubau zu errichten sei, nämlich auf den exakten Naturwissenschaf- ten. Ob Haeckel damit recht hat, kann nur die Zukunft lehren. Ich glaube aber, die Freunde und Anhänger Haeckels können getrost dem Richterspruch der Zukunft entgegensehen. Wäre Haeckel nur Künstler und Gelehrter, so wäre sein Leben ruhiger verlaufen, als es der Fall war. Fern von Haß und Feindschaft würde er sich heute der wohlwollenden Anerkennung aller Intellek- "S33aggggggE3gsEigggE3E]ggggggggggE]gggE3E]E]E]E]5]E!E]E]E]E]E]E]giE;E]B]gE] 36 3SE3SS!513aS3S3SSS^^§]SS§!S]iJE15!a§lS!23S]E3BlS^E]E]EiE3E]E]E]E]E3E]E]E3E]E]E]E]gg tuellen erfreuen. Haeckel ist aber mehr. Er ist ein Mann, der es wagt, eine Überzeugung zu haben; ja noch mehr, der es sogar wagt, die- selbe zu äußern, unbekümmert um die Zensur der Fachphilosophen, unbekümmert um das Wohlwollen der Behörden, unbekümmert auch um die Frage, ob die von ihm gefundene Wahrheit geeignet sei, „das Volk" im Zaum zu halten. Die Tatsache, daß Haeckel bei vielen Tausenden nicht nur kühle Anerkennung seiner Gedanken, sondern begeisterte Liebe und Verehrung gefunden hat, beweist, daß es im heutigen Deutschland doch noch mehr Menschen, als auf Grund der Beobachtung im täglichen Leben zu vermuten ist, gibt, die die letzten Probleme des Menschenlebens nicht durch Opportunitätsgründe und taktische Erwägungen, sondern auf Grund freier innerer Überzeugung zu lösen gewillt sind. 37 EMIL DOSENHEIMER, LUDWIGSHAFEN A. RH. o o o Mit Ernst Haeckel wurde ich wie wohl viele seiner Verehrer zuerst durch die Lektüre seiner ,, Welträtsel" bekannt. Dieses Buch machte auf mich vor allem deshalb einen besonders tiefen Eindruck, weil es in der Behandlung gewisser philosophischer und religiöser Probleme meiner Auffassung vollkommen entsprach. Was Haeckel beispielsweise über die Zentralideen der konfessionellen Religionen, Gott, Seele, Unsterblichkeit, Willensfreiheit, und über die monistische Religion in den „Welträtseln" gesagt hat, hielt und halte ich für so absolut richtig, daß ich es nicht begreifen kann, wie denkende Men- schen diese Dinge anders beurteilen können. Die außerordentliche Wirkung des populärsten Werkes Haeckels, der Welträtsel, finde ich dadurch begründet, daß sie dem Leser fast durchweg in gemein- verständlicher Form über Dinge, die von jeher den menschlichen Geist beschäftigt haben, faßliche Wahrheiten übermittelt hat. Ich erinnere zunächst an Haeckels Stellung zum Gottesbegriff. Ohne Umschweife, ohne Konzessionen an die herrschenden Gefühle hat sich Haeckel als Leugner Gottes im Sinne der Kirche erklärt und dargetan, daß der Begriff des kirchlichen Gottes den Erfahrungen und der Vernunft widerspricht. Ebenso hat Haeckel den Begriff der Seele, des Geistigen, der Unsterblichkeit der Seele freigemacht von den Formen des Übersinnlichen und Mystischen. Das Geistige und Leibliche bildet eine Einheit. Die geistigen Funktionen sind mit den leiblichen unauflöslich verbunden. Die Stufen der geistigen Ent- wicklung — des Kindes, des Erwachsenen, des Greises — gehen parallel mit den Stufen der leiblichen Entwicklung. Das sind un- bestreitbare Grundtatsachen geworden. Bei seiner Auffassung des Geistigen, Seelischen mußte Haeckel notwendigerweise dem Men- schen, dem nach der dualistischen Anschauung im Gegensatz zum Tier mit einer ,, Seele" begabten Wesen in der organischen Welt eine andere Stelle anweisen. Haeckel hat den Menschen, das Ebenbild Gottes, in die Reihen der organischen Welt, in das Tierreich ein- geordnet: der Mensch ist ein Geschöpf, das im Lauf der Jahrmillionen aus der einfachsten Form sich entwickelt hat. Er hat ein für allemal festgestellt, daß die anthropozentrische Auffassung der Dinge, die 38 gg^g^G]g^gG]ggggggG]gggggE]ggggEjE]BiE]B]B]B]G]BiE]BiE]gE]S]E3E3G]G3E]B]E)E]gg den göttlichen Menschen aus den Reihen der Organismen heraus- hebt, mit der wissenschaftlichen Forschung unvereinbar ist. Man stelle sich vor, welch ungeheure Rolle die Begriffe Gott, Seele in den religiösen und ethischen Anschauungen der europäischen Kulturwelt spielen. Bei den wichtigsten Ereignissen im Leben des einzelnen, bei den wichtigsten öffentlichen Staatsakten steht der Glaube an einen persönlichen Gott im Vordergrund. Bei der Jahr- hundertfeier 1813 — 1913 waren die Festreden fast durchweg auf den Ton gestimmt: Gott war es, der den gewaltigen Napoleon gedemütigt und dem deutschen Volke zum Siege verholfen hat. Die Männer des Volkes wie die Fürsten berufen sich immer und immer wieder auf Gott als den Leiter aller Geschicke. Gott ist alles, der Mensch, der staubgeborene, die Kreatur Gottes nichts. Tagtäglich werden Tau- sende von Eiden geschworen unter Anrufung Gottes des Allmächtigen und Allwissenden, vor Gericht (Zeugen- und Parteieneid), beim Militär (Fahneneid), bei der Übernahme eines Amtes (Beamteneid). Der Gesetzgeber hat es sogar für notwendig gefunden, Gott gegen läster- liche Angriffe unter besonderen Schutz zu stellen (§ 166 des deutschen Strafgesetzbuches). Erst bei den jüngsten bayerischen Landtags- verhandlungen, November 1913, ist in dem Kampf um die Moral mit oder ohne Gott der klaffende Gegensatz in den Weltanschauungen zutage getreten. Der bayerische Ministerpräsident Freiherr v. Hert- ling hat in seiner Rede nachdrücklich hervorgehoben, daß, wenn sich herausstellen sollte, daß in dem konfessionslosen Moralunterricht Theorien vorgetragen werden, die geeignet sind, den jungen Ge- mütern die letzten Grundlagen der Gesellschaft, den Glauben an Gott, an das Jenseits zu rauben, ein solcher Unterricht nach seiner Meinung nicht geduldet werden könne. Der bayerische Minister- präsident ist also der Ansicht, daß ohne den Glauben an einen per- sönlichen Gott Staat und Gesellschaft nicht bestehen können. Gegen diese seit Jahrtausenden fest eingewurzelten mystischen Vorstellungen hat Haeckel unerschrocken seine Auffassung kund- gegeben: es gibt keinen Gott, wie ihn der Priester lehrt. Er hat gezeigt, wie die Gottesvorstellungen entwicklungsgeschichtlich sich erklären, aber jetzt, wo an Stelle unklarer Gefühle das Denken ge- treten ist, sich nicht mehr aufrechterhalten lassen. Haeckel hat gelehrt, daß der Mensch selbst Träger seines Schicksals ist, daß er gggggggggggggggggggg^ggggggE]gE]G]EjE]E]E]E]öiE]EjE]gE]E]E]E]E]B]E]g§]E3E3 39 g]EjggE]ggggggEJg]gggBjgggE]gE]B]E3E]EIB]B]EJEJBjEJE]B3^E3g]E]B]E]BigE]ggg|E]EJBIB]El auf das Jenseits verzichten soll, um das Diesseits desto würdiger und schöner zu gestalten. Haeckel hat die Wege gewiesen zu einer neuen Religion, zu einer monistischen, d. h. einer irdischen, mensch- lichen, die Menschen verbindenden, in den natürlichen Verhält- nissen wurzelnden Religion. Haeckel hat gezeigt, daß auch ohne Gott eine Ethik möglich ist, daß man sittlich handeln kann, ohne Lohn und Strafe im Jenseits zu erwarten, daß das ethische Emp- finden nichts Absolutes ist, sondern im Lauf der Jahrtausende sich entwickelt hat, daß es verschieden war und ist bei den einzelnen Völkern und daß nur die dogmenlose, monistische Ethik imstande sein wird, die gesamte Kulturmenschheit zu umspannen. Haeckel hat also neue Zukunftsideale aufgestellt und sich damit um die Kulturentwicklung der Menschheit großartige Verdienste erworben. Haeckel mußte bei seiner Stellung zu den Zentralideen des alten Glaubens, Gott, Seele, naturgemäß in einen unüberbrückbaren Gegen- satz zur Orthodoxie aller Schattierungen geraten, vor allem zum Ultramontanismus. Ich betrachte es mit als das größte Verdienst Haeckels, daß er den Ultramontanismus als das gekennzeichnet hat, was er ist, als den furchtbarsten Feind jeglicher Kulturentwicklung. Man hat Haeckel auch von nicht ultramontaner Seite vorgeworfen, daß er das Papsttum als „den größten Schwindel der Weltgeschichte" bezeichnet hat. Das ist allerdings ein außerordentlich scharfes Wort, das die Anerkennung des von den Päpsten geleisteten Guten vermissen läßt. Aber Luther hat in seinem Kampf gegen den Antichrist nicht weniger scharfe Worte gebraucht. Man begreift die Beurteilung Haeckels, wenn man nicht vom ausschließlich geschichtlichen Stand- punkt aus das Papsttum betrachtet. Christus, von dem das Papst- tum seinen Ursprung herleitet, ein armer verfolgter Mensch, der nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegte, der mit armen Sündern und Zöllnern verkehrte, der sein Reich im Himmel suchte — der Papst, der offizielle Nachfolger Christi, der in einem der schönsten Paläste der Erde wohnt, der den Völkern seinen Willen diktieren will, der noch vor einigen Jahrzehnten weltlicher Herrscher war: Das sind ungeheure Gegensätze, die Haeckel, ein Mann von feurigem Temperament und unerschrockener Wahrheitsliebe, durch einen sehr scharfen Ausdruck beleuchten mußte. 40 Haeckel hat in der Wissenschaft, die ich beruflich ausübe, der Jurisprudenz, insofern Bedeutendes geleistet, als er das Willens- problem behandelt hat. „Die streitigste Frage der streitigsten Wissen- schaft" hat er ihres dogmatischen und mystischen Charakters ein für allemal entkleidet und ihre natürliche Lösung gefunden. In den „Welträtseln", in den Thesen zur Begründung eines deutschen Monistenbundes und schließlich in dem für die Düsseldorfer Monisten- tagung bestimmten Aufsatz befaßt sich Haeckel mit dem Problem der Willensfreiheit. Immer wieder betont er: die Annahme der Willensfreiheit ist ein Dogma wie der Glaube an Gott und die Un- sterblichkeit. Der menschliche Wille ist wie alles Sein und Geschehen dem Kausalitätsgesetz unterworfen. „Der menschliche Wille", sagt er in seinen „Welträtseln", „ist ebensowenig frei als derjenige der höheren Tiere, von welchen er sich nur dem Grade, nicht der Art nach unter- scheidet. Während noch im 18. Jahrhundert das alte Dogma von der Willensfreiheit wesentlich mit allgemeinen, philosophischen und kosmologischen Gründen bestritten wurde, hat uns dagegen das 19. Jahrhundert ganz andere Waffen zu dessen definitiver Widerlegung geschenkt, die gewaltigen Waffen, welche wir dem Arsenal der ver- gleichenden Physiologie und Entwicklungsgeschichte verdanken. Wir wissen jetzt, daß jeder Willensakt ebenso durch die Organisation des wollenden Individuums bestimmt und ebenso von den jeweüigen Bedingungen der umgebenden Außenwelt abhängig ist wie jede andere Seelentätigkeit. Der Charakter des Strebens ist von vornherein durch die Vererbung von Eltern und Voreltern bedingt, der Entschluß zum jedesmaligen Handeln wird durch die Anpassung an die momen- tanen Umstände gegeben, wobei das stärkste Motiv den Ausschlag gibt. Die Ontogenie lehrt uns die individuelle Entwicklung des Willens beim Kinde verstehen, die Phylogenie aber die historische Ausbildung des Willens innerhalb der Reihe unserer Vertrebraten- ahnen." Haeckel hat in den „Welträtseln" mit Recht hervorgehoben, welch fruchtbare Wirkung er von der Behandlung des Problems in diesem Sinn erwarte, beispielsweise für die Rechtspflege. Meine Flug- schrift „Der Monismus und das Straf recht" und meine größere Schrift „Die Ursachen des Verbrechens und ihre Bekämpfung" habe ich voll- ständig auf die Haeckelsche Auffassung des menschlichen Wülens aufgebaut. 41 Überblicke ich das Gesamtschaffen Haeckels, so sage ich: über die Grenzen seiner Fachwissenschaft hinaus hat er in fast allen Ge- bieten der Wissenschaft und der Kunst teils selbstschöpferisch, teils anregend Hervorragendes geleistet. Und doch stelle ich über Haeckel, den glänzenden Vertreter der Wissenschaft, den Menschen Haeckel. Den wissenschaftlichen Forscher schätze ich außerordentlich hoch, aber den Menschen Haeckel, den unerschrockenen Bekenner und Verkünder neuer Ideale, verehre und liebe ich. QDC 42 EUGEN WOLFSDORF, NÜRNBERG: ODHIN UND HAECKEL o o o Die Naturwissenschaft sucht die Wahrheit, die Theologie aber hat die Wahrheit." Diese Worte sprach einst ein greiser Professor der alttestament- lichen Exegese, nachdem er die beiden Schöpfungsberichte des bibli- schen Buches Genesis erklärend behandelt hatte. Er gab zu, daß diese beiden Geschichten untereinander nicht übereinstimmen, und verschwieg uns auch nicht, daß ihr Inhalt den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft widerspricht. Aber, meinte er, einst würde zwischen Bibel und Naturwissenschaft schon Harmonie erzielt werden, wenn sich nämlich die Theologen bemühen, mehr Natur- wissenschaft zu treiben, und die Naturwissenschaftler sich bequemen würden, mehr in die Geheimnisse der Theologie einzudringen. Bei dieser Gelegenheit sprach er den an der Spitze dieses Artikels stehenden Satz, bei dieser Gelegenheit hörte ich auch zum ersten Male die Namen Darwin und Haeckel. Ich erinnere mich noch sehr wohl des Hochmutes, der uns bei diesen Namen stets beschlich. Ich denke noch mit Scham daran, mit welcher Arroganz ich auf die Studierenden der Naturwissenschaft blickte, die bei mir vorüber in ihre Institute eilten. Sie alle waren ja erst die Suchenden, während wir die Wahrheit gebunden in hebräi- scher und griechischer Sprache unter dem Arme trugen. Trotzdem hatte mich das wenige , was ich von der Abstammungs- lehre gehört, sehr angezogen; es war mir so durchaus vernünftig er- schienen, daß die Tatsachen, durch welche diese Lehre gestützt wurde, mein metaphysisches Denken allmählich überwanden. Dazu kam der Ehrgeiz. Wie, wenn ich der Theologe wäre, welcher genügend Naturwissen- schaften studiert hätte, um Bibel und Naturwissenschaft zu versöhnen ? So machte ich mich denn an die Arbeit, und es gelang mir in ver- hältnismäßig kurzer Zeit tatsächlich, den ersten biblischen Schöp- fungsbericht (gen i) mit den Erkenntnissen der Wissenschaft in Übereinstimmung zu bringen. Gott schafft erst die Pflanzen, dann die Wassertiere, dann die Vögel, dann die Landtiere und endlich den 9G)ggggggggggggggggggggggggE]E]E]E]E]E]E]gE]E]E]gB]E]E]E]E]E]G]G]E;E]G]Eis]E3 43 Menschen. Das ist ganz dieselbe Stufenfolge, wie die Abstammungs- lehre sie vorträgt, wenn man sich nämlich Mühe gibt, die Unter- schiede nicht zu sehen. Darwin und Haeckel waren jetzt für mich abgetan, das Gottes- wort hatte gesiegt, und ich wagte es in meiner frommen Raserei, einem freireligiösen Prediger in öffentlicher Diskussion entgegen- zutreten. Ich habe es später häufig und erst vor ganz kurzer Zeit wieder er- lebt, daß Theologen, welche in derartigen Diskussionen unterliegen, sich nachher den Sieg zuschreiben. So unehrlich war ich nie. Daher veranlaßte mich auch die Erkenntnis meiner Niederlagen zu weiterem Arbeiten, bis der Verteidiger des Kirchenglaubens sehr gegen seinen Willen beim Unglauben angelangt war. Das war die schrecklichste Zeit meines Lebens; denn der alte Glaube hatte seine Kraft eingebüßt, während die durch die Wissen- schaft erzeugten Energien noch nicht stark genug waren, um meinen Wandel zu beeinflussen. Ich sprang von der Theologie ab und gelangte über das Lehrfach zur freireligiösen Bewegung. Aber auch hier habe ich das nicht gefunden, was ich gesucht, denn diese Bewegung ist trotz all ihrer Kirchenfeindlichkeit doch der letzte Ausläufer des dogmatischen Christentums, ihre Lehren sind meta- physisch und ihre Verwendung der naturwissenschaftlichen Tatsachen in Vortrag und Predigt ist eine nicht ganz freiwillige Anpassungs- erscheinung. Während so die freireligiösen Gemeinden eine Kirche ohne Gott bilden, führte mich die Bekanntschaft mit August Spechts „Men- schentum" einem mehr wissenschaftlichen Freidenkertum zu. Dieses Blatt hat, wie man ohne Übertreibung sagen darf, seit dem Jahre 1871 allein einen konsequenten, nicht metaphysischen Monismus ver- treten, bis der von Körber und Unold herausgegebene „Monismus" ihm zur Seite trat. Durch das „Menschentum" lernte ich erst Ernst Haeckel richtig kennen. Jetzt sah ich ihn ohne theologische Brille. Von Spechts Schrift „Theologie und Wissenschaft" gelangte ich zu Haeckels „Na- türlicher Schöpfungsgeschichte", von da zu seiner Broschüre „Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft" und zu den 44 pgggggE]gE]ggggE]E]E]ggG]ggggggggE]E]E]E]E]B]E]gE]E]E]E]E]E]ElB]E]E]E]E]E]E]BlE]B] „Welträtseln". Aber auch jetzt noch spukte der Theologenhochmut in mir. Kraft meiner Unwissenheit schrieb ich eine Broschüre (,, Letzte Schlüsse der neuen Welt- und Lebensanschauung"), in welcher ich weit über Haeckel hinausging und mich schließlich dem Lesepublikum als Anhänger des egoistischen Materialismus oder materialistischen Egoismus vorstellte. So unreif und frech diese Schrift war, ich brauche mich ihrer nicht zu schämen, denn ich habe in ihr Konsequenzen gezogen, die heute, nachdem sie auch von anderer Seite gezogen worden sind, allgemeine Anerkennung gefunden haben. Den Vorarbeiten zu dieser Schrift aber verdanke ich die Erkennt- nis vom ethischen Werte des Entwickelungsgesetzes, näm- lich den Gedanken, daß wir über unseren gegenwärtigen Zustand hin- auszustreben haben. Jetzt begann mir an die Stelle der Gottheit mit ihren alt- und neutestamentlichen ethischen Forderungen dieMensch- heit mit ihren modernen ethischen Forderungen zu treten und der sittliche Anarchismus zu weichen. Es wäre undankbar, wollte ich unerwähnt lassen, welchen großen Dienst mir bei dieser Umwandlung Johannes Unolds Schriften geleistet haben, aber ich muß auch betonen, daß bei meinem damaligen Mißtrauen gegenüber aller Theologie und humanistischen Philosophie diese Schriften wahr- scheinlich noch längere Zeit wirkungslos geblieben wären, hätte mir nicht Ernst Haeckels Naturwissenschaft die Beweise für die in ihnen enthaltenen Gedanken geliefert. Erst dadurch, daß ich die Gesetze, die in meinem Leben Geltung haben sollten, als in der ganzen Natur geltend nachgewiesen erhielt, gewannen sie jene aufwärts- treibende Kraft, die sie trotz meiner schweren, niederziehenden Le- bensschicksale bewahrt haben. So ist Ernst Haeckel mein sittlicher Erlöser geworden. Daher ist es erklärlich, daß ich in seinen Schriften mir wieder Rats erholte, als an mich die Pflicht herantrat, ein eigenes Kind und fremde Kinder zu erziehen. Auf diese Weise wurde sein biogenetisches Grundgesetz zum Leit- motiv meiner monistischen Pädagogik, und wenn heute schon manches Elternpaar mir dankbar die Hand drückt oder aus weiter Ferne dank- bare Zeilen an mich richtet, so gebührt dieser Dank eigentlich dem Achtzigjährigen, dem diese Festschrift gewidmet ist. 45 Aber vielleicht wird der geehrte Leser fragen: „Was hat dies alles mit der Überschrift ,Odhin und HaeckeP zu tun?" Wenn ein wirklich frommer und gleichzeitig temperamentvoller, energischer Mensch seinen dualistischen Glauben verliert, dann geht bei ihm innerlich alles zu Bruch. So war es bei mir. Ich wurde nicht nur in ethischer, sondern auch in politischer und überhaupt in jeder Beziehung Anarchist; d. h. nicht Bombenwerfer, sondern theoretisch, „Edelanarchist", wie man sagt. Zuerst glaubte ich, in der Sozialdemokratie die urchristlichen Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wiederzufinden. Von diesem Irrtum hat mich die Praxis bald geheilt, und so befand ich mich mehrere Jahre in einer ähnlichen geistigen Verwirrung wie der Bakkalaureus im zweiten Teile des Faust. Da erlaubte ich mir, nachdem mich August Specht in Gotha für den Fall seines Todes zu seinem Nachfolger in der Redaktion des „Menschentum" bestimmt, im Jahre 1905 Ernst Haeckel in seiner Villa in Jena einen Besuch abzustatten, und erlebte es hier, daß der greise, allverehrte Forscher mich, den unbedeutenden Menschen, um Entschuldigung bat, daß in seinem Arbeitszimmer ein Ruhebett stand. Er entschuldigte diese Unregelmäßigkeit damit, daß er wegen des Rheumatismus zuweilen sein Bein hoch legen müsse. Ich war wie vom Donner gerührt; denn in diesem Augenblicke hatte ich eine „Offenbarung", ein „Erlebnis", wie die liberalen Theo- logen sagen würden. Ich wußte nämlich aus Wilhelm Bölsches Haeckelbiographie, daß Ernst Haeckel sich sein Leiden bereits als junger Botaniker auf den feuchten Wiesen von Leisling zugezogen, und plötzlich stand vor meinem geistigen Blicke der alte Gott der Edda, Odhin, der sein Auge dahingibt, um einen Trunk aus Mimirs Weisheitsbronnen zu erhalten; und während Ernst Haeckel unter dem Bilde der Pithecanthropusfamilie saß, dachte ich an den „grü- belnden Äsen", der Riesen und Zwerge, Weltkörper und Moneren, befragt, um der Götter und der Menschen Geschick zu erkunden und die „Welträtsel" zu lösen. In diesem Augenblicke habe ich mein Vaterland und mein Volk wiedergefunden, und damit wich alle Unklarheit und Giftigkeit von mir, jene Heinrich Heinesche Ironie, die ein Zeichen innerer Schwäche ist. Dagegen zog jene starke Heiterkeit und Fröhlichkeit wieder ein, 46 G]E]E]E]E]E]E1B]E] E]E]B]E)E]B]E]gE]E]E]G]E]E]E]E]E]ElE]G] E]E]E3G]E]E]B]ElE]E]E]E]B]G]EJB]E]B]E]G]gE]g die aus einem sicheren Glauben geboren wird. So hat mir Ernst Haeckel den Glauben an mein Volk wiedergegeben, so ist er mir der „Vater der Lieder" geworden. Er hat mich wieder festgewurzelt im Heimat- boden und damit begründet meine moralische Existenz. Möge es ihm noch recht lange vergönnt sein, so heiter, wie ich ihn im November vorigen Jahres angetroffen, sich seiner Erfolge zu er- freuen, ihm, dem Helden des Wissens, der mit Göttern rang! Tausende, Millionen dankbarer Menschen gedenken heute seiner in allen Teilen der bewohnten Erde und sie nahen, eine glänzende Schar geistiger Einherier, um für den Kampf der Zukunft den Treuschwur zu schwö- ren dem Recken der Götterdämmerung, an dem wahr geworden das Eddawort : „Der milde, mutige Mann ist am glücklichsten". 3EjgggB]gggggggggggggE]ggg|giggiG]g]ElE3E]gE]E]G]E]gB]g]gE]GlE]G]ggE3E]E]ElE)Bi 47 HOWARD CRUTCHER, ROSWELL, NEW MEXICO Es ist schwer, von dem großen Meister zu sprechen. Sein Leben und seine Taten sprechen für sich selbst, und ein Kommentar darüber mag beinahe wie eine Anmaßung aussehen. Aber einmal zum Reden aufgefordert, will ich frei und ohne Zurückhaltung sagen, was ich denke. Wenig Menschen ist es vergönnt, das Urteil der kommenden Zeit- alter über ihr Leben und ihre Werke zu hören. Ernst Haeckel kann es. Als Denker, Reformator und Wohltäter seiner Mitmenschen steht er mir höher als irgendeiner von denen, welche bisher die gleiche Bezeichnung verdienen. Abraham Lincoln hat ein paar Millionen Sklaven von ihren körperlichen Fesseln befreit; Ernst Haeckel hat mehr getan; er hat die Fesseln des Aberglaubens gebrochen und un- gezählte Millionen von Seelen in Freiheit gesetzt. Eine menschliche Seele frei zu machen ist mehr als einen Leibeigenen zu entfesseln. Die ,, Welträtsel" taten Großes; doch muß ich ein höheres Verdienst und ein bei weitem wirksameres Resultat den unvergleichlichen Vor- trägen über den ,, Kampf um den Entwicklungsgedanken" beimessen. Charles Darwin sammelte die notwendige Kriegsmunition, doch dem großen Befreier von Jena blieb vorbehalten, die Kanonen zu laden und das Pulver zu entzünden. Von Darwin sprechend, dürfen wir seines edlen und großzügigen Tributs nicht vergessen, den er Haeckel gezollt hat. Darwin sagt, daß die Veröffentlichung seines Buches über die „Abstammung des Menschen" unnötig gewesen wäre, wenn Haeckels Werk (die „Natür- liche Schöpfungsgeschichte") eher erschienen wäre. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an das geistreiche Wort von Emerson, daß der Entdecker nicht der ist, der zuerst etwas Neues sieht, sondern der, welcher es laut heraussagt, so daß die ganze Welt davon profitie- ren kann. Jahrhundertelang haben große Denker die Reisigbündel aufgehäuft, aber unserem Meister von Jena war es vorbehalten, die Fackel anzuzünden, deren glänzendes Licht uns und unsere Nach- kommen für alle Zeit leiten soll. Es ist viel, wenn ein Mann über ein so altes und ehrwürdiges Zentrum des Gedankens wie Jena hinauswächst; es ist mehr, daß er die Grenzen G]gggggggggE]ggggggE]ggE]ggggggggs3gggE]Ej5]g]g]E]E]S]E]siE]E]g3]EiEigiE]Ei 48 gggg^gggE]ggggggggg^gggB]E]E]E]E]B]BlE]EIE]ElB]E|E]E]B]E]E]E]E]G]B]E]E]E]E]G]E]EIE] des großen deutschen Kaiserreiches überschreitet; Ernst Haeckel hat dies getan ; er gehört der weiten Welt des freien Gedankens, dem könig- lichen Reiche universaler Wissenschaft an ; und wenn erst der Mensch in den vollen Besitz seiner Kräfte gekommen ist, wird Haeckel in Deutschland mehr gefeiert werden als Friedrich der Große, Pasteur in Frankreich mehr als Napoleon, Lister in England mehr als Wel- lington. Eines Tages wird eine Urne in Jena mehr verehrt werden als das ruhmreiche Grab in Potsdam. Die Menschheit muß lernen, daß die Fackel des Denkers mächtiger ist als das Schwert des Krie- gers. Haeckel hat unsterblichen Ruhm erlangt, nicht weil er danach strebte, sondern durch die Gewalt der Tatsachen. Er hätte dem zu- stimmenden Urteil wissenschaftlicher Männer gar nicht ausweichen können, die gern ihre Häupter beugten und ihre Ohren öffneten, wenn „der vornehmste aller Deutschen" vorüberging. Es ist gut, daß wir, die wir soviel durch seine Arbeit gewonnen haben, uns aufmachen sollen, um ihm jetzt die volle Ehre zu erweisen. Ich hätte beinahe gesagt, „seine abnehmenden Jahre"; aber ein Mann wie Ernst Haeckel nimmt nicht ab ; immer ist da Wachsen und Ausdehnung ohne Grenzen. Diese schöne Gelegenheit, wo wir von allen vier Weltgegenden zusammenkommen, um dem wissenschaftlichen Titanen unserer Zeit zu huldigen, soll uns zum Bewußtsein bringen, daß wir noch ernste Pflichten vor uns haben. Haeckels flammende Worte: „Der Kampf ist der Vater aller Dinge" soll jeden seiner Nachfolger zu doppelter Energie und zu unerschütterlichen Hoffnungen anspornen. g»ct> 4 Haeckel-Festschrift. Bd. II AQ ggggg§g^E]3]E]B]B]E]E]E]G]E]E]E]E]EJE]E]EJE]E]E]513333SS§13E2]E]E]5i35]S53E15iE1515]3 M. H. FLOTHUIS, AMSTERDAM o o o Es mögen im tiefen Grund des menschlichen Bewußtseins Ahnungen und Gefühle ein traumhaftes Dasein führen, schönen Schmetter- lingen im Puppenstand vergleichbar, die des beschwörenden Zauber- wortes harren, das sie ans Licht fördert, um den Geist mit schönen und klaren Gedankengebilden zu bereichern. So war der Name Haeckel für mich mit einer Art magischen Zaubers umkleidet, wie viel früher der Name Shakespeare mir klang wie die süße Verheißung einer ge- heimnisvollen Welt, geisterhaft und magisch und doch lebendig und wirklich, ein ewiges Märchen von Schönheit. Und wie die Geister- stimme des Hamlet alle meine Ahnungen aus ihrer Erstarrung löste und seine Worte mir zur subjektiven Seelenoffenbarung wurden, so klangen mir auch die Worte der „Welträtsel" wie eine Bestätigung dunkler Empfindungen; sie lösten mir nicht nur wichtige Fragen, sondern waren häufig Frage und Antwort zugleich, da ja unser Denken infolge erblicher Anlage und herkömmlicher Erziehung manchmal im Banne der Tradition befangen ist, sodaß wir durchaus nicht immer die Frage richtig eu stellen vermögen. Denn außer den religiösen Kirchendogmen existieren im Denken fast aller Menschen, auch der Gebildeten, Vorstellungen allgemeinerer Natur, nicht weniger anfecht- bar als jene, deren angenommene Richtigkeit gewöhnlich nicht einmal genau geprüft wird; auch diese verdunkeln unsre Erkenntnis oft in solcher Weise, daß wir die Probleme nicht klar unterscheiden können. Wer sich vorurteilsfrei der Wirkung von Haeckels „Welträtsel" hin- gegeben hat, wird erfahren haben, daß es dem Verfasser wie fast keinem andern gelungen ist, auch solche Dogmen allgemeiner Art scharf zu erfassen und ihre Hinfälligkeit von naturwissenschaftlichem Standpunkt zu beleuchten. Dazu rechne ich z. B. ziemlich allgemein geltende Sätze, u. a., daß der Geist höhere Bedeutung habe als der Stoff, daß Glauben und Wissen unabhängig von einander ihren Wert haben, daß Gemüt und Vernunft getrennte geistige Gebiete seien, daß man Ehrfurcht vor jeder religiösen Überzeugung haben solle u. dgl. Indem Haeckel nur die Vernunft als oberste Richterin in geistigen Fragen anerkennt, richtet er sich nicht nur gegen die Glau- benssätze der offenbarten Religionen, sondern ebenso gut gegen diese 50 und ähnliche Gespenster der Tradition, die vor seiner kritischen Logik längst geflohen wären, wenn nicht am Panzer der Dummheit und Trägheit die schärfsten Pfeile der Vernunft immer wieder wirkungslos abprallten. Versuche ich hier die wichtigsten Ergebnisse der „Welträtsel" als Niederschlag persönlicher Eindrücke zusammenzufassen, so scheinen mir nach fast fünfzehnjähriger Existenz des Buches folgende Schlüsse festzustehen : Es ist dem Verfasser gelungen, für gebildete Leser eine populär- wissenschaftliche Darstellung zu geben vom Stande der Naturphilo- sophie am Ende des 19. Jahrhunderts. Zwei Welten werden bis zum Schluß scharf und klar einander gegenübergesetzt : die vom außerweltlichen Geist beherrschte Materie und die Welt der universalen Substanz mit ihren zwei Attributen: Geist und Materie. Die weitreichenden Folgen der Annahme von der einen oder der anderen dieser zwei Welten für das Kulturleben: der dualistischen, die zum theokratischen, von vernunftwidrigen Gesetzen beherrschten Staat, und der monistischen, welche zumnomokratischen, auf vernünftigen Naturgesetzen beruhenden Staat führt , werden ein- gehend geschildert. Das Buch hat vor andern rein wissenschaftlichen Werken einen hohen sittlichen Wert voraus, indem sich sein Verfasser nicht wie die meisten Fachgelehrten mit den realen Ergebnissen seiner wissenschaft- lichen Forschung begnügt, sondern vom Standpunkt seiner Natur- erkenntnis auch die sittlichen Fragen des Kulturlebens in den Kreis seiner Betrachtung zieht. Die beiden Methoden der Erkenntnis: Erfahrung und Denken, werden fortwährend berücksichtigt und zu einheitlicher Darstellung glücklich angewandt. Es spricht sich in dem Buche ein großer Charakter aus, indem der Verfasser kühn und rücksichtslos die unerbittlichen Konsequenzen seiner erfahrungsgemäßen Erkenntnis zieht : hierdurch wird die Logik fast zur Poesie. Das Buch ist frisch und naturwahr, frei von zopfiger Schulgelehr- samkeit und hebt sich durch klare Definition der Begriffe vorteilhaft ab von der Verschwommenheit und Undeutlichkeit vieler philo- sophischer Werke. 4* 51 Diese Schlüsse drängten sich mir auf, als ich die „Welträtsel" ge- lesen hatte, und wiederholte Lektüre bestätigte mir deren Richtigkeit. Gebildete Leser haben mir oft ihr in mancher Hinsicht übereinstim- mendes Urteil mitgeteilt. Ich habe mit obigen Behauptungen kein kritisches Urteil aussprechen wollen; ich will nur sagen, wie sich das Buch in meiner Seele widerspiegelte. Ich habe es ans Herz ge- schlossen und halte es trotz all seiner Mängel und Unvollkommen- heiten wertvoll als einen köstlichen geistigen Besitz. Es erschien mir als eine der schönsten und frischesten Blüten des deutschen Geistes, ein vollkommener Gegensatz z. B. zu Adolf Bartels' ,, Heine-Buch", das ich als eine der fadesten und elendesten betrachte. Wer sich, wie ich, viel mit deutscher Dichtung und deutschem Geistesleben über- haupt befaßt hat, wird mich hier wohl verstehen. Es ist nun einmal nicht anders: dieselbe Natur, die das königliche Tier erzeugt, das die Wüste durchrennt, gebiert auch den Wurm, der am Staube klebt. Gegenüber den erwähnten Vorzügen der „Welträtsel" auch seine Mängel hervorzuheben, ist weder geboten noch erwünscht. Licht und Schatten des Werkes sind von weit berufeneren Kritikern wiederholt eingehenden Besprechungen unterzogen worden. Als beschämend für den angeblich aufgeklärten Teil der Kulturvölker darf es bezeichnet werden, daß das Buch gerade in der fortschrittlichen Presse mitunter aufs heftigste angegriffen wurde. Ich erfuhr dies mit meiner Über- setzung der „Welträtsel", worüber in einer unsrer größten und an- gesehensten neutralen Zeitungen (De Telegraaf) womöglich noch ab- fälliger geurteilt wurde als in der gläubig -kirchlichen Presse. Der geistreiche Rezensent behauptete in diesem Blatte am Schluß seiner Besprechung, daß Haeckel durch die Veröffentlichung der „Welt- rätsel" den letzten kleinen Überrest von Achtung, die große Natur- forscher noch vor ihm gehegt hätten, verwirkt habe. Ja, wir sind in Holland eben sehr unterrichtet und furchtbar fortgeschritten. Unsre Künstler und Gelehrten sind nicht so leicht zu befriedigen. Wir sind eben „schon weiter". Haeckel und sein Monismus: „überwundener Standpunkt". Vergegenwärtigt man sich dann einen Moment, wer dieser Kauz im „Telegraaf" und wer „Haeckel" ist, so wird die Sache komisch. In der Kunst und Wissenschaft kann man bei uns hin und wieder ähnlichem begegnen. Hat nicht in einer unsrer Hauptzeit- schriften Herr Professor Kohlbrugge überzeugend und gründlich 52 ggE]ggggggggggggggggG]ggggE]ggE]E]E]E]E]B]E]E]E]E]E]E]EiEiB]E]E]E]BjE]EjG]EiE]E| dargelegt, daß Goethe mit der Naturwissenschaft eigentlich nichts zu schaffen hat, daß dessen Forschungen gleich Null bedeuten und man denselben allen wissenschaftlichen Wert absprechen muß? Als Künstler: allen gebührenden Respekt natürlich! Aber nein, sagt Herr Querido, auch seine Kunst ist anfechtbar: „Faust", „Tasso", „Iphi- genie" sind dramatische Mißgriffe, seine Gestalten keine lebendigen Schöpfungen, bloß Gedankengebilde, dem Symbolischen eingepflanzt. Und Herr van Deyssel spricht von einem „wenig wertvollen Faust". Man sieht es, wir stehen eben nicht zurück, wir lassen uns nichts vormachen. Glücklicherweise liegen auch in meiner Heimat viele günstige Ur- teile über die ,, Welträtsel " vor, und sowohl das Original wie meine Übersetzung dürfen sich des Interesses weiterer Kreise erfreuen. Mein erster Gedanke, nachdem ich mich in die Lektüre vertieft hatte, war: das muß ein großer und freier Mensch geschrieben haben, und als ich einige Jahre später die Kunststätten klassischer deutscher Dichtung, Jena und Weimar, besuchen wollte, ergriff mich der lebhafte Wunsch, den greisen Naturforscher zu sehen und wenn möglich persönlich mit ihm bekannt zu werden. Meinem diesbezüglichen Anliegen wurde von Haeckel in der liebenswürdigsten Weise willfahrt, und an einem Sommernachmittag empfing er mich in seinem einfachen Studier- zimmer mit dem Ausblick auf die Gebirge des anmutigen Saaletals. Er hatte sich kaum erholt vom Schenkelbruch, den er im Frühling des Jahres erlitten hatte, und mußte sich, auf einem Polster ruhend, mit mir unterhalten. Trotzdem erhob er sich dann und wann, wenn der Eifer des Gesprächs ihn seine Qual vergessen ließ, und schleppte sich mühsam nach seinen Büchern und Mappen mit Bildern, die er mir zeigte. Es war ein ergreifender Anblick: der Mann, dessen Geist das Gesamtgebiet der biologischen Wissenschaften zu umfassen ver- sucht hatte, der in liebedürstender Naturempfindung durch alle Erd- teile gewandert war, mußte sich mit dem engen Räume seines Zimmers begnügen. Ich konnte den Gedanken an einen Vogel im Käfig nicht unterdrücken, aber bald zeigte es sich, daß der Geist in diesem halb- gelähmten Körper ungebrochen war; die geistsprühenden Augen, der heitere Sinn des Forschers machten alsbald das körperliche Leiden vergessen. Wir sprachen über den „Monismus" und die „Welträtsel", über Goethe und schließlich auch über die politischen Verhältnisse in ggggE]ggggggggggB]ggggE]g^g^g^3gE]E]E]5]E]E]E]51E35]EjB]gE)E]BlS3E]ElE]B]E]El 53 gggggg^ggggggggggggB]E]ggE]E]E]G]B]E]E]E]E]ElEJE]E]EJE]E]E]B]E]E]ElE]B]G]G]E]G]E]E] Holland und Deutschland. Ich wollte in Haeckels Gegenwart ver- suchen, das Faustproblem von der naturwissenschaftlichen Seite zu erfassen, und wagte die Meinung, daß, falls Goethe die Stufenleiter der Entwicklung aller Lebewesen vorausgeahnt habe, die Natur im „Faust" auf der höchsten Stufe erscheine und so die Möglichkeit nahe- liege, daß sie sich ihrer selbst bewußt werde. Da Faust nun aber die geistige Gebundenheit mit allen irdischen Geschöpfen teile, müsse diese Unzulänglichkeit notwendig seine zwischen zwei Welten schwe- bende Gemütspein herbeiführen. Haeckel erblickt wie ich in Goethes „Faust", mithin in Goethe selbst, den höchsten geistigen Gipfel der Menschheit und mußte gestehen, daß die Frage des Bewußtseins ein höchst schwieriges Problem sei, das mit der dunkeln Substanzfrage unmittelbar zusammenhänge. Es scheint mir unzweifelhaft, daß der „Faust" in organischem Zusammenhang mit Goethes naturwissen- schaftlichen Forschungen steht, und daß diese Auffassung der ästhe- tischen Kritik durchaus nicht zuwiderläuft. Haeckel versicherte mir, daß Goethes Naturstudium keineswegs als Dilettantismus bezeichnet werden darf: Goethe hat in Jena längere Zeit fast täglich auf der Universität Anatomie getrieben, und die Ergebnisse seiner Forschungen sind durch die großartigen Erfolge der modernen Naturwissenschaft vielfach bestätigt worden. Haeckel erkundigte sich auch nach den politischen Verhältnissen in meiner Heimat, und ich sagte, daß bei uns fast während eines halben Jahrhunderts ein gemäßigter Liberalismus geherrscht habe, der sich zur Zeit, da es noch keine aufstrebende Demokratie gab, mit selbst- gefälliger Behaglichkeit das wissenschaftliche Mäntelchen umgehängt habe und sich so als der natürliche und unentbehrliche Lenker des Staates betrachtet habe. Später aber, als dieser Liberalismus sich nur im Bund mit einer kräftigen Demokratie gegen die immer ge- schlossener und zielbewußter vordringenden klerikalen Parteien be- haupten konnte, hat sich der konservative Teil dieser angeblichen „Aufgeklärten" den politischen Mächten des Glaubens in die Arme geworfen und hat die freisinnige Regierung einer kirchlich-gläubigen Herrschaft weichen müssen, die sich stützt auf den Materialismus der Reichen und die geistige Borniertheit der Massen. Haeckel sagte, daß diese Erscheinung sich im großen oder kleinen in der ganzen Kultur- welt wiederhole, nicht in letzter Linie in Deutschland, wo das „Zen- Ejggg]E]ggggggggggE]ggggB]ggG]ggggggG]E]G]G]S]E]B]E]S]B]B]E]E]E]E]ElE]B]B]E]EJEi 54 ggBjgE]ggE]§ggggBJS]ggggB]ggggggE]B]E][5]E]E]E]E]E]E]EJElE|E]E]E]GJE]E]E]ElE]E]E]E]El trum" längere Zeit die politische Vorherrschaft behauptet habe. (Bei den Wahlen 1913 hat übrigens in Holland die Linke wieder mit einer sehr kleinen Mehrheit gesiegt.) Nach diesem Besuch habe ich das Glück erfahren, noch hin und wieder briefliche Mitteilungen und Schriften, teilweise auch polemi- scher Art, von Haeckel zu erhalten. Eine der letzten, Sandalion (November 1910), hat an Klarheit, Schärfe und Temperament gegen die früheren noch nichts eingebüßt. Ernst Haeckel ist für mich in seinen Werken und seinem Leben eine der größten Erscheinungen im Kulturleben der Völker, ein Mann von gewaltiger Tatkraft, dessen erstaunliche Gelehrsamkeit künstlerisch durchhaucht ist ; ein unermüd- licher Kämpfer für Wahrheit und Fortschritt, ein trotz menschlicher Schwächen und Verirrungen hoher sittlicher Charakter. §Si]iggE]gG]gg§§g§ggggggg^gggsggG]e]E]5]GjG]E]G]5]E]E]E]S]G]E]E]E]E]G]E]E]E]GJ 55 JOUSSET DE BELLESME, BRÜSSEL o o o Es ist mir wirklich eine lebhafte Freude, meinen Tribut der Be- wunderung und des Lobes zu Ehren des berühmten Zoologen und Philosophen Ernst Haeckel mit dem der ganzen Welt zu ver- einigen. Von den Werken dieses Gelehrten waren es hauptsächlich die „Generelle Morphologie", „Die Schöpfungsgeschichte", „Die Anthro- pogenie" und der Vortrag über „Zellseelen und Seelenzellen", welche mein Interesse gefangen nahmen. Sie hatten den größten Einfluß auf meine Geistesrichtung, die darauf bereits durch das eifrige Stu- dium des „Discours sur la methode" von Descartes vorbereitet war. Diese vier Schriften hatten in Frankreich wenig Beachtung ge- funden. Die Radiolarienmonographie dagegen wurde von Zoologen geschätzt, aber der Einfluß, den dieses Werk hätte ausüben können, wurde zum Teil durch die aus ihm entspringenden Schlußfolgerungen zunichte gemacht. Man konnte mit Leichtigkeit bemerken, daß das Studium dieser niedrigen Organismen, die von Seiten der Naturforscher fast völlig unbeachtet geblieben waren, der Lehre von der Unver- änderlichkeit der Arten einen vernichtenden Schlag versetzte; und diese Lehre war eine der Grundtheorien, welche die Basis des Unter- richts für die offiziellen Gelehrten abgab. Als diese Werke erschienen, war gerade das Museum, die Sorbonne, das College de France unter der ausschließlichen Herrschaft einer Gruppe von Naturwissenschaftlern, an deren Spitze die Milne Ed- wards allmächtig regierten. Als sich dann von allen Seiten die Evolutionstheorie erhob und ein neuer und befruchtender Strom die Biologie durchflutete, als dann von allen Seiten die Entdeckungen in der Embryologie sich häuften, da brachte diese Gruppe einflußreicher Gelehrten, die jeder neuen Idee feindlich war und vor allem jeder Theorie, welche die veralteten Dogmen der Schöpfungsgeschichte und der Unveränderlichkeit der Arten bedrohen konnte, da brachten diese Gelehrten eine Verschwö- rung zustande, welche die folgenreiche Bewegung totschweigen sollte ; und als diese Bewegung bald die zoologischen Wissenschaften erneuerte, war damit die zurückgebliebene französische Wissenschaft isoliert. 56 ggggggggggggE]ggggggggB]E]E]E]E]E]E]B]B]G]E]E]EiE]E]EiE]EiE]E]E]E]E]B]E]B]EiE]EiE]E] Bis zum Jahre 1892 widerhallten die Gewölbe der Sorbonne kein Wort über Entwicklung und Umgestaltung: der offizielle Unterricht ignorierte sie, ebenso wie sie die Namen von Darwin, Haeckel, Huxley, Preyer und vielen anderen ignorierte. Zwar ein paar vereinzelte Persönlichkeiten wie Ch. Robin, Claude Bernard, Berthelot, Giard und andere folgten von weitem der Be- wegung, begriffen deren Wichtigkeit und sahen klar ein neues Licht in der Phylogenie, welche Haeckel in monumentaler Weise auf dem festen Boden seiner eigenen Forschungen wie der bewunderns- werten histologischen und embryologischen Arbeiten errichtete, welche von allen Seiten in England, Deutschland und Rußland her- kamen. Die Lehren Haeckels drangen nach und nach in dieses Milieu. Claude Bernard nahm die Einheit der Kraft, der Materie und der Empfindung an, und oft streiften meine Unterredungen mit diesem berühmten Meister diese Dinge, die er mit der Kraft seines Geistes, die er in allen Dingen zeigte, gern entwickelte. Ohne daß er jemals das Wort „Monismus" anwendete, findet man doch in seinen letzten Werken die wesentlichen Züge dieser Lehre wieder, und er erkannte ohne Rückhalt die phylogenetischen Vorstellungen Haeckels an. Während die Zeit vorrückte, verschwanden allmählich die offi- ziellen Korps, die systematisch jeden Gedanken unterdrückten, der dem Dogma widersprach, und eine Anzahl junger Leute, unter der Führung eines tüchtigen Zoologen, Alfred Giard, entwickelte sich trotz des Schweigens, in das man die neuen Lehren hüllte. Der letzte Vertreter jener rückständigen Schule, Lacaze-Duthiers, starb, und endlich wurde 1892 in der Sorbonne durch den Gemeinderat von Paris ein Lehrstuhl für die Entwicklungslehre geschaffen. Zum erstenmal konnte die Jugend öffentlich die Lehren von der Entwicklung, der Abstammungslehre und der Phylogenie vortragen hören, von denen die Zoologen anderer Nationen seit einem halben Jahrhundert inspiriert worden waren. In einem gewissen Punkt läßt sich zwischen Bernard und Haeckel eine Parallele ziehen. Beide haben den Wert der Philosophie eingesehen, und anstatt sie aus dem wissenschaftlichen Gebiet zu verbannen — wie es Vir- chow und Kirchhoff getan hatten — , haben sie sie an ihren wahren 57 ggBjgggggBiE]S]ggggggB]gggE]gggggg5]5]E]E]E35]3]E]EiB]B]B]EjE]E]E]E]E]E]EiE]E]B]3i Platz zurückgesetzt, wo Erfahrung und Schlußfolgerung sich die Hand reichen. Die Erfahrung ist nie für den Dualismus günstig gewesen, denn niemals hat man ihr die übersinnlichen Prinzipien, die diese Lehre voraussetzt, unterwerfen können. Der von dem berühmten französischen Physiologen so klar definierte Determinismus führte geradenwegs zu der monistischen Lehre, welche von Haeckel mit ebensoviel Talent wie Feuer geschaffen und verteidigt wurde. Sein Einfluß auf den wissenschaftlichen Geist ist unbestreitbar, und schon als er noch kaum bekannt war, ging er darauf aus, zu herr- schen und sich des menschlichen Denkens zu bemächtigen. Sogar Haeckels Lebenslauf ist ein merkwürdiges Beispiel der Ent- wicklung; seit seiner Jugend verdichtete sich in seinem mächtigen Hirn ein Netz zahlloser Forschungen, die im gegebenen Fall zur Reife gelangten und alle in der wahrhaft wissenschaftlichen Theorie des Monismus gipfelten. Die kindliche Auffassung, welche Körper und Seele, Menschen und Tiere voneinander trennte — der jahrhundertalte Dualismus — konnte unmöglich aufrechterhalten werden angesichts der schlagen- den Beweise, welche Haeckel unaufhörlich anhäufte, um die Einheit des Universums darzutun. Indem er mit Sicherheit und einer seltenen Unabhängigkeit des Geistes die inhaltlosen metaphysischen Vorstel- lungen zurückwies und die Widersprüche der Philosophen aufhob, wollte er Schlüsse nur aus erwiesenen Tatsachen ziehen, und so hielt er sich an die Vorschrift der Kartesischen Methode, die so viele große Geister gebildet hat: ,, Nichts für gewiß zu halten, was nicht voll- kommen erwiesen ist." Der fabelhafte Einfluß Haeckels auf das menschliche Denken ist vielleicht in Frankreich schwächer als anderswo geblieben. Dieses Land steht unglücklicherweise so sehr unter dem Joch eines alten theokratischen Atavismus, daß es trotz der Anstrengungen hervor- ragender Größen nicht dazu kommt, sich von ihm zu befreien. Es ist gewiß, daß die philosophischen Lehren des berühmten Ge- lehrten, dessen 80. Geburtstag wir feiern, nur schwer in die große Menge Eingang fanden oder auch nur in die Welt der Intellektuellen auf- genommen werden konnten. Der Zugang zu diesen hohen Gedanken- gipfeln ist nur solchen gestattet, deren Geist durch das solide und aus- schließliche Studium der biologischen Wissenschaften genährt wurde. 58 Diesen aber drängt sich der Monismus mit jener unwiderstehlichen Gewalt auf, die die Wahrheit besitzt. Die Masse betrachtet diese er- habenen Vorstellungen mit einer gewissen Gemütsbewegung, ähnlich der, die den Wanderer beim Anblick eines kolossalen Gebirges er- greift, dessen Höhe ihn erdrückt. Deshalb konnte der Monismus nicht volkstümlich werden; er blieb im Alleinbesitz einer privile- gierten Elite. In keinem Zeitalter war die Wahrheit bei der Majo- rität, wie auch Descartes so treffend gesagt hat: „Eine Wahrheit zu finden, ist nur einer kleinen Zahl von Menschen möglich." Haeckel soll nicht nur um seiner Werke willen gelobt werden, sondern auch wegen der Standhaftigkeit seiner Überzeugungen und der Unabhängigkeit des Geistes, mit welcher er sie aufrechterhalten und entwickelt hat, ohne sich darüber zu beunruhigen, ob sie die Empfindlichkeit der Herrschenden reizen könnten. Es ist sehr selten, daß ein Gelehrter gewagt hat, sein ganzes Denken zu offenbaren. Descartes fürchtete den Scheiterhaufen, und heute fürchtet man für seine Interessen. Haeckel war frei von diesen Schwächen. Er bekannte seine Gesinnung furchtlos, und wenn seine Aufrichtigkeit von Regie- rungen scheel angesehen wurde, welche gern den Irrtum zum Zwecke politischer Herrschaft aufmunterten, so gewann er die Anerkennung aller aufrichtigen Denker. Er zog auch in Betracht, daß der Monis- mus die Erziehung der Kinder beeinflussen sollte. Er sah ein, daß die Wahrheit nur dann triumphieren wird, wenn die Zeitgenossen oder die Regierungen die Klugheit und Festigkeit haben, die Erziehung der Jugend den irrigen Dogmen des Aberglaubens zu entziehen. Er betonte die Wichtigkeit, welche die Ergebnisse der Wissenschaft für die Bildung der jungen Generation besitzen. Nur auf dem Boden einer wissenschaftlichen Weltanschauung können Friede und Einigkeit in der Menschheit herrschen. Eine Regierung, welche die Jugend durch die Feinde ihrer eigenen Einrichtungen erziehen läßt, geht an den inneren Mißhelligkeiten, an Zwietracht und Bürger- krieg zugrunde. Den Kopf hochzuhalten, ohne dem Aberglauben Zugeständnisse zu machen, diesen zu bekämpfen, eine Handvoll Wahrheiten in seiner Faust zu spüren und sie zu öffnen, das beweist einen Mut, den man nicht oft erlebt, und dem man seine Hochachtung bezeugen muß, wenn man ihm begegnet. E]gggE]5]g^gg5]ggg^g^^^gggggggE]5]E]ElE]E]ElE]B]E]E]E]E]S]E]B]E]E]EJE]E]E]E]E]EJEl 59 Laßt uns also Haeckel am Tage seines 80. Jahres unsere Hoch- achtung bezeugen; laßt uns unsere Hochachtung bezeugen dem un- geheuren Umfang seiner Arbeiten, seiner staunenswerten Laufbahn, seinem frischen und heldenmütigen Alter. Er kann mit Befriedigung zurückblicken und den Weg abmessen, welchen er den menschlichen Geist hat durcheilen lassen, und vom Gipfel, auf den sich sein Denken erhoben hat, mit Vertrauen die dem Monismus und der Wahrheit geöffneten Pforten der Zukunft ins Auge fassen. gggggggggggggggggggggB]G]E]E]B]E]ElE]E]B]E]E]B]E]B]E]B]E]E]G]E]G]E]E]EjE]G]g]E]E]g] 60 FRIEDRICH GLATZ, WIEN : WAS HAT ERNST HAECKEL DEM SCHON RELIGIÖS AUFGEKLÄRTEN GEBRACHT? o o o Auch der einfache Kaufmann darf sich am Festtage von Haeckels 80. Geburtstage zum Worte melden. Wendet sich dieser in seinen volkstümlichen Werken doch an die Gebildeten aller Stände. Allerdings ist der Begriff des Gebildetseins umstritten. Allein Haeckel fordert zweifellos nicht sowohl ein bestimmtes Maß formaler Bildung, als vielmehr die Kenntnis gewisser Fundamentalsätze der Naturwissenschaft, wie: des heliozentrischen Systems, der alles beherr- schenden Naturgesetzmäßigkeit, davon insbesondere des Substanz- und des Konstanzgesetzes, der Atomtheorie, des Energiebegriffs und vor allem der Deszendenztheorie. Dieser Wissensstoff ist aber heute Ge- meingut der breitesten Kreise. Ich habe sie nicht erst durch die Lektüre der Schriften Haeckels erworben. Mein Vater war Redakteur. Alle bedeutenden Errungen- schaften der Wissenschaft, alle neuen fruchtbaren Theorien wurden im Familienkreise besprochen, in welchem Politiker, Professoren und sonstige Intellektuelle verkehrten. Allein die Frage, was auch der schon von Haus aus religiös vollkommen Aufgeklärte dem Einflüsse Haeckels zu verdanken hat , ist nicht weniger der Beantwortung wert als diejenige nach dem Einfluß, den der vorher Gläubige oder religiös Indifferente durch die aufrüttelnde Aufklärung Haeckels erfahren hat. Um ein solches durch Haeckel bewirktes „finishing" einer schon vorhandenen Aufklärung in ihrer Bedeutung verständlich zu machen, ist es nötig, sich die Kämpfe in Erinnerung zu rufen, welche sich im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts zwischen kirchlichem Geist und Kulturfortschritt abspielten. „Das Leben Jesu" von D. Strauß hatte, als echtes Volksbuch, weit über den Kreis seiner Leser hinaus gewirkt, da der Kern seines Inhaltes, daß die Bibel keine offenbarte heilige Schrift, nicht einmal ein einwandfreies historisches Dokument, sondern tendenziöses Men- schenwerk und daß Jesus kein Gott, sondern ein Mensch sei, leicht weiterverbreitet werden konnte. So drang das Ergebnis der Bibelkritik nicht nur in das Pfarrhaus, sondern auch in die Arbeiterhütte, ja selbst g§E]ggggG]gggggggg§ggggggggE]gEiE]G]E]E|EiG]gE]E]ggG!§E!G]G]E]G]gE]G]gEiE) 6l 0B]ggggggBjBjggggggggE]gE]ggB]gE]ggE]gB]BjE]E]E]EiE]E]B]EiE]G]E]EiE]E]E3EiG]E]E]E] in die Schule ein, wo es mit wichtiger Miene von Kamerad zu Kamerad weitergesagt wurde. Die Grundlage allen konfessionellen Glaubens schien mit einem einzigen zermalmenden Schlage vernichtet. Strauß war von Haus aus kein Kirchenfeind. Als gläubiger Theologe hatte er sich an das Studium der synoptischen Evangelien gemacht. Um so wuchtiger war die Wirkung seiner Kritik. Bleicher Schreck erfaßte die kirchlichen Kreise. Andererseits hielten die Fortschrittsfreunde einen völligen Wandel unserer gesamten geistig-sittlichen Kultur nun für unmittelbar bevorstehend. Allein weder die Sorge der einen noch die Hoffnungen der anderen erwiesen sich als gerechtfertigt. Ja gerade der glimpfliche Verlauf der in der Bibelkritik gelegenen Bedrohung der traditionellen Weltanschauung hatte die Kirche erst zum vollen Bewußtsein ihrer anscheinend unüberwindlichen Stärke gebracht. Übermütig sprachen ihre Kreise von dem Bankerott der Wissenschaft, welche doch keine, die Menge befriedigenden Antworten auf die letz- ten Probleme der Welt geben und der Herrschaft der dogmatischen Religion daher auch keinen Abbruch tun könne. Dem Mißerfolge im Kampfe gegen die Kirche auf geistigem Gebiete folgte derjenige in der Politik. Der Kulturkampf in Deutschland hatte mit einem Fiasko der weltlichen Macht geendet. Während die Naturwissenschaften immer größere und größere Errungenschaften erreichten, welche ausnahmslos die Negation der alten Tradition be- deuteten, gewann die Organisation der letzteren, die Kirche, auf den meisten Gebieten des öffentlichen Lebens, insbesondere in der Schule, ununterbrochen zunehmenden Einfluß. Recht unerfreulich war auch der Gemütszustand des einzelnen Aufgeklärten. Eine vollkommen befriedigende naturwissenschaftliche Begründung der sittlichen Forderung, die Überwindung der atavisti- schen Wertungen im Gemütsleben und ganz besonders die Organisation einer, den einzelnen Fortschrittlichen stärkenden Gemeinschaft schie- nen noch in unabsehbarer Ferne zu liegen. Wie verfrüht Erwartungen nach dieser Richtung gewesen waren, zeigte sich auch äußerlich deut- lich in dem bedauerlichen Mißerfolge von D. Strauß' „Alter und neuer Glaube". Mit Resignation ergab man sich darein, sich einstweilen nur an den herrlichen Leistungen der Naturwissenschaft und der kri- tischen Geschichtsforschung auf ihren verschiedenen Einzelgebieten erfreuen und sich durch sie in dem Glauben an die Gesamtwissenschaft SSE]E]gggggggggggggggE]gE]gggggggggE]gB]E]B]BjE]BjgB3E]E]E]E]E]E]E]E]EiE]E] 62 als zukünftige Bringerin neuen Menschentumes erheben lassen zu können. Da ging Ende der achtziger Jahre durch die gesamte gebildete Welt der Ruf nach Begründung von ethischen Gesellschaften. Los- lösung der sittlichen Sanktion von allem Konfessionalismus war das alle Freunde der Wahrhaftigkeit elektrisierende Losungswort. Das Gute seiner selber willen zu tun, war ihre praktische Maxime. Die Namen der Besten unserer Kultur prangten auf den Einladungen zum Beitritt. Eine Welle der Begeisterung war durch jene geistig- sittliche Gemeinde gegangen, welche ja auch schon damals, wenn auch ohne jedwedes Gefüge, für das Streben vorhanden war, unser gesamtes Leben in Übereinstimmung mit der Wissenschaft zu bringen. Je berechtigter die großen Erwartungen zu sein schienen, welche an die ethischen Gesellschaften geknüpft worden waren, um so nieder- schlagender war die Enttäuschung, die viele ihrer Gründer bald er- lebten. Die Festlegung auf Kants zwiespältige Philosophie und eine fast ausschließlich auf das Subjektive gerichtete Auffassung der Ethik, endlich der Mangel genügender naturwissenschaftlicher Orientierung, welche Merkmale die Betätigung dieser Gesellschaften charakterisier- ten, konnten nicht zu einer den modernen Menschen befriedigenden Weltanschauung führen. Gerade in der allerwichtigsten praktischen Betätigung der deutschen ethischen Gesellschaft, in der theoretischen Vorbereitung einer Reform des Jugendunterrichtes, war ein Weg ein- geschlagen worden, welcher der programmatischen Loslösung vom Konfessionalismus nur scheinbar entsprach. Von dem im höchsten Maße katholisierenden Dr. F. W. Förster, Zürich, dem Autor der ethischen Lebenskunde, konnte ein rückhaltsloser Kampf gegen die dogmatische Überlieferung nicht ausgehen. Die neuerlich erlebte Enttäuschung war bitter. Allein die geschil- derte unrichtige Methode und das Versagen einzelner Personen er- klärten sie hinlänglich, und so war kein Grund vorhanden, an der guten Sache selber zu verzweifeln. Gerade die gemeinschaftliche Arbeit so vieler Fortschrittsfreunde, wie sie gelegentlich der Gründung der ethi- schen Gesellschaft erfolgt war, ließ die nahe Möglichkeit, eine neue Weltanschauung zu schaffen, sicher erkennen. Waren doch zu Ende des vorigen Jahrhunderts, wenn auch nicht alle, so doch viele Ele- mente einer solchen in jedem Aufgeklärten vorhanden. Gleich einem ggggggggggggggE]E]ggB]gggB]ggggE3ggggggB]E3E]E]B]EiE]E]E]E]E]E]giE]E]G]E]B] 63 sorgfältig vorbereiteten und emsig zusammengeführten Baumaterial harrten sie des großen Baumeisters, der sie zu einem prächtigen Bau erstehen lassen sollte. Nur wenn man sich diese Verfassung von Geist und Gemüt der kulturellen Oberschicht jener Zeit vergegenwär- tigt, welche dem biologischen Zustande der äußersten Summation von noch latenten Reizwirkungen vor dem Auftreten der Mutation ver- gleichbar ist , läßt sich die ohne Beispiel dastehende , ungeheure Wir- kung von Haeckels Welträtseln verstehen. Als ich mich das erstemal durch die Welträtsel durcharbeitete, war ich von einem ganz neuen Glücksgefühl beseelt. Ein seit langen Jahren gehegtes Verlangen war durch dieses Werk erfüllt. Dieses durch und durch wissenschaftliche Buch war für Laien geschrieben, wie ich selber einer bin. Ja, in allererster Linie für solche. Wohl hat mich auch schon früher oft die Lektüre guter Bücher oder die Nachricht von einer wissenschaftlichen Großtat auf das höch- ste begeistern können. Allein solche Berichte waren ja meist nicht für den Laien bestimmt, und selbst recht gute volkstümliche Schriften brachten merklich immer nur ein Bruchstück von Weiterbildung. Nie hatte ich vorher aus solchen Erlebnissen eine Beeinflussung erfahren, welche sich zu irgendwelchen Entschlüssen gesteigert hätte. Mit einer einzigen Ausnahme: der von Forel gebotenen Aufklärung über den Alkohol als individuelles und Rassengift, welche mich von heute auf morgen zum absoluten Abstinenten gemacht hat. Es ist ein historisches Ereignis allerersten Ranges, daß Ernst Haeckel in seinen Welträtseln mit starker Hand, sicher und zielbewußt, die letzten Schranken restlos und endgültig niederreißt, welche seit jeher den Laien von dem höchsten Schatze seiner Zeit, von den Er- gebnissen der Gesamtwissenschaften trennen. Das hat mich mit tief- stem Danke für ihn erfüllt. Immer schon hatte ich in mir den An- spruch auf dieses wertvollste Kulturgut empfunden. Immer aber glaubte ich mir ihn als ungehörige Anmaßung ausreden zu sollen. Ist doch das Schlagwort von der Schädlichkeit oder Lächerlichkeit der Halbbildung nur zu wirksam. Haeckel hat dieses hohe Gut, so wie mir, so vielen Hunderttausenden gegeben. Er hat uns dadurch in unserer Selbstachtung gehoben, damit aber auch in uns den Willen geweckt, uns solcher Gabe würdig zu erweisen. Haeckel spricht aus, daß die monistische Bewegung letzten Endes eine ethische sein müsse. 6 4 3G]E]E]gggE]E]E]B]E]E]E]G]E]ElE]E]ElE]G]E]E]E]S51S§]§]E13E!E]S^33E]§]3E153§]3SE133351SE! Daß dem so sei, das wollen und werden wir Laien erweisen! Denn die wissenschaftliche Methode, diese wirkliche „via veritatis et vitae", dieser alleinige Weg zur relativen Wahrheit und absoluten, lauteren Wahrhaftigkeit, ist nun nicht mehr nur den wissenschaftlichen Berufen vorbehalten. Sie wird zum Kulturbesitz der ganzen Menschheit und muß im Alltagsleben für deren Höherentwicklung ebenso Großes voll- bringen, wie sie in der Forschung Großes vollbracht hat. Nicht so rasch wie der eben geschilderte beglückende Eindruck hat sich die spezifisch monistische Wirkung der Welträtsel in mir eingestellt. Absichtlich habe ich nicht von einer Lektüre, sondern von einem sich Durcharbeiten durch diese neue Gedankenwelt ge- sprochen. Stellt doch Haeckel gerade dem schon vorher Aufgeklärten eine recht große Aufgabe. Ein großer Teil meines früheren Wissens- stoffes wurde mir in der neuen Beleuchtung und im monistischen Zu- sammenhang eigentlich zu einer neuen Erkenntnis, welche ich erst wieder frisch verarbeiten mußte. Als ein Beispiel erwähne ich, daß die in den Welträtseln enthaltene Ablehnung der traditionellen Reli- gionen mir, dem reinlichen Atheisten, stofflich nichts Neues geboten hat. Allein sie hat an Stelle ihrer bisherigen bibelkritischen und vor- wiegend rein rationalen Begründung im Sinne Voltaires die unver- gleichlich wuchtiger wirkende der Anthropologie gesetzt. Umlernen ist aber oft schwieriger als etwas neu lernen. Und noch schwieriger als das Umlernen war es mir, gegen das in mir wir- kende Gesetz der Trägheit anzukämpfen und etwas von meinem alten Wissensstoff aufzugeben. War doch dieser zum Teil mit großer Mühe autodidaktisch erworben und im Laufe vieler Jahre gewissermaßen zu einem Teile meines geistigen Ich geworden. Seit meiner Schulzeit hatte es mich immer mit der allergrößten Befriedigung erfüllt, in der Gravitationslehre Newtons für die erhebend schönen Wunder des Kosmos eine restlose Erklärung zu erkennen. Und nun mußte ich mir sagen lassen, daß der Angelpunkt dieser Er- klärung, die Gravitation, selbst durchaus Problem ist; daß ihre Iden- tität mit der uns empirisch zugänglichen und darum scheinbar so vertrauten, in Wirklichkeit ganz rätselhaften irdischen Schwerkraft über ihr Wesen selber noch gar nichts aussagt. Erfreulicherweise blieb aber doch wenigstens die Tatsache der Gravitation selbst un- berührt. 5 Haeckel-Festschrift. Bd. II 65 i |E]^gggggggggggggB]ggggggE]ggggg^ggE]ggE]EiE]E)B]E]B]EjE]E]E]E]gE]E]E]E]E3 Um so weniger blieb mir armem Aufgeklärten von meinem sauer erworbenen philosophischen Wissen übrig, welches ich Kronenbergs Popularisation der Kantschen Philosophie zu verdanken hatte. Aller- dings habe ich von allem Anfang an eine gewisse heimliche Opposition gegen den Kantianismus in mir nicht ganz unterdrücken können, woran ich heute mit Genugtuung zurückdenke. Kants erkenntnistheoreti- scher Kritizismus, welcher ebenso zur Annahme wie zur Ablehnung des Gottesglaubens führen konnte, mußte in mir, der ich schon als Knabe von meiner Mutter im Unglauben erzogen worden war, starkes Bedenken erregen. Seiner Lehre von aprioristischen Kategorien un- seres Denkens zu folgen, kostete mich Mühe. Und Zeit und Raum als nicht real, sondern ganz ebenso wie das konventionelle Maß von Zeit und Raum als nur vom Menschen in die Natur projiziert aufzufassen, wollte mir schlechterdings nicht gelingen. Aber wie durfte ein ganz gewöhnlicher Laie zweifeln, wo wissenschaftliche Autoritäten zustimm- ten, — Haeckels Kritik der Kantschen Philosophie brachte mir eine wohltuende Befreiung, aber auch die Notwendigkeit, frisch zu lernen. Die durch die Welträtsel in Fluß gebrachten Änderungen meiner geistigen Verfassung ließen anfangs in mir kein Gefühl voller Be- friedigung aufkommen. Es war eine Art schwerer geistiger Ermüdung, in welcher ich das an starken Eindrücken überreiche Buch aus der Hand legte. Ganz allmählich und ohne daß ich mir seiner Nachwirkung gleich ganz bewußt geworden wäre, begann ich bei Diskussionen, bei irgend- welcher Lektüre, bei Urteilsbüdungen und Entschlüssen im Alltag die Dinge nicht mehr für sich allein, sondern immer mehr und mehr in ihren großen Zusammenhängen zu betrachten. Ich war auf dem Wege zum Monismus! Das alles umfassende System Haeckels war unmerklich und doch mit unwiderstehlicher Gewalt in mir lebendig geworden. Mein Wissen hatte sich zur Bildung entfaltet! Bei jeder Gelegenheit schlage ich nun gerne in dem mir liebge- wordenen Buche nach. Da merke ich mitunter mit Freude, wie mein Wissensstoff in dem einen und anderen Gegenstand über den Inhalt der Welträtsel hinausgewachsen ist. Die Lektüre der von Haeckel empfohle- nen Bücher, vor allem mancher Schriften Verworns, Semons und Tyn- dalls und des „Monistischen Jahrhunderts", haben mein Wissen erwei- tert und vertieft. Und erst hiernach und gerade jetzt, wo ich durch 66 die monistische Presse von den fortgesetzten Verbesserungen früherer Forschungsresultate durch die nie rastende Wissenschaft vielfach un- terrichtet bin, weiß ich in vollem Maße zu würdigen, wie genial die in den Welträtseln von Haeckel gebotene Grundlegung einer natur- wissenschaftlichen Weltanschauung ist. Dieser Entwicklungsgang ist zunächst ein rein geistiger. Es könnte daher leicht die Meinung entstehen, daß der Übergang zum Monismus etwas rein Verstandesmäßiges sei, wobei das Gemütsleben leer ausgehe. Dem ist aber ganz und gar nicht so ! Bringt er doch vor allem Wahr- haftigkeit, also die oberste Voraussetzung jedes reinen Gemütslebens! Gibt er doch eine die natürliche Sittlichkeit bewußt verwirklichende Lebensauffassung, die dem Monisten in jeder Lebenslage zu selbst- sicheren Entschlüssen kommen läßt! Hat uns doch Haeckel im Mo- nistenbund auch schon die menschliche Gemeinschaft gegeben, in welcher sich edles Gemütsleben entfalten kann und zukünftig noch schöner zu einem neuen Menschentume entfalten wird. An diesem aber hat jeder von uns nicht nur empfangend, sondern mitschaffend Anteil, und in diesem Bewußtsein liegt das höchste Glück, das ein moderner Mensch haben kann. Das danke ich Haeckel. Das wird ihm die Menschheit von Generation zu Generation in immer höherem Maße danken! gggggggggggggggggggggggggggggE]E]E]E]E]B]EiE]G]E]E]B]EiE]E]B]E]E]E]E]G]E]E]' 5* 67 3]ggg§g5]gggG]gggsggE]ggE]ggga§jg3ggSSS!E]E!G]G]E]G]E3BiG]E]EiE]E]gG]E]E]EiEj ERNST KOERNER, BERLIN: EXZELLENZ ERNST HAECKEL ALS MALER Vierzig Jahre sind nunmehr verflossen, seit ich im April 1873 Pro- fessor Ernst Haeckel kennen lernte. Noch berauscht von dem Zauber des märchenhaften Pyramiden- landes ging meine Fahrt mit Carl Stangen nach Palästina. Durch schroffe Klippen, an denen die Wogen machtvoll brandeten, führten uns kleine Boote nach dem hochragenden Jaffa. Von dort ritten wir in zwei Tagemärschen über Ramleh, vorüber bei Emmaus, immer neue Anhöhen erklimmend, durch Berg und Tal, bis plötzlich dicht vor uns Jerusalem lag mit seinem alten Damaskustor in der trutzigen Stadtmauer und dem Turm des David. Vor uns erhob sich der ölberg, zu unseren Füßen dämmerte tief unten das Tote Meer. In vierzehntägigem Ritt, im Geleit von 25 Beduinen, Knechten und Köchen und einem großen Zeltlager erreichte die Gesellschaft zuerst Tiberias am See Genezareth und Caesarea Philippi. Dann ging es über den großen Hermon durch das steinige Tal Magia del Schems (das Sonnental) nach Damaskus, umgeben von einem Paradiesesgarten. Von dort führte der Weg zum Meere bei Beirut zuerst nach Baalbek mit seinen wuchtigen assyrischen Unterbauten, auf denen die gigan- tischen Tempel des Zeus und des Helios zu den Zedern und Schnee- feldern des Libanons emporragen. Von Beirut führte uns das Schiff zunächst nach Smyrna. Dort stieg ein hochgewachsener Mann ein. Aus seinem Antlitz, umgeben von blonden Locken und Vollbart, blickten freundlich zwei leuchtende Augen und sein frohes Lachen klang silberhell. Wir hielten ihn für einen Maler. Das war der schon damals berühmte Naturforscher Pro- fessor Ernst Haeckel. Er schloß sich in Athen der Gesellschaft an, und bald kamen wir beide uns näher in der gemeinsamen Begeisterung für die schöne Natur und die herrlichen Werke der Kunst. Wir blickten von der Akropolis herab auf den Piräus und die Insel Salamis. Im Vordergrund stand mit seinen ernsten Karyatiden das Erechtheion, vor uns die Propyläen, an welche sich damals noch der dunkle Kreuzfahrerturm wehrhaft ragend anlehnte. Von Athen fuhren wir durch die Dardanellen nach Konstantinopel, gggggE]g§§gg§gigggE)E]g§gggggggg§E]E]EiggE]G]G]E]gG]E]EiE]EjE]E]E]B]EiE]g 68 gggE]gE]gggEiggggggggi|ggggggg§|GlE)G)G]G)E)E]ElE]EJE!E]G]GlE]G)G]E]E]EJE]G]BlE]g o X e s < Ol S5 B o K o ü a £1 1/3 gggggggGjEjggBjE]E]gggB]gggE]gEjBiggEigggggE]EjB]§]E]E!E3B]gE]EjEjE]E3EiEjgBiG3 6 9 welches mit seinen Moscheen und Palästen wie ein Wunder aus „Tau- send und eine Nacht" erschien. Hier wollten wir beide einen Monat verweilen. So folgten wir gern der freundlichen Einladung des Sekretärs des Konsulats, Herrn Rohn- stock, in seinem zu Pera gelegenen, echt türkischen Hause zu wohnen. Dies Haus aus doppelten Bretterwänden gefügt, zwischen denen Mäuse und Ratten umherjagten, und welches im Innern zwar zerfallen, aber doch recht gemütlich war, eröffnete dem erstaunten Blick eine wunderbare Aussicht über den Bosporus mit dem Leanderturm, hin- über nach Asien, wo Skutari im Morgenduft von blendendem Licht umflossen war. Am Mittag erschien der Bosporus wie ein blaugrünes Damast- gewebe, in welches die Windstreifen anmutige Muster zeichneten. Dar- auf waren, wie eine Perlenstickerei, unzählige Schiffe mit ihren weißen Segeln ausgebreitet. Tief unten links spiegelten sich in der kristallenen Flut die Marmorpaläste von Dolma Baktsche und Tscheragan, welche das ganze Ufer weit hinaus umsäumten. Dahinter stiegen die üppigen Gärten des Sultans empor. Zu unserer Rechten streifte der Blick über das Marmarameer mit den Prinzeninseln bis zum Golf von Mudania und Brussa, zu den schneebedeckten Höhen des kleinasiatischen Olymps. Bald lernten wir unter Rohnstocks sprachkundiger Führung das alte Stambul kennen, besuchten die Marställe des Sultans Abdul Azis mit den mutigen Berberhengsten, ritten um die alten Stadtmauern nach Jedikule am Marmarameer und fuhren im Kaik durch das Gol- dene Hörn zu den süßen Wassern von Europa. Überall wanderte das Skizzenbuch und der Malkasten mit, und Haeckel entwarf seine Landschaften mit bewundernswerter Schnellig- keit. Auch ich war durch die kurzgemessene Rast auf dem Ritt nach Damaskus gewöhnt, kurzentschlossen meine ölstudien zu malen, aber im Aquarellieren kam ich in der Schnelligkeit mit Haeckel nicht mit. Mit unserem liebenswürdigen Wirt machten wir auch Ausflüge nach den Prinzeninseln und nach Brussa in Kleinasien. Er hatte unter- wegs geschäftlich zu tun. Vom Golf von Mudania führte uns ein Wagen bei einem Wäldchen von mächtigen, rauschenden Eichen vorüber zur alten Kalifenstadt Brussa. Dieselbe ist hingelagert an den Vorbergen des Olymps. Der feuchte, humose Boden erzeugt üppigste Vegetation, besonders die 7 schönsten Zypressen der Welt. Warme Heilquellen, große Webereien, Meerschaumschnitzereien, uralte Moscheen sind hier und echt orienta- lisches Leben. Überall wurde gezeichnet und gemalt. Haeckel war ein prächtiger Malerkollege, und ich merkte kaum etwas von der Tiefe seiner wissen- schaftlichen Erkenntnis. Erst als wir später den deutschen Konsul in Brussa besuchten, der ein glühender Verehrer Haeckels war und seine Werke besaß, auch mikroskopierten seine Töchter, da wurde mir erst klar, mit welcher Berühmtheit ich täglich so gemütlich wanderte ! Wir kehrten erst am 30. April 1873 nach Konstantinopel zurück. Zunächst unternahmen wir gleich am 26. April den Ritt auf den Olymp. Durch duftende Rosen- und Mandelbüsche blickte man auf die schönen Zypressen, welche in saftigstem Grün, hochgewachsen, die türkischen Gräber mit ihren steinernen Turbanen und Blumen um- standen. Beim Aufstieg hatte man noch einmal einen herrlichen Blick über die Stadt und die Ebene. Dann umfing uns der Frühlings wald mit Rauschen und Vogelsang. Und der ernste Gelehrte an meiner Seite freute sich wie ein Kind, kannte jede Vogelstimme und nannte mir die Namen der zierlichen Sänger. Als wir höher hinauf ritten, veränderte sich das Bild. Ein kahler, erstorbener Wald umgab uns. Kein Blatt bewegte sich an den rinden- losen Stämmen, welche grau, wie versilbert dastanden. Hatte hier ein Waldbrand oder die Heuschrecke gewütet? Es war, als befände man sich im Reiche der Schatten! Plötzlich umgab uns das Dunkel eines Tannenwaldes und bald vollkommene Alpenvegetation. Hinter einem kleinen Teich öffnete sich der Blick auf die Schneefelder des Olymps, deren Schmelze sich hier sammelte. Nun erklärten unsere Führer, daß weder ihre Pferde noch sie selbst weiter könnten; weil der Aufstieg über den Schnee zu gefährlich sei. Ich hatte keine Erfahrung im Bergsteigen und Haeckel auch wohl nur wenig, so stiegen wir beide allein drauflos, ohne jede Scheu. Und wir hatten Glück. Der Schnee war hart und trug uns. Haeckel schritt weit aus und verschwand bald meinen Blicken. Ich fühlte mich in der weiten, weißen Fläche einsamer als in der Lybischen Wüste ; aber hinauf mußte ich. Nach geraumer Zeit lag die Spitze des Berges vor mir, darauf ein Ejggggg§gggggggggggG]g[3g^ggggg^ggBiEjE]G]E]E]EjB!E]E]E]E]E]B]B]E]E]5jB]E]B] 71 schwarzer Punkt, der, sich vom Himmel abhebend, endlich als eine menschliche Gestalt zu erkennen war. Stürmisch umarmte mich mein treuer Reisegefährte, als ich oben ankam, und wir freuten uns gemeinsam innig des Erreichten und ge- nossen den wunderbaren Rundblick zu unseren Füßen. Hinter dem Marmarameer im Norden lag, wie eine Fata Morgana, das alte Stambul. Von dort nach Süden schweifte der Blick an dem Meeresgestade entlang. Im Süden breitete sich die trojanische Ebene aus. In ihrem Duft erglänzte auf zwei Seen die Sonne Homers goldig, wie auf dem Schilde des Achilles. Es bevölkerte sich uns das Gefilde mit den trojanischen Helden, und in der einsamen Höhe, weit über den Wolken, waren wir mitten unter den Göttern Griechenlands! Zum Andenken nahm Haeckel den obersten Stein einer kleinen Pyramide, die auf dem Gipfel errichtet war, mit und brachte so die höchste Spitze des Olymps nach Jena. Oft haben wir dieser schönen Stunde noch später gedacht, wenn Professor Haeckel seine Verwandten und Freunde in Potsdam und Berlin besuchte, und auch mir die Freude machte, mich und meine Frau, die ebenfalls mehrere große Reisen, auch Nilreisen, mit mir ge- macht hat, in unserem Heim zu besuchen. Da zeigte er uns seine ersten schönen Zeichnungen und Aquarelle von den Kunstformen der Natur und seine Wanderbüder. Er ließ sich auch, wie ein dankbarer Schüler, von meinem verehrten alten Lehrer, Professor Hermann Eschke, künstlerischen Rat erteilen. Ich habe immer seinen Fleiß und Ge- nauigkeit und das tiefe Verständnis angestaunt und mich als Maler über sein Schönheitsgefühl und Empfinden für landschaftliche Stimmungen gefreut, welche er auch überzeugend zum Ausdruck brachte. Nun habe ich auch Haeckels Schriften gelesen, welche er mir in freundschaftlicher Weise schickte, auch seine „Welträtsel". Ich habe dabei gestaunt wie zielbewußt darin aus dem Kleinsten das Voll- endetste entwickelt ist und habe erkannt, daß auch dieser kühne Forscher vor der Kraft ehrerbietig haltmacht, welche die erste Be- wegung erzeugt hat, — vor dem Primo Motore des Leonardo da Vinci ! Mag Haeckel in seiner Wissenschaft ein scharfer Kämpfer sein, mir gegenüber ist er stets duldsam und liebenswürdig gewesen. Er ist mir ein lieber Freund geblieben, den ich hoch verehre! 72 §E]E]gE]E]ggggggE3ggggG]ggggggE]gE]gB]ggggE]gG]E]E]E]E]G]5]E]E]E]E]Ej§]5IEI3S N. LEON, JASSY: MEIN MEISTER HAECKEL o o o Als Student bekam ich im Jahre 1883 in Jassy Haeckels „Schöp- fungsgeschichte" in französischer Übersetzung zum erstenmal vor Augen. Es waren die herrlichsten, die einleuchtendsten Vorlesungen, die ich je gelesen hatte! Sie begeisterten mich dermaßen, daß ich mir die Koffer bereit machte und nach Jena fuhr, wo ich mich als stud. med. et rer. nat. immatrikulieren ließ. Da konnte ich nun den Ver- fasser selbst hören, und bin jetzt einer von denen, die sein Werk dreißig Jahre mit größtem Eifer verfolgt haben, die den Werdegang des Mei- sters als Mensch und Gelehrter mit vollem Interesse begleitet haben. Von ihm lernte ich es, das Genie zu bewundern, das Schöne zu lieben und mich nur vor der Wahrheit zu beugen. — Wenn auch seine kostbare Zeit von ernsten Forschungen in Anspruch genommen war, schenkte er dennoch einen guten Teil seiner Energie dem Unterricht, was Studenten aus der ganzen Welt anzog. W T ie beschäftigt er auch sein mochte, nie zeigte er sich gestört, wenn ihn einer von uns aufsuchte, um seinen Rat einzuziehen. Eines Tages ließ er mich in sein Arbeitszimmer rufen und frug mich wohlgemut, wo ich die Ferien zu verbringen gedächte, und ohne nur meine Antwort zu erwarten, sagte er mir: „Mußt irgendwo an die See, um die Tierwelt des Wassers kennen zu lernen; das Meer bietet ein höchst interessantes Material für unser Studium, das zur Erziehung eines Naturalisten unentbehrlich geworden ist. Dr. Kükenthal und Weissenborn — die damals seine Assistenten waren — fahren nach Norwegen um die dortige Küstenfauna zu studieren, fahren Sie doch auch mit." (Dr. K. ist nun Professor und Leiter des Zoologischen Instituts in Breslau, Dr. W. ist längst verschieden.) Ich werde es nie vergessen, mit welcher Freude, mit welchem Eifer er mich bei meiner Rückkehr aus Norwegen empfing. Er ließ sich die Ortschaften auf der Karte zeigen, wo wir gefischt hatten; ich sollte ihm von den Tieren erzählen, die wir gesammelt hatten, und von der Art, wie wir sie aufbewahrt haben. Was den Fortschritt der Kultur so schwer macht, ist wohl in erster Reihe die Tatsache, daß sich die Schriften der Gelehrten größtenteils nur an Gelehrte richten; sehr wenig Gebildete können sie benützen, ggggggggB]G]gggE]gggE]ggggggggggggggggggB]E]E]E]E]EjE]3]E]B]G]S)E]E]5]E] 73 PSE]ggggE]ggggg5]ggggggi3ggggggE]E]E]E]B]5]5]gE]S3E]E]E]5]E]E]B]E]E]E]E]E]E]E]H] während die große Masse des Volkes ihnen fremd bleiben muß. Was hilft es, wenn Bücher und wissenschaftliche Zeitschriften täglich er- scheinen, wenn sie nur von wenigen verstanden werden können, während die Mehrzahl das Opfer des Aberglaubens und aller mystischen Ge- danken bleiben muß? Die Menschheit teilt sich doch in zwei höchst ungleiche Teile : Einige Bevorzugte, die mit den Ergebnissen der Wis- senschaft vertraut sein können, und alle Anderen, die weit entfernt davon stehen müssen. Hätte die Menschheit nicht einige Genies wie Haeckel hervorgebracht, welche Kraft und Mut besitzen, die Wissen- schaft zu verbreiten, so wäre die Kultur noch mehr zurückgeblieben. Haeckel als Professor und Verfasser hat einen mächtigen doppelten Einfluß auf seine Mitmenschen ausgeübt : Auf die Gelehrten weit, die in ihm den Naturphilosophen erkannte, allen Naturalisten durch sein philosophisches Denken und Bildung überlegen; allen Philosophen durch seine naturwissenschaftliche Methode und seine 40 Jahre lan- gen, so bedeutenden Forschungen. Dann der gewaltige Einfluß auf das Volk, der immer lebhaft bleibt, und dem besonders die „Welt- rätsel" gedient haben. Dank einer genialen Begabung, wie leicht zu erklären, hat er am meisten beigetragen, Millionen Menschen aus den Fesseln des philosophischen und theologischen Mystizismus zu be- freien. Außer diesen reichen Werken, dem gewaltigen Einfluß auf die gesamte Kultur, übt der große Meister noch durch seine Schüler einen weiteren aus. Als Mitglied der Kommission zur Umänderung des Schulprogramms in Rumänien ist es mir schon vor 15 Jahren gelungen, das Studium des Darwinismus und des Haeckelismus hier ein- zuführen. Und als Beweis dafür, daß es nicht fruchtlos blieb, steht der jüngstgegründete „Verein der orthodoxen Frauen Rumäniens", der die Kultur „auf religiöser Basis" erstrebt. — Haeckel ist heute ganz so bekannt in Rumänien wie in Deutschland und in der ganzen Welt. gggg^gggggggg§ggEjgggE]gE]B]E]ElE]E]E]E]E]E]E]E]G]E]E]E]E|E]E]GJB]E]E]gEigE]E]E]El 74 HERMANN SCHEFFAUER, LONDON o o o Ich war erst zehn Jahre alt, als Himmel und Erde zum erstenmal vor mir in Stücke brachen. Lebhaft erinnere ich mich dieses Tages — an dem ich mich mit dem ersten Schritt vom Mittelalter entfernte. Es war in Kalifornien, in meiner Geburtsstadt San Franzisko — die sorgloseste und romantischste aller amerikanischen Städte. Dieser Tag war der Sabbath. Ich war zur Messe und zur Sonntags- schule in die römisch-katholische Ortskirche geschickt worden. Ein kleines Mädchen in der Klasse war unartig gewesen. Die Nonne, welche die Pflicht hatte, uns unsere Stellung zum Weltall und zur Priesterschaft klarzumachen, rief sie also vor und schlug sie hart mit einem knotigen Riemen, der zusammen mit dem Kruzifix an ihrem Kleid herunterhing, quer über die Beine. Watschelnd kam dann Vater Gerhard herein und beschrieb uns mit großem dramatischen Effekt die ganze wunderbare Wirtschaft der Hölle und die auserlesenen Qualen, welche uns dort erwarteten. „Denkt an den Schmerz, wenn ihr euch zufällig mit einem ein- fachen Zündholz verbrennt," sagte dieser gute, fette Franziskaner Gottes, „und dann stellt euch vor, wie es sein muß, wenn euer ganzer Körper glüht wie eine Kohle!" Ich ging in die Schönheit des kalifornischen Tages hinaus. Der blaue Himmel schien schwarz zu sein wie eine Kaminöffnung, der glänzende Sonnenschein nur der Widerschein der Hölle, die frischen Winde, die vom Stillen Ozean wehten, nur ein Pesthauch von den höllischen Schmelzöfen. Ich hatte als Kind eine sehr lebhafte Ein- bildungskraft, sogar die Blumen mahnten mich an jenem Tag an Be- gräbnisse und an Verwesung. Meine ganze Seele, wenn nicht mein Körper, brannte bereits und litt vorweggenommene Qualen. Ich sah mich verdammt. Ich war bereits zu jener trüben Überzeugung von Sündhaftigkeit gelangt, welche das hypnotische Reden der Priester in meine jungen wehrlosen Ohren geklirrt hatte. Erschreckt stand ich vor dem grauenvollen Rätsel. Ich war geboren — aber warum hatten mich meine Eltern, sonst so klug und gütig, in diesen fürchter- lichen Zustand zwischen Sternen und Feuern gestoßen? Ein paar Jahre unruhigen Lebens, dann die kalte Gruft in der ggggSgggggggggggggE]gggB]gE]E]E]B]E]E]E]B]E]E]EIE]E]E]EiE]E|B]B]E]B]G]B]E]E]E]E]§] 75 ggggggggggggggggggggggggggggE]E]E]E]B]E]E]E]E]E]E]E]E]E]B]E]E]E]E]E]S]EjE]E] Erde und die heiße Gruft in der Hölle. Niemand, nur ein Engel, konnte dem entgehen. Ich beschloß, die Hölle wenigstens zu ver- dienen; ich beschloß, ein Verbrecher zu werden, vorzugsweise ein Seeräuber. Ich wunderte mich über die Gleichgültigkeit meines Vaters und war verletzt über seine Scherze. Seine Skepsis war entschieden ein Beweis für seine Verdammnis. — So war die Weltanschauung dieses jungen Kalif orniers gegen Ende der achtziger Jahre. Diese mittelalterliche Idee wurde von fast all den andern Sekten verbreitet, welche sich in der Ultima Thule des Westens nieder- gelassen hatten. Und doch schienen diese Vorstellungen aus irgend- einem Grunde recht schlecht zu einem so heidnischen Lande wie Kalifornien zu passen. Die Großartigkeit der Natur in ihren kolos- salsten Erscheinungen, die hohen Berge und die Unendlichkeit des Ozeans, die lachenden Täler, die Blumen, Früchte, Weine und der Sonnenschein dieses goldenen Hesperidenlandes wirkten mit dämo- nischer Macht auf Gemüt und Temperament. Der Kalifornier ist im Grunde seines Herzens ein Heide, der nüchterne Puritanismus von Neu-England hat keine Lebenskraft, der unredliche Industrialis- mus der Oststaaten hat niemals in diesem Italien Amerikas Wurzel gefaßt. So begann mit der Zeit sogar die Hölle und die moralische Inquisition und Introspektion ihre Macht über mich zu verlieren. Obgleich Kalifornien voll von freien und wagemutigen Köpfen und einer gewissen literarischen Atmosphäre war, so war es kaum ein intellektueller Mittelpunkt. Seine Schulen nach amerikanischem Muster waren ausgezeichnet, aber keine irrgläubige Meinung wurde bei ihren Lehrern geduldet. In den neunziger Jahren wurde ich das, was in jenen Tagen als „broad-minded and liberal" angesehen wurde, ein etwas gefährlich liberaler junger Mann, der mit der Ver- dammnis kokettierte. Ich weigerte mich nämlich, in die Kirche zu gehen und spottete über einen persönlichen Teufel. Doch hielt ich immer noch an dem guten alten mosaischen Gott mit seinem launen- haften Temperament fest und fand in der mosaischen Erklärung von der Erschaffung der Welt nur wenig Fehlerhaftes. Ein Gedicht, das ich in diesen Tagen schrieb, enthielt viele fromme Anspielungen. Ingersoll lag in der Luft. Seine grimmige und zermalmende Ana- lysis der Bibel hatte die Stützen des alten orthodoxen Glaubens unter- miniert. Ingersoll war ein amerikanischer Voltaire und ein glänzender, 76 gggg3ggs]graggE]gggggggE]gggggggE]E]G]E]E]E]B]E]E]E3E]E]E]E]E]E]G]E]E]E]E]gE]g lebhafter Redner. Eine Zeitlang betrachtete ich Ingersoll und seine Anhänger als Feinde alles Edlen und Guten. Ich führte gegen sie flammende Stellen aus dem durch und durch düsteren Werk Youngs, den ,, Nachtgedanken", an. Ein neuer Diskussionsgegenstand an den Küsten des Stillen Ozeans war die Theorie, daß der Mensch vom Affen abstammen sollte. Kontroversen waren an der Tagesordnung. Die Zeitungen strotzten von Witzen über das „missing link". Ich war jetzt in jener unglücklichen, jugendlichen Periode von idealistischer Schwärmerei und Byronscher Romantik, durch welche alle, besonders die mit phantasievollem Gemüt, hindurchgehen müssen. Bis jetzt hatte ich noch keine Philosophie gefunden, die mich durchs Leben leiten konnte, und es lag vor mir wie eine dunkle und düstere See, voll von tückischen Riffen und trüben Stürmen. Der Kosmos war noch ein verwirrendes Chaos streitender Gewalten. Ich las Darwin. Im Lichte dieses großen und umfassenden Geistes begann mir die Sonne aufzugehen. Ein wenig Ordnung kam in mein fragmentarisches Universum. Ich sog begierig seine Lehren in mich hinein und brütete Tag und Nacht über den fürchterlichen Fragen, die sie in mir aufwühlten. Ich erinnere mich, mit Darwins frommer Zurückhaltung sehr unzufrieden gewesen zu sein, denn ich kannte damals nicht das England, in dem er geboren worden war. Ich wünschte, daß solche revolutionären Ideen auch in einer mehr revo- lutionären Art hätten vorgebracht werden müssen, und sehnte mich danach, seine Lehren zu ihrer logischen Folgerung getrieben zu sehen. Ich war selber voll von Auflehnung und erwartete, daß der Mann der Wissenschaft die Agressive ergreifen sollte. Damals wußte ich noch nicht, daß, wenn die Wahrheit sich entschleiert, auch ihre mildesten Gesten noch Zerstörung und Vernichtung bewirken. Wir können die Stärke der Kette und die Jahrhunderte alte Grenzmauer nicht über- schätzen, welche das damalige England dem entgegenstellte, der es wagte, in die Vorrechte des Dogmas und in den Bereich der Kirche einzudringen. Huxley, Schopenhauer, Spencer, Feuerbach, Büchner kamen mir nun zu Hilfe und brachten Licht und Luft. Aus ihren verschieden- artigen Gedanken, Tendenzen und Lehren heraus und den Bedürf- nissen meines eigenen Temperaments begann ich mir, eine etwas verschwommene Weltanschauung zusammenzustückeln. gB]ggggggB]ggggggggggggggBigE]B]ggggE]B]B]B]E]G]B]E]E]E|G]E]E]E]E]E]EjE3E]B]Ei 77 pggBjggEjEjggggggggggggggggggB]E]gE]E]E]E]E]E]E]B]E]E]E]E)E]E]E]E]B]B]E]E]E]E]E] Ganz zufällig stieß ich dann eines Tages in der Barkhausschen Buchhandlung in der Kearney Street auf die „Welträtsel". Ich kaufte sie und verschlang davon wenigstens die Hälfte in dieser Nacht, die andere las ich gemächlicher im Bureau — ich war damals noch Archi- tekt. Ich erinnere mich an das Gemisch von Verwunderung und Freude, das mich beim Lesen dieses Werkes überkam — ein Gefühl, das etwas mit dem von Columbus verwandt sein mußte, als er Land erblickte, oder dem Baiboas, als er das Meer von jenem „Peak in Dariem" entdeckte. Mit einem Male baute sich die Menge roher und formloser Blöcke, mit denen ich versucht hatte, mir einen kleinen Turm für meine Seele zu errichten, zu einer starken und umfangreichen Burg auf. Ich wußte, daß das Gebäude noch nicht vollendet war, und daß es verwegen auf die Grenze des Unbekannten gestellt war. Aber ich wurde ein begeisterter Kämpe seines Erbauers, Ernst Haeckels. Ich fühlte die fesselnde Persönlichkeit, den genialen optimistischen Einfluß, den sein Werk ausstrahlte. Ich stellte mir den Ungeheuern Wert dieser Waffe als Propagandamittel in den im Dunkel tappenden Millionen vor. Eine neue Bibel — eine neue Offenbarung, die in der Wirklichkeit wurzelte ! Ich darf wohl sagen, daß ich für den Verkauf vieler Exemplare der „Welträtsel" in Kalifornien verantwortlich bin. Ungeachtet des Spotts über die außergewöhnliche Verbreitung des Werks und der für jedermann leichten Faßlichkeit, sah ich durch seinen Einfluß die Bollwerke des konservativsten Gedankengebäudes unterwühlt werden. Es war darin noch etwas außer einer wissenschaftlichen Dogmatik, ein materialistisches Fest für das ungebildete Proletariat. Liebe zur Menschlichkeit und Glaube an sie, Haß gegen Unwissenheit und gei- stige Knechtung rief aus diesem Buch und rührte Tausenden die Seele wie ein anfeuernder Schlachtgesang. Die Einfachheit und Klarheit, mit der das Buch geschrieben war, die Ordnung und Systematik der aufgestellten Tatsachen, die kühnen Schlüsse, die aus ihnen gezogen wurden, entrollten sich wie ein groß- artiges Panorama vor der Menschen Augen, die lange genug durch orthodoxe Theologie und supernaturalistische Philosophie getrübt waren. Das Buch war ein modernes Geschütz im Kampf für eine höhere Kultur, die auf biologische Wahrheit gegründet war. Es war eine Synthese von wissenschaftlicher und philosophischer Kenntnis, ver- 7 8 ggg]gggggggE]gggggggE]ggggggggB]E]G]E]E]B]BjB]B]G3E]E)G]E]EiE]E]S]E]B]E]B3E]E]G] bunden mit Natur und Vernunft. Seine kühnen Vermutungen fand ich anregend und erhabener Ahnung voll, seine Dogmatik verständ- lich als Bollwerk eines kriegerischen, siegessicheren Geistes, eine Wesensart, die ich in den Namen „Luther der Wissenschaft" zusam- menzufassen versucht habe. Unter den konventionellen oder dualistischen Denkern bin ich nie einem begegnet, der fähig gewesen wäre, einen der strengen funda- mentalen Grundsätze in Haeckels „Welträtseln" zu widerlegen. Ich führe aus dem Gedächntis an: „Wenn die Seele eine natürliche Er- scheinung ist, so ist der einzige Weg, um sie zu erforschen, dieselbe Methode, mit der wir auch alle anderen Naturerscheinungen durch- forschen — die der wissenschaftlichen Beobachtung und Unter- suchung." Daß Haeckels naturwissenschaftlicher Monismus im Vergleich mit anderen Ländern in Deutschland einen größeren Einfluß ausüben konnte, ist nicht nur dem Umstand zuzuschreiben, daß Deutschland das natürliche Feld seiner Tätigkeit ist, sondern auch der Tatsache, daß der ethische, idealistische Zug seiner monistischen Naturphilo- sophie psychologisch mit dem deutschen Geiste verwandt ist. Die unbestimmte Verehrung eines abstrakten Wahren, Guten und Schönen hat einen Schillerschen Glanz um sich herum, in welchen sich die angelsächsische Gemütsart, die mehr auf eine entschiedene, realistische Moral bedacht ist, nicht leicht finden kann. Das ist, abgesehen vom Fehlen einer Organisation, einer der Gründe, weshalb der Monismus, der trotz seiner materialistischen Lehrsätze ein rhetorisches oder mystisches, oder vielleicht auch nur poetisches Element in sich trägt, in England und Amerika einen so verhältnismäßig kleinen Fort- schritt gemacht hat. Ich glaube, daß auch darin eine Gefahr liegt, den Monismus mit einer sozialen Ordnung zu verquicken, die auf der Basis einer duali- stischen, übernatürlichen Weltanschauung ruht. Eine neue Religion, eine neue Philosophie oder ein neuer Kult kann heutzutage nicht dauern, ohne daß die soziologischen Seiten und Konsequenzen be- rücksichtigt werden. Der gewöhnliche Engländer oder Amerikaner hat nicht einmal vom Monismus gehört, oder er rechnet ihn zu irgend- einem anderen obskuren, unklaren „ismus", der nur wenig mit seinen irdischen Bedürfnissen zu tun hat. Und doch ist der Boden gepflügt, 79 denn die Menge ist im Herzen heidnisch und hedonistisch und behilft sich mit einem unbewußten Pragmatismus oder hundert phantasti- schen schmerzstillenden Glaubensmitteln. Wenn diese ungeheuren Massen, die jetzt in den Krallen industrieller Verzweiflung, ökono- mischer Bedrückung, Hysterie, Sentimentalität und geistigen Be- trugs sind, mit einer Propaganda, die auf den Verstand und das Ge- fühl gleichmäßig wirkt, erreicht werden könnten, so zweifle ich nicht, daß der Erfolg von Professor Ostwalds Kreuzzügen in diesen beiden großen Ländern verdoppelt werden könnte. Vom Standpunkt derEugenie oder Rassenveredlung aus betrachtet, ist es bedauerlich, daß zwei so dominierende Geister wie Ernst Haeckel und Friedrich Nietzsche sich nie gesehen haben. Sie oder ihre Ten- denzen ergänzen sich in gewissem Sinne. Haeckel hätte die wissen- schaftlichen, empirischen und biologischen Begründungen, auf welche der Philosoph des Übermenschen seine erhabene Theorie aufzubauen bestrebt war, bestätigen müssen, Nietzsche hätte Haeckels wissen- schaftliche Entdeckungen mehr auf die Probleme der sozialen Ordnung anwenden müssen, Probleme, welchen nachzugehen Haeckel wegen einer ausgedehnten Forschungstätigkeit wenig Zeit hatte. Im Jahre 1904 verließ ich Kalifornien und ging ins Ausland. Ich trug zwei Gedichtbände von kalifornischen Bewunderern Haeckels bei mir — eins davon von mir selbst. Als ich schließlich das idyllische kleine Jena erreichte, ging ich zu dem großen Meister, um ihm diese beiden kleinen Tribute der Dankbarkeit zu überreichen. Wie groß auch meine Anhänglichkeit an Ernst Haeckel schon war, so wurde sie nichtsdestoweniger im höchsten Grade verstärkt und besiegelt durch die direkte Berührung mit dieser begeisternden und glänzenden Persönlichkeit. Seit jener Zeit sind wir miteinander in enger und freundschaftlicher Beziehung geblieben. Obgleich meine literarische Tätigkeit sich auf einem Gebiet bewegt, das dem seinen ganz fern liegt, so bin ich doch stolz darauf, die Persönlichkeit des Mannes und die Grundzüge seiner Philosophie in verschiedenen Artikeln und Gedichten dem englisch lesenden Publikum etwas näher gebracht zu haben. Ebenso habe ich die in manchen Kreisen eifrig genährte Wahn- idee zu zerstreuen gesucht, daß Ernst Haeckel eine Art gefährlicher Menschenfresser sei, dazu bitter, pedantisch und voll von düsterem Haß und wissenschaftlicher Bigotterie. Für jene, deren blinde und 80 ggggggggggggE]G3gggggggBJG]B]B]E]B]ElE]E]EJE]E]BlElB]E]ElE]BlE]E]E]G]B]B]ElE]E]E]gB| unwandelbare Abneigung gegen ihn in einer nicht näher bestimmten Verleumdung seines „Materialismus" bestand, fand ich gewöhnlich diese eine feststehende Antwort nötig: „Wenn dieser Materialismus imstande ist, Menschen wie Ernst Haeckel zu erschaffen, so wollen wir hoffen, daß er die Welt erobere." In vielen Kreisen besteht die sonderbare falsche Auffassung, daß Haeckel beanspruche, alle „Rätsel" „gelöst" zu haben. Diejenigen, welchen das Buch durch und durch bekannt ist, wissen natürlich, daß er sie nur in Frage gestellt und formuliert hat. Haeckels Einfluß in England und Amerika ist mehr ein Prozeß langsamen Durchdringens als einer plötzlichen Eroberung gewesen. Doch werden wohlfeile Ausgaben solcher W 7 erke wie „Das Glaubens- bekenntnis eines Naturforschers" noch bis zu Tausenden verkauft. Die Wichtigkeit und Notwendigkeit davon kann nicht überschätzt werden in einem Lande wie England, wo sogar Wissenschaftler, wie z. B. Sir Oliver Lodge — von den großen Universitäten gar nicht zu reden — mit einer seltsamen, unaustilgbaren Neigung zur tradi- tionellen Theologie und Supernaturalismus begabt sind. In Amerika, diesem Lande so vieler neuropathischer Glaubens- richtungen, die wie Pilze entstehen, ist Haeckels zerstörender und negativer Einfluß vom größten Wert gewesen — zugunsten einer vernünftigeren Lebensanschauung. Es ist da gewiß noch viel Redens vom Aussterben des alten „Materialismus", vom Sturze Haeckelscher Theorien, vom Kommen eines spiritualistischen Zeitalters. Laute Hosiannahs sind auf die Entdeckungen wunderbarer transzendentaler „Wahrheiten" gesungen worden, der spiritistische Hokuspokus ist beinah allgemein; aber diese Dinge zerschellen früher oder später an dem Bollwerk wissenschaftlicher Wahrheiten, deren feuriger Apostel Haeckel immer gewesen ist. Jener kluge Gaukler der Sorbonne, Henry Bergson, hat kürzlich durch seinen mystischen Dualismus und seinen Versuch, die Vernunft dem Instinkt unterzuordnen, den immer ent- flammbaren Enthusiasmus der Amerikaner, besonders der Frauen, erregt. Die gegnerischen Mächte, christliche Wissenschaft, Behaismus, Katholizismus, Neuer Gedanke usw. stellen sich auf getrennten Feldern in Schlachtordnung auf. Wenn sich der Monismus einen erhöhteren Platz in diesem Kuddelmuddel von Glauben erringen will, muß er eine standhafte und kampfbereite Haltung annehmen. Die Vernunft Sg^3gggggggggggggggB]ggggElE]E]EJE]B]B]B]E]EIE]E]G]E]E]E]E]E]E]E]E]gE]E]E]G]E]E] 6 Haeckel-Festschrift. Bd. II 8l muß damit zufrieden sein, ihre Anhänger langsam zu gewinnen, und so gewonnene Anhänger sind sicher. Ich fühle, daß die Welt dem ehrwürdigen Meister gar nicht genug Ehrfurcht bezeigen kann, der so mächtige Brücken über manche Abgründe gelegt hat, welche die Zivilisation beim Aufsteigen, beim Fortschreiten durchkreuzen. Dieser Tag ist deshalb ein sehr bedeu- tungsvoller, von historischer Wichtigkeit für die Geschichte der ganzen Menschheit. Und mit der größten Liebe und Ehrfurcht lege auch ich meinen unzulänglichen Tribut vor dem nieder, dessen Leben, Per- sönlichkeit und Taten allen Wahrheits- und Freiheitsfreunden allezeit ein Vorbild sein müssen. gggggggggggE]gggggggggggggggG]ggggE]E]EjE]5;5]E]E]E]G]E]E]E]E]E]E]5]EiE]EJ 82 EJEJEjEJEJEJEJEjG] Ej EJ EJEjEJ E] EJEJEJEjE] EJ EjrgEJEJEJ EJEJEJ EJ EJ EJ EJEJEJ 5] GJEJEjSJ i^EJEJEJEJEJEJEjEJSJS] EJ FRIEDRICH THIEME, WEIMAR o o o In jedem Leben, das bewußt und verantwortlich gelebt wird, findet sich eine Periode, in welcher der Mensch zu diesem Bewußtsein, zu dieser Verantwortlichkeit erwacht. Sie unterscheidet sich in der Regel scharf von der Periode des allmählichen Erwachens des Kindes zum Bewußtsein des eigenen Ich und der Welt, und zwar durch ihre sicheren, bestimmt umgrenzten Umrisse und die Klarheit, mit welcher alle ihre Geschehnisse sich dem Geiste einprägen. Mancher Mensch vermag sogar ganz genau den Augenblick anzugeben, in wel- chem diese bedeutsame Verwandlung eingetreten ist; er vermag das äußere Ereignis zu bezeichnen, an das angeschlossen sein Geist zum Bewußtsein der Welt als eines Ganzen und seiner Person als eines Teils dieses Ganzen sich erschloß. Denn darin besteht eben diese große Verwandlung. Die meisten Menschen leben gedankenlos hin; sie handeln gleich den Tieren nur nach Instinkten, und wie bei diesen ist all ihre Überlegung nur an die Behauptung ihrer Interessen als Einzelwesen gebunden. Ihre eigene Person bleibt lebenslang der Mittelpunkt ihres Fühlens, Denkens und Handelns, und die Gesamt- heit beschäftigt sie nur insofern, als ihre eigenen Interessen ihnen eine Art Zusammenhang damit erkennbar machen. Immer bleibt das eigene Ich das armselige Zentrum, die Lebenssonne, um die sich alles andere bewegt. Anders bei denkenden Menschen. Für sie erscheint früher oder später der Augenblick, wo ihr Auge über den engen Kreis des eigenen Interesses hinausblickt, wo sie sich bemühen, die Dinge von oben zu sehen, wo der große, erhabene Zusammenhang des Alls ihnen aufgeht. Das ist der wahre Tagesanbruch des Menschenlebens! Bis dahin irren wir halbblind in der Dämmerung. Nun steigen wir auf den Berg der Befreiung hinauf und stehen plötzlich über Nebel und Wolken, und die Sonne der Welt strahlt uns in voller herrlicher Reine und zeigt uns Welt und Menschen um und unter uns in einem neuen, alles durchdringenden, klaren Lichte! Bei mir steht dieser geistige Tagesanbruch, diese Periode des Erwachens zum bewußten, verantwortlichen Leben, in engster Be- ziehung zu den Namen: Schiller, Rousseau, Darwin und Haeckel! Allerdings ist das Leben ein Produkt aus vielen Einzelfaktoren, und 83 6* so traten später zu den genannten Persönlichkeiten noch einige wei- tere, vor allem Goethe und Shakespeare und von lebenden Ernst Abbe hinzu — , aber diese ersten haben meinem Leben und Denken die Richtung vorgeschrieben — die Richtung in wissenschaftlicher, religiöser, ethischer und sozialer Hinsicht! Ich war etwa zwölf Jahre alt und fing eben an, die Gartenlaube, die neben Schillers Werken das Evangelium meines väterlichen Hauses war, mit Eifer zu lesen. Bisher hatte ich mich mit dem Ansehen der Bilder begnügt, nun begann ich, mich für den Text zu interessieren. Es war der Jahrgang 1874, der sich solchergestalt zuerst meiner kind- lichen Beachtung erfreute, und für dessen Inhalt ich aus diesem Grunde zeitlebens eine erklärliche Vorliebe bewahrt habe. Gleich in der ersten Nummer dieses Jahrgangs fand ich einen kleinen Auf- satz von Hermann Allmers: „Eine Weihe". Allmers erzählt darin, daß er von seinem lieben Freunde und Wandergenossen, dem jungen berühmten Professor Ernst Haeckel in Jena, aufgefordert worden sei, als Pate bei der Taufe seines Erstgeborenen zu fungieren, und wie diese Aufforderung in ihm den Gedanken einer dem Tauffest gewid- meten Dichtung ausgelöst habe: den Versuch, in dramatischer Weise die Weihe eines jungen Erdenbürgers vorzuführen, bei der jeder, welchem Glaubensbekenntnisse er zugetan sei, mit ruhigstem Gewissen seine Patenstelle einnehmen könnte. Die in jenem Aufsatz wieder- gegebene Dichtung trug den Titel: „Weihe, ausgedacht und dar- gebracht dem Erstgebornen seines lieben Ernst Haeckel." Ich weiß natürlich nicht mehr, was ich beim Lesen der Dichtung gedacht und empfunden habe, das aber weiß ich noch wie heute, daß ich mit Bezug auf die Stelle des Artikels: „Er (der Brief) kam von meinem lieben Freunde und Wandergefährten, dem jungen Professor Haeckel, dem berühmten Verfechter und Weiterbildner der Lehre Darwins" meinem Vater die Frage vorlegte: „Wer sind denn Darwin und Haeckel?" Vom Tag dieser Frage an und der Antwort darauf be- ginnt eine geistige Beschäftigung mit dem Namen Haeckel, beginnt die Wirkung seiner Lehre auf meine Entwicklung. Durch meinen teueren Lehrer Hermann Gatzsche in Borna bei Leipzig, den hoch- verdienten genialen Jugendbildner, wurde ich bald darauf weiter in die bezügliche Materie eingeführt. Gatzsche erteilte seinen Schülern außer dem Unterricht im Zeichnen, Turnen, Schönschreiben usw. 84 gggggggggggggEjggggggggggggE]gE]E]E]E]B]G]E]E]E]E]E]ElE]E]E]B]E]E]E]E]E]G]E]E] auch in jedem Winterhalbjahr sogenannten „ theoretischen Unter- richt". Er beschäftigte sich in seinen Mußestunden leidenschaftlich mit Naturwissenschaft und schaffte sich mit großen Opfern nach und nach ein ganzes Lehrmuseum von Demonstrations- und Experi- mentierutensilien. Aus dem beredten Munde dieses unvergeßlichen Mannes, den seine Schüler wie einen Propheten verehrten, vernahm ich zum ersten Male die zusammenhängende Darstellung der Ent- stehung und Entwicklung von Erde und Menschen auf Grund der neusten Forschung — eine Darstellung, die mein ganzes Innere auf- regte und fortan mein gesamtes Fühlen und Denken beherrschte. Ich entsinne mich noch, wie ich in der Folge in der Religionsstunde, als unser Religionslehrer und Direktor bei irgendeiner Gelegenheit auf die Naturforschung und ihre Ergebnisse zu reden kam, von meinen Mitschülern mit den (mehr scherzhaft als bös gemeinten) Worten denunziert wurde: ,,Thieme glaubt, daß der Mensch vom Affen ab- stammt!" Der mir sonst sehr gewogene Mann, dem ich ebenfalls hohe Verehrung bewahrt habe, fragte mich darauf etwas bestürzt: „Ist das wahr?" und knüpfte daran eine kurze wohlgemeinte Be- lehrung. Natürlich ohne Erfolg. Die Entwicklungslehre ward ein unzertrennlicher Bestandteil meines Innern, ein Teil meines eigenen Ich, und die Namen Darwin und Haeckel leuchteten in Flammenschrift auf ihrem Grunde! So verdanke ich also Darwin und Haeckel in erster Linie mit die Befreiung meines Geistes, meine Erlösung aus den Banden der tradi- tionellen Knechtschaft, in welcher ein großer Teil der Menschen zeit- lebens beharrt. Sie gaben mir den Schlüssel zum Verständnis des großen, erhabenen Naturgeheimnisses, befreiten meine Augen von dem Schleier, welcher die klare Anschauung der Dinge verhindert. Kein Wunder, daß meine erste Frage war, als ich vor etwa 25 Jahren zuerst mit einigen Freunden Jena besuchte: „Wo wohnt Haeckel?" Jena war mir, ohne daß ich es je gesehen, von Kindheit auf wert und heilig als Schillerstadt und durch den Ruf seiner freien Universität. Die Jenaer Freiheit aber verkörperte sich für mich in dem Namen Ernst Haeckel, dem einzigen, welchen ich von Jena kannte. Und ich bin es nicht allein, der die Frage stellte: „Wo wohnt Haeckel?" Wie oft habe ich sie seitdem vernommen! Und wieviel mehr haben sie gestellt, ohne daß ich sie vernahm! Tausende sind in derselben 85 Weise wie ich von Haeckel befruchtet worden, Tausenden zeigte er wie mir den Weg der Erkenntnis, ward er ein maßgebender Faktor ihrer inneren Entwicklung! Die Wirksamkeit eines großen Mannes wird in zweierlei Weise für die Kultur fruchtbar. Erstens direkt durch seine Werke und die Kraft seiner Persönlichkeit, zweitens indirekt durch den Einfluß, welchen er auf die Werke und das Wirken anderer Personen ausübt und dessen sich die Verfasser oft selbst nicht einmal bewußt sind. Es ist natürlich nicht möglich, das unendliche, weitschichtige Gewebe dieses indirekten Einflusses eines großen Mannes auf das Schicksal der Menschen, seinen Anteil an der Urheberschaft scheinbar ganz entfernt liegender Errungenschaften, seine unsichtbare Wirksamkeit im Getriebe der Entwicklung in nackten Zahlen und Tatsachen dar- zulegen, aber der Einfluß besteht, er tritt hervor in der Ernte der Menschheit, und seine Dauer, seine Tiefe, seine Ausdehnung richten sich nach der mehr oder minderen Bedeutung des Geistes, von dem er ausstrahlt. Dieser Satz gilt auch für das Wirken Ernst Haeckels. Freilich muß es der Nachwelt überlassen bleiben, einst den Spuren seiner Erdentage in den Kulturwerten künftiger Zeiten nachzuforschen, aber aus der Gegenwart dürfen wir auf die Zukunft, von der über- reichen Saat auf die einstige Ernte schließen. Haben wir doch den Mann und seine Leistungen mit Stolz und Bewunderung verfolgt und den staunenswerten, einzigartigen Erfolg seiner „Welträtsel" freudig miterlebt. Zwar war sein ganzes Lebens- wirken eine gewaltige Kulturarbeit, denn wer der Wissenschaft dient, dient auch der Menschheit. Aber durch die Herausgabe der „Welträtsel" ward aus der langsamen Forscherarbeit einegewaltigeTat! Er überließ es nicht der langsam schleichenden Zeit, das Fazit seines Wirkens zu ziehen und die Ergebnisse seiner genialen Forschertätigkeit stückweise für die Menschheit nutzbar zu machen. Er trat selber als tatkräftiger, begeisterter Schnitter auf, um die Früchte seines Geistes mit eherner Sichel zu mähen und die reife Ernte der Menschheit in den Schoß zu werfen! Und — wie wir alle gesehen haben — keiner undankbaren Mensch- heit! Es war just, als hätte der Verfasser den Menschen mit dem Buche ein Geschenk überreicht, auf das sie seit langem sehnsuchts- voll gewartet haben. Die Geister harrten des Erlösungsrufs, warteten 86 des berufenen Führers, der sie aus dem Ägypten der Finsternis hinaus- führen sollte in das Reich des Lichts. Doch wäre es unrichtig, die elementare Wirkung des Buchs, wie dies geschehen, allein auf die allgemeine Entrüstung gegen die herrschende politische und reli- giöse Reaktion zurückzuführen. Die Gründe sind vielmehr, wie die Folge bewiesen hat, weit tiefere, nachhaltigere. Es handelte sich nicht etwa bloß um das Aufflammen eines plötzlichen, rasch verpuffenden Feuerwerks, das nur die Augen blendet, sondern um die Entfachung eines Geisterbrands, der dem Tempel unserer Seele dauerndes Licht zuführen und als wärmende Flamme auf dem Herd unseres Herzens brennen wird. Bücher, welche Front machen gegen die herrschenden Anschauungen, sind vor- und nachher in Menge erschienen. Der springende Punkt für die enthusiastische Aufnahme des Werks lag in der Person des Verfassers. In der Tatsache, daß es kein Geringerer als Ernst Haeckel war, der zum Volke sprach! Ernst Haeckel, der vielbewunderte Forscher, der unerschrockene Kämpfer für Wahrheit und Licht ! Das war an sich ein Ereignis — und es zeigte sich, daß der still wirkende Gelehrte nicht, wie so manche seinesgleichen, bei aller bewundrungswürdigen Arbeit im Tempel der Wissenschaft, der Nation ein Fremder geblieben, dessen Name nur mit einer Art kühlen Re- spekts genannt wird, nein, die jubelnde Begrüßung der „Welträtsel" bewies, daß Ernst Haeckel mit seiner Tätigkeit bereits tief in den Herzen des Volks Wurzel geschlagen hatte! Von den höchsten Zir- keln bis in die Kreise der Arbeiter waren die denkenden Deutschen nicht allein, sondern die denkenden Geister aller Länder mit Auf- merksamkeit dem Schaffen des großen Forschers gefolgt, und all- gemein war die Freude, als er ihnen Gelegenheit bot, geistigen Anteil zu nehmen an den Früchten seines Denkens und Forschens. Da wachten viele längst begrabene Hoffnungen wieder auf, der gesunkene Mut belebte sich. Unter Haeckels Führung durfte man getrost den Kampf gegen die Mächte der Reaktion wieder aufnehmen. Er war das Schwert und die Flamme, sein Name das Banner, dem die Kämp- fe rschar todesmutig folgen würde. Aber noch mehr: Nicht der Mann allein stellte sich dar, sondern er brachte auch neue Geisteswaffen mit : die Waffen, die er geschmiedet in fünfzigjähriger unermüdlicher Arbeit in der Werkstatt eines schar- fen logischen Geistes, die er abgerungen der ihre Geheimnisse eifer- 87 süchtig wahrenden Natur. Er hatte ihr die unsichtbar machende Tarnkappe herabgerissen, bis in ihre tiefsten Kammern hinein sie beleuchtet. Ein ganzes Arsenal von Waffen brachte er mit, von neuen großartigen Entdeckungen; von Beweisen, die wie Kanonenkugeln einschlagen und wie Schwerthiebe niedersausen mußten. Und außer den Waffen heilenden Balsam für innere Wunden, eine beruhigende, den Kampf ums Dasein erleichternde Philosophie. Rätsel löste er und beschwichtigte die Zweifel der Seele und zeigte in seiner Ernte die Saat einer neuen Zukunft, bestimmt, das Sehnen der Menschen zu befriedigen und das Reich der Wahrheit zu begründen. Ernst Haeckel hat mit seinen ,, Welträtseln" der Bewegung der freien Geister neue Berechtigung gegeben, er hat die alten Anhänger zurückerobert und tausende neue hinzugewonnen! So wurden die „Welträtsel" zum Ausgangspunkt einer gewaltigen Geistererhebung mit dem erhabenen Ziel einer neuen Kultur. Aus ihrem Samen ent- sproßte bereits eine üppige Literatur voll der wertvollsten Anregungen und Bekenntnisse, und unentwegt, unerschrocken arbeiten alle Moni- sten an dem, was Goethe das „wichtigste Geschäft" nennt: „an der Bildung aller Kräfte!" Wer weiß, zu welch erstaunlichen Resul- taten wir gelangen würden, wenn wir ein solches Buch auf den ge- heimnisvollen Pfaden seiner unsichtbaren Wirksamkeit zu verfolgen vermöchten! Wieviel erhabene Gedanken, Worte und Taten würden wir antreffen, die ihre ursprüngliche Heimat in solchem Buche haben ! Manches Buch stellt sich geradezu als eine gewaltige Kulturtat dar und wird zur Ursache großer Geistesrevolutionen. Man hat für solche Bücher die Bezeichnung „welthistorisch" geprägt und beispiels- weise Rousseaus „Emile" ein welthistorisches Buch genannt. Nun, eine Revolution der Geister haben auch die „Welträtsel" hervor- gerufen, und es ist die Hoffnung und Zuversicht jedes Monisten, daß es auch von diesem Buche einst heißen wird: „Es war der Aus- gangspunkt jener großen geistigen Umwälzung, deren herrliches Er- gebnis die endliche Befreiung des Menschengeistes von dem unwür- digen Zwang und Druck vieler Jahrhunderte war. Wir verdanken ihm eine neue Menschheitskultur auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnis und monistischer Weltanschauung mit allen Errungen- schaften auf geistigem und materiellem Gebiete, die in der monisti- schen Überzeugung wurzeln!" 88 ggggggggggggggggggggE]B]B]E]5]G]E]E)E]E]E]EiGiG]EjE]G]E]E]E]G]Eii]3335IE]35]5]5] E. VOGTHERR, DRESDEN o o o Ich war ein kaum Zwanzigjähriger, als ich Haeckels Namen zum ersten Male hörte. Das geschah gelegentlich der Erörterungen jener Kontroversen zwischen Haeckel und Virchow Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Während ich bald danach zwar des öfteren Gelegenheit bekam, Virchow selbst über seine naturwissenschaftliche Stellungnahme zu hören, fehlte mir zunächst die Möglichkeit, anders als aus seinen Schriften auch Haeckel näher kennen zu lernen. Haeckels „Natürliche Schöpfungsgeschichte" war das erste, was ich zu studieren beschloß, und was mich ihm bald geistig näher führte. Daneben hörte ich von nahestehender Seite von den persönlichen Beziehungen, die Haeckel mit Konrad Deubler, dem „Bauernphilosophen", verknüpften, und die mich Haeckel damals schon als eine rein menschlich überaus sympathische Persönlichkeit kennen lehrten. Das für mich an diesem Persönlichen besonders Fesselnde war der Umstand, daß hier neben Feuerbach, David Friedrich Strauß und anderen Gelehrten jener Zeit- epoche auch Haeckel es nicht verschmähte, in dem Bauernphilosophen von Goisern einen geistigen seif made man so zu würdigen, so zu fördern und zu begeistern, wie es jener schlichte Mann und seine schon recht abgeklärte Welt- und Lebensanschauung verdienten. In der später von Professor Dodel herausgegebenen Biographie mit Brief- wechsel Deublers finden sich ja Zeugnisse in Fülle für jene zielstrebige Geistesgemeinschaft, die bei gutem Willen den Forscher mit dem Laien verknüpfen kann und soll, und in der auch Haeckel sein eigenes Wort betätigte, daß die Naturphilosophie nicht das Vorrecht und der Eigenbesitz einer Gelehrtenkaste sein darf. In Haeckels „Altenburger Rede" fiel mir sein Wort vom „Monis- mus als Band zwischen Religion und Wissenschaft" besonders auf. Ich konnte und wollte mir es nicht anders deuten, als so, daß der Monismus keineswegs eine mir unmöglich scheinende Versöhnung zwischen Glaubensreligion und Wissenschaft sein oder werden solle, sondern vielmehr, daß dieses Mittelglied wenigstens das erste End- glied abstößt und ein selbständiges wichtiges Glied unserer Gedanken- kette wird. Das paßte ganz in die Auffassung und Dialektik, die, wenn auch nicht so präzisiert, seit lange meine und meiner Gesin- g^§gggg§ggggggggggE]gggggggE]ggE|EiE]gE]S]G]E|E]B]E]E]E]E]E]E]G!E]E]G]E]G]E] 8 9 ggggE]ggggggggggggE]ggB]gggggB]G]E]E]B]E]E]E]5]E]B]E]B]E]E]E]B]B]E3S]E]E]G]s]5]E] nungsfreunde freigeistige Betätigung und Propaganda leiteten. Hier war das ausgesprochen, was diese Geistesgebiete bewußt oder unbe- wußt beherrschte. Und das alles war danach von Haeckel in den „Welträtseln" ausführlich begründet. Wenn ich mir heute die Frage vorlege, was in meinen Augen und in den mir geistig und sozial nahestehenden Kreisen als der Haupt- wert der „Welträtsel" erschien, so kann ich die Antwort auf eine kurze Formel bringen, die zwar nicht den wissenschaftlichen Standpunkt des Buches erschöpfend zeichnet, sondern mehr seine Wirkung auf die auch in bezug auf geistige Bildung Vernachlässigten und Ent- erbten. Meine Formel lautet: „Ich erblicke die Hauptwerte des Buches in der von ihm vollzogenen Popularisierung der Natur- wissenschaften, — in der vorgezeigten Alleingiltigkeit der Erfahrungswissenschaft, — endlich in der zu folgernden Nutz- anwendung der Entwicklungslehre und des Monismus auf prak- tische Lebensgestaltung. Hierzu einiges zur Begründung: Ge- rade das letztere, die „Nutzanwendung auf praktische Lebensgestal- tung" kann nur eintreten, wenn, von jener schon erwähnten Ge- lehrtenkaste abgesehen, sich neben dieser die Naturerkenntnis nicht auch auf die übrigen Intellektuellen beschränkt. An die Stelle von oberflächlicher „Naturkunde" und „Naturbeschreibung" muß in allen Schulen und bei aller Naturbetrachtung die Naturwissenschaft, die Entwicklungslehre, die Naturphilosophie treten. Soweit hierfür eine halbwegs populäre Lehrform fehlte, ist sie in den „Welträtseln" ge- geben. Vielleicht auch noch nicht überall und ganz verstanden — (wie kann ein Vierteljahrhundert die erzieherischen Sünden von vielen Jahrhunderten gutmachen?) — aber doch für Millionen überaus wich- tig als Anregung dazu, die Gebiete der Naturerkenntnis unter anderem Gesichtspunkt zu betrachten und zu benutzen als bisher. So wurde in immer steigendem Maße die Naturwissenschaft, das Stiefkind be- sonders der Volksschulen, im ganzen großen Volke zu Ehren ge- bracht. Eben diese Volksschule wird ja fast allenthalben noch immer bei ihren Erziehungsaufgaben von alttestamentarischen Vorstellungen be- herrscht. Jetzt sollen die Erfahrungswissenschaften den Offenbarungs- und den persönlichen Autoritätsglauben ausschalten. Unbeeinflußt von naturwissenschaftlichen oder gar religiös-dogmatischen Vorurtei- 90 gggggg^gSggS]gggggE]gggggggE]ggE]5]G]BlE]G]SlE]E3E]E]E]E]E]B]E]E]G]E]E]E]E3E]E] len, tritt die Entwickelungslehre den Schöpfungssagen, die Vernunft der Mystik, der Monismus dem Dualismus erfolgreich entgegen. Allein der wissensdurstigen Menge, die abgeneigt ist, die Philo- sophie, auch die Naturphilosophie, als Selbstzweck zu bewerten, wür- den diese neuen Wege nicht genügt haben, ihr Interesse für die in den „Welträtseln" niedergelegten Erkenntnisse zu wecken. Diese Erkenntnisse als Wegweiser in das Erdenleben, als Hinweis auf den durch sich selbst und für sich selbst schaffenden Menschen, der auch allein sich und der menschlichen Gesellschaft verantwortlich ist, haben den „Welträtseln" eine Werbekraft fast ohnegleichen gegeben. Sind doch u. a. gerade die drei christlichen Zentraldogmen: Gott, freier Wille, Unsterblichkeit, den hauptsächlichen Widerständen gegen eine soziale Lebensbetätigung und Lebensverbesserung zuzuzählen. Ihnen gegenüber, zugleich gegenüber Kants kategorischem Impera- tiv, als unbedingtem allgemein giltigem Sittengesetz, führt das in den „Welträtseln" begründete Gesetz der sittlichen Entwicklung zu einer höheren Bewertung der Stellung des Menschen in der Welt, und zu den daraus sich ergebenden Lebenspflichten und Lebens- ansprüchen. Jene Entwicklung hilft so von selbst eine Umgestaltung der gesellschaftlichen Struktur, eine Neugestaltung ihrer wirtschaft- lichen und geistigen Betätigung vollziehen, ganz im Sinne moderner Gesellschaftswissenschaft, die die Erreichung des Wohles und der Befreiung aller Menschen zum Ziele hat. Dank meiner jahrzehntelangen engen Beziehungen zu großen prole- tarischen Volkskreisen vermochte ich die geschilderte Wirkung der „Welträtsel" auf eben diese Kreise zu erproben. Ich habe in etwa 30 populären Vorträgen über die , , Welträtsel' ' genau beobachten können, wie es nur eines leicht gangbaren Weges und der Ausschaltung alles Mystischen bedurfte, um die Herzen und Köpfe vieler Zehntausende der neuen Naturerkenntnis und deren praktischer Nutzanwendung zu öffnen. Es gibt ja keine dankbareren Hörer als solche, denen man eine ihnen bislang gewaltsam vorenthaltene geistige Erfrischung und Be- reicherung bieten kann. Gerade hier zeigte sich auch die gewinnende suggestive Gewalt, die von jeder ehrlich denkenden und ehrlich wol- lenden Persönlichkeit — hier von Haeckel — ausgeht. Vielleicht ist weiten Kreisen Haeckels Persönlichkeit und Haeckels Wirken auch noch intimer geworden, wenn man ihnen neben dem Naturforscher 9 1 und Naturphilosophen den Künstler aufzeigen konnte. Infolge Haeckels besonderer Genehmigung war es mir nämlich möglich ge- wesen, seine „Kunstformen der Natur" und später seine „Wander- bilder aus den Tropen" in Lichtbildervorträgen, deren Zahl in die Hunderte ging, weiter bekannt werden zu lassen. Was mich Haeckel persönlich noch näher führte, waren seine konsequent notwendigen Beziehungen und leitenden Einflüsse auf die Tätigkeit der freigeistigen Organisationen, denen er ja durch Be- gründung des Deutschen Monistenbundes eine neue Organisation zu- gesellte. Auf dem Internationalen Freidenker-Kongreß in Rom 1904 ragten aus dem Stürmen und Drängen einer vielgestaltigen internatio- nalen Menge Haeckels Person und Haeckels „Thesen des Monismus" hervor. Man muß es verstehen, wenn den dort überwiegenden roma- nischen Elementen, mit ihren z. T. ganz anders gearteten geistigen Interessen, die ganze wichtige Tragweite jener Thesen noch nicht gegenwärtig sein konnte. Es wächst auch hier das Große nur im Lauf der Zeit. Soviel war uns allen dort aber gewiß, daß die geistig ziel- bewußte und dabei menschlich so überaus gewinnende Persönlichkeit Haeckels dem ganzen Freidenkertum als ein bedeutsamer Wegweiser der Zukunft gilt. In dem notwendig unermüdlichen Bereichern unseres Wissens auf allen Gebieten hat jeder täglich und stündlich die Entwicklungs- theorie praktisch zu betätigen. Das „starre System" der umfassenden schon endgültigen Erkenntnis wird daher folgerichtig auch von Haeckel abgelehnt. Gerade dieser von ihm ganz besonders hervor- gehobene Satz, daß er sich durchaus nicht anmaßt, alle Welträtsel zu lösen, daß ihre Lösung z. T. einer späteren Zeit vorbehalten bleibt, wurde ja lange Zeit von Haeckels Gegnern geflissentlich verschwiegen, und außer von Du Bois-Reymond auch von Reinke, Brass, Dennert e tutti quanti mit dem „Ignoramus et Ignorabimus" erwidert. Das „Ignorabimus" wäre ja die Ertötung und Lähmung des Willens und würde den Aberglauben an die menschliche Schwachheit als eine neue Schranke gegen ferneres Vorwärts- und Aufwärtsstreben errichten. Haeckel zeigte uns dagegen, daß Geschlecht auf Geschlecht alles Gute und Nützliche mit nie versiegender Kraft aus sich heraus ent- wickeln kann. Trotz alledem und alledem. 92 g^gggggg^ggE]ggggggggggggE]B]E]gE]E]B]E]E]E]G]E]E]E]E]B]E]E]B]E]gE]G]E]E]E]S;5j FRAU FANNY DAXENBICHLER, SALZBURG o o o Wie ich zum Monismus kam, und welchen hervorragenden Anteil Ernst Haeckel dabei hatte, möchte ich an dieser Stelle erzählen, um damit dem Ehrenkranze für unseren hochverehrten Jubilar ein bescheidenes Blättchen aufrichtigster Dankbarkeit beizufügen. Es war im Frühling 1900, als mir ein Freund, der meine Vorliebe für philosophische Schriften kannte, ein Buch brachte mit dem Titel : „Welträtsel, Studien über monistische Philosophie von Ernst Haeckel". Schon das Titelbild nahm mich gefangen. Der bedeutende Kopf des Verfassers mit den strahlenden Augen, der humoristisch lächelnde Mund verrieten mir auf den ersten Blick, daß dieser Mann etwas zu sagen hatte. Mit Feuereifer vertiefte ich mich in das Studium des Buches, welches einen gewaltigen Eindruck auf mich ausübte. Die wissenschaftliche Bedeutung desselben zu beurteilen, war ich damals natürlich nicht imstande; auch bin ich heute der Ansicht, daß der Wert des Werkes hauptsächlich darin besteht, daß Haeckel fast das ganze, ungeheure Gebiet wissenschaftlicher Fragen und der daraus resultierenden Weltanschauung vor dem gebildeten Laien aufgerollt hat, um ihn in den Stand zu setzen, selbständig über diese Probleme nachzudenken. Er wollte die Menschen zum monistischen Denken erziehen und ihnen dadurch dasselbe große Glück verschaffen, wel- ches er selbst im Monismus gefunden hat. Wem es gelingt, ihm auf jene reinen Höhen zu folgen, wird es auch im reichsten Maße finden. Durch die „Welträtsel" wurde ich zum Studium einschlägiger Werke angeregt, der liebenswürdige Meister in Jena unterstützte mich mit seinen wertvollen Ratschlägen in bezug auf die Wahl der Bücher und Schriften, und so kam ich im Laufe der Jahre zur wissenschaft- lichen oder monistischen Weltanschauung. Sie befriedigte meinen Verstand, die mächtig erwachte Liebe zur Natur in gleicher Weise mein Gemüt, und die schwere Bedrängnis, in welche ich im Kampfe zwischen zwei Weltanschauungen geraten war, löste sich in schönste Harmonie auf. Als der Monistenbund gegründet wurde, sandte mir Haeckel selbst die einführenden Schriften und Satzungen. Ich trat demselben so- fort bei, als die Zahl seiner Mitglieder das erste Hundert noch nicht ggg§gg§E]gggggggggggE]ggggggG]EiEiG]E]E]E]EiB]E]gG]E]EiE]E|E]E]gG]G]G]EjG]E]Ei 93 erreicht hatte, und bin demselben bis zur Stunde ein treues Mitglied geblieben. In all diesen Jahren eifrigen Strebens, besonders durch die liebe- volle Vertiefung in Haeckels Schriften, wuchs meine Sehnsucht nach persönlicher Bekanntschaft mit dem Verfasser immer mehr. Mitte März 191 1 folgte ich einer freundlichen Einladung Haeckels und fuhr in Begleitung meiner Nichte nach Jena. Es würde mir sehr schwer werden, die Gefühle zu beschreiben, welche mich auf dieser Reise beseelten. Halb war es reine Freude, halb Bangigkeit, und schon etwas mehr der letzteren ließ mein Herz höher schlagen, als ich das traute Heim betrat, wo Ernst Haeckel ein stilles Dasein führt. Allein jede Unsicherheit war sofort verschwunden, als ich der gewinnenden Persönlichkeit desselben gegenübertrat. Zug um Zug stimmte das Bild meiner Phantasie mit der Wirklichkeit überein, ja meine Er- wartungen wurden weit übertroffen durch sein liebenswürdiges, ver- trauliches Entgegenkommen. Er zeigte uns seine Bilder und Kunst- schätze, führte uns in das phyletische Museum, welches leider noch nicht vollendet war, und ließ uns in seinem Arbeitszimmer im Archiv verweilen. Dort erzählte er uns von seinem Leben, von der Freude, welche ihm die vielen zustimmenden Briefe bereiteten, aber auch von den schweren Enttäuschungen und Kränkungen, unter denen er gelitten. Ich werde nie den Unterton tiefer Wehmut vergessen, welcher in seiner Stimme zitterte, als er in bescheidener Weise sagte: ,,Ich glaube, doch etwas geleistet zu haben." Mit tiefer Bewegung konnte ich ihm nur versichern, daß eine Zeit kommen werde, wo man besser als heute wissen wird, wieviel er geleistet hat. Es wurde mir in dieser Stunde mehr denn je klar, daß der Wert Haeckels nicht bloß in seinen Werken, sondern ebensosehr in seiner Persönlichkeit liegt. Sein lauterer Charakter, die große Milde und Güte seines Wesens, sein Mut und tapferes Ausharren im Kampfe geben ein leuchtendes Beispiel edler Menschlichkeit, uns allen ein nachahmenswertes Vorbild! Allein, wo sind die vielen, die berufen wären, ihn im Kampfe zu unterstützen? Er steht fast allein, aber unerschütterlich auf seinem Standpunkte. So waren zwei Stunden im Fluge vergangen. Am andern Morgen besuchten wir Weimar. Das persönliche Erlebnis war aber in mir noch so stark, daß mir selbst Goethe nicht recht lebendig werden wollte. E]ggBjggggE]gggggggggggggggggggggE]E]E]E]B]EiE]E]EiE]EiE!E]E]E]E]E]E]B]B]E]Ei 94 pSl]gggggggggggggggggg^ggggB]E]i£]E]EjE]E]E]B]E]E]E]E]E]E]E]B]B]B]E]E]E]E]E15]Ej Abends waren wir Haeckels Gäste in einer kleinen Wirtschaft an der Peripherie der Stadt. Die Zeit eilte unter anregenden Gesprä- chen dem Abschiede entgegen, der seine Schatten bereits vorauswarf und mich allmählich verstummen ließ. Es war eine wundervolle, aber kalte Nacht, als wir uns trennten. Der Mond beleuchtete hell die noch winterlich kahlen Fluren und verklärte mit seinem Glänze auch das schneeweiße Haupt Ernst Haeckels. Schweigend betrachtete ich die kraftvolle Gestalt, um sie meinem geistigen Auge fest einzu- prägen mit der bangen Frage: „Werde ich ihn wiedersehen?" Ja, so sollte ich ihn auch nicht wiedersehen, denn wenige Wochen später traf ihn der schwere Unfall, der ihm die Bewegungsfreiheit raubte und ihn, wie er scherzend sagt, zum „monistischen Klosterbruder" machte. Der Tag der Abreise brach an, und wir mußten den bereits lieb- gewonnenen Ort wieder verlassen. Ein Besuch bei einem lieben Freunde, mit dem ich mich eins weiß, sowohl in der Gesinnung als in der Liebe zu unserem Meister, ließ auch die Wehmut dieser Ab- schiedsstunde in sanfteren Tönen verklingen. Als ich aus dem rasch enteilenden Zuge noch einen letzten Blick auf das sanft ansteigende Städtchen warf, welches Haeckel bereits ein halbes Jahrhundert als Wohnstätte dient, entrang sich meinem Herzen der aufrichtig ge- fühlte Wunsch: „Möge unserem geliebten Lehrer und Führer daselbst noch ein langer und friedlicher Lebensabend beschieden sein, und mögen sich in fernen Zeiten die Dichterworte bewahrheiten: „Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder." 95 ALFRED VON WEBER, WIEN: ERNST HAECKEL UND SEIN EINFLUSS AUF DIE TECHNISCHE KUL- TUR DER GEGENWART o o o Das Ingenieurwesen als Grundlage der heutigen technischen Kultur fußt streng auf dem Boden der Naturwissenschaft, denn nur die genaue Kenntnis der Natur und der in ihr enthaltenen Energie- quellen ermöglicht es, diese zu beherrschen, beziehungsweise derart zu lenken, daß ihre Wirkungen in kulturelle Arbeit umgesetzt werden. Demgemäß ist auch die Ausbildung des Ingenieurs schon von den ersten Studien, beziehungsweise von der Realschule an darauf bedacht, den Studierenden mit allem bekannt zu machen, was zur Beobachtung, Untersuchung, Erforschung und Erkenntnis der Natur und ihrer Gesetze, sowie zur schöpferischen Gestaltung künstlerisch Kulturwerke unter dem Gesichtspunkte bereits vorhandener oder erst anzustrebender Kulturziele erforderlich ist. Schon in der Realschule wird daher die Mathematik, Physik, Mechanik, Biologie und Chemie sowohl auf Grund von Lehrbüchern als auch in Laboratorien und in der freien Natur sorgfältig gepflegt und die Darstellung der Natur durch Zeichnen, Malen und Model- lieren gelehrt, wobei insbesondere der Lehre von der wissenschaft- lich genauen Darstellung aller Formen und räumlichen Beziehungen überhaupt durch die hochentwickelte „deskriptive Geometrie" in höchstem Maße Rechnung getragen wird. Durch den Unterricht in den modernen Kultursprachen und deren Literaturen, sowie der Ge- schichte überhaupt, wird das Verständnis der Gegenwart und ihrer Kultur erschlossen und der Studierende befähigt, das Arbeitsideal der modernen Völker der Gegenwart aus ihren großartig entwickelten Literaturen zu erfassen und die schwierigen Fachkenntnisse seines Berufes dem täglichen phänomenalen Aufstieg derselben anzupassen und zu vertiefen. Das Verdorren und die Verbildung des jugendlichen Gehirnes durch einen ganze Jahre anhaltenden, trockenen, gramma- tikalischen Drill und die viel zu weitläufige Beschäftigung mit dem längst aufgegebenen, arbeitsverachtenden und ästhetisierenden Kultur- ideal der Antike ist hierbei vermieden. An den technischen Hoch- schulen selbst wird in diesem Sinne weiter gearbeitet und der moderne 96 gg^ggggggggggggg^G]ggggggggE]B]G]G]E]E]B]ElE]B]E]E]E]E]G]E]E]E]B]G]E]G]E]E]G]E] Ingenieur auf Grund intensivster Vorbereitung in der höheren Mathe- matik, Mechanik, den Naturwissenschaften, insbesondere der Geo- logie, der Geodäsie und Astronomie, der Physik, Chemie und Tech- nologie, sowie in den Staats- und volkswirtschaftlichen, historischen und kunsthistorischen Disziplinen, insbesondere aber durch Ver- mittlung der hochentwickelten ingenieurwissenschaftlichen Fächer dahin theoretisch und praktisch ausgebildet, die schwierigsten Inge- nieurwerke des heutigen so überaus vielseitig und hochentwickelten Kulturlebens zu planen, alle wirksamen Kräfte und Widerstände oft mit dem Aufgebot schärfsten mathematischen Denkens zu berechnen, die Werke planlich derart festzulegen und den Kosten nach fest- zustellen, daß darnach die Ausführung derselben mit aller Sicherheit des Erfolges, welchen das ernste praktische Leben erfordert, gewähr- leistet wird. Ungeheure Energien werden durch den Ingenieur der Kultur- welt zur Verfügung gestellt und Werke geschaffen, welche noch vor hundert Jahren als unglaubliche Utopien bezeichnet worden wären, jetzt aber nicht nur die physische Oberfläche der Erde, sondern auch unser ganzes gesellschaftliches und geistiges Leben in allem umge- staltet haben, um es zu ungeahnter Entwicklung und Vollendung zu führen. Diesem Wesen des Ingenieurs gemäß ist er mit Notwendigkeit darauf angewiesen, alle Fortschritte der allgemeinen Naturwissen- schaften, soweit sie nicht technische, von ihm selbst gepflegte und ge- schaffene Naturwissenschaften sind, — denn auch der Ingenieur ist in hervorragendster Weise Naturforscher, wie könnte er sonst Natur- beherrscher sein ? — aufmerksamst zu verfolgen und sie für die hohen Zwecke menschlicher Kultur auszunützen, daneben aber auch seine eigene Stellung mitten im Getriebe der ihn umbrausenden Energien und der ihn umflutenden Erscheinungen der mannigfachen Natur- schauspiele klar zu erkennen und als wichtiger Steuermann mensch- licher Kultur den Kompaß der allgemeinen Entwicklung im Auge zu behalten. Diese Stellung des Menschen in der Welt aufzuklären, zu erfor- schen, klar und mutig darzustellen und bis zu den letzten Konse- quenzen durchzuführen, ist das große und unsterbliche Verdienst Ernst Haeckels, für welches ihm die ganze Menschheit, im höchsten g^gg^gggggggggggggggE]gggggE]gE]gB]ggEiE|5!E]B]EiE3G]E]E)E]E]EiG]gE]gE!G] 7 Haeckel-Festschrift. Bd. II 97 Maße, aber auch im besonderen die Träger der technischen Kultur und wissenschaftlichen Energiebeherrscher, ich meine die Ingenieure, zu unvergänglichem Danke verpflichtet sind. Wir können es ruhig aussprechen, daß es keine wissenschaftlich gebildeten Ingenieure gibt, welche dem tiefen Einfluß Haeckels in allen für die Technik in Betracht kommenden Naturwissenschaften nicht gefolgt wären und welche nicht mindestens die „Natürliche Schöpfungsgeschichte" und die für weitere Kreise geschriebenen populären ,, Welträtsel" eingehend studiert und den Ergebnissen dieser Werke zugestimmt hätten. Es ist dies auch ganz natürlich, da der Ingenieur seiner ganzen Ausbildung und Kulturtätigkeit nach nur auf dem Boden natur- wissenschaftlicher Tatsachen, die ihm die Gewähr für den Bestand und Erfolg seiner Werke bieten, zu stehen und alles Veraltete, Wider- legte und sogenannte „Metaphysische", d. h. über oder neben der Natur Stehende, abzulehnen gezwungen ist. Dies weiß auch unser großer Meister Ernst Haeckel ganz wohl und spricht es auch an mehreren Stellen unumwunden aus, daß die Entwicklungslehre mit allen Konsequenzen neben den wissenschaft- lich arbeitenden Medizinern in der Ingenieurwelt die meisten und überzeugtesten Anhänger besitzt. Dieser entwicklungstheoretische Standpunkt findet allerdings, namentlich soweit es sich um das Ingenieurwesen handelt, in der modernen, zum großen Teile von Ingenieuren gegründeten und an- gewendeten, so überaus fruchtbaren neuen Wissenschaft der „Energe- tik" eine herrliche Ergänzung und Vervollkommnung, welche im Sinne eines zweiten Geistesheros, ich meine Wilhelm Ostwald, auf alle Gebiete menschlicher Kultur mit unbestreitbarem und durch- schlagendem Erfolge angewendet und seither in allen Weltteilen von unzähligen Geistern aufgefaßt wurde und weitergepflegt wird. Von diesem Haeckel-Ostwaldschen entwicklungstheoretisch-ener- getischen Standpunkte aus betrachtet lösen sich alle Rätsel der Kultur und Technik, sowie der Welt- und Lebensanschauung und Gestaltung spielend in einfache wissenschaftliche Erfahrungsprobleme auf, welche uns Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft weitaus genügend klar vor Augen stellen, um allen Kulturaufgaben in materieller, geistiger und ethischer Hinsicht gerecht zu werden. 98 pB]B]ggggE]ggggggggggggggggE]gggg§E]E]E3E]E]gEiE]EiE]B]3]E]G]E]B]E]E]E]E]E]E] Und wenn auch die Naturerkenntnis und Naturbeherrschung noch unendliche Ziele hat, so daß wir erst in einem unendlichen Zeitpunkte — von der Eventualität des früheren Eintreffens einer irdischen Katastrophe oder der Zunahme der Entropie unseres Sonnensystems abgesehen — in den Besitz der vollen Erkenntnis restlos gelangen können, so verhält es sich damit, um bildlich zu sprechen, wie mit der Asymptote, welche die Hyperbel in der Unendlichkeit berührt. Wir sehen die Hyperbel, wir sehen die Asymptote vor uns und be- gnügen uns mit dem klaren Bilde beider, ohne den metaphysischen Wunsch zu hegen oder uns metaphysischer Verzweiflung darüber zu er- geben, daß wir den Berührungspunkt der Asymptote mit der Hyperbel niemals erreichen werden. Nur ein weltfremder Metaphysiker kann behaupten, daß uns die Hyperbel, die wir doch genauestens kennen und berechnen und zu unzähligen Kulturproblemen verwenden, als unerforscht und unerklärlich aus dem Grunde gelten könnte, weil wir diesen Berührungspunkt nicht mit Händen greifen können. Wir kennen dies eben nur deshalb nicht, weil dieser Punkt in unendlicher Entfernung liegt, einer Entfernung, die dem Mathematiker vertraut ist, die er mit dem Zeichen bezeichnet und mit der er die schwie- rigsten Probleme der höheren Analyse durchführt, ohne auf Wunder oder Rätsel zu stoßen. Das Leben ist nach Ausdehnung und Zeit groß und reich genug, durch Milliarden von Jahren Milliarden von Menschen fruchtbringend zu beschäftigen, ohne daß wir es nötig hätten, in melancholischen Gehirnwirbeln dem fabelhaften ,,Ding an sich" der Metaphysiker nachzujagen. „Willst du ins Unendliche schreiten, geh' im Endlichen nach allen Seiten!" Diese einfache, klare Auffassung der Welt und ihres Geschehens verdanken wir in erster Reihe Ernst Haeckel. Er zeigte uns, daß die Welt der Erscheinungen die wirkliche Welt ist und neben derselben keine andere geheimnisvolle und unerkennbare besteht, er zeigte uns, daß die Erscheinungen allerdings nur Beziehungen unserer Sinne zu den Gegenständen und Vorgängen der Welt sind, daß aber eben diese Sinne sich in äonezlanger Entwicklung den Gegenständen so an- gepaßt haben, daß wir alle ihre Eigenschaften, die für uns irgendwie von Belang sind, auch in richtiger, unanfechtbarer, praktisch brauch- barer und zu Kulturzwecken entwickelbarer Weise erkennen und 7* 99 3333333E]ggE]ggE]ggE]gggE]E]E]E]E]g]E]G]E]B]E]5]5]S]E]s]5]5]s]l!5]s]3335]3SEl§]Ss] einschätzen. Er zeigte uns, daß alle Erscheinungen des Lebens, welcher Art immer sie sein mögen, den Naturgesetzen unterworfen sind, welche keine Sprünge kennen, und daß die Unterschiede des anorganischen, organischen und geistigen Lebens nur gradueller Natur sind, indem alles Geschehene nur auf der notwendigen Arbeit der von Natur aus im freien Zustande ewigen rastlosen Substanz beruht, ob es sich nun um die chemische Anziehung von Atomen oder um den Energieumsatz der chemischen Stoffe unserer Nahrung in Arbeit der Gehirnganglien handelt. Er zeigte uns die Entwicklung des Tier- und Pflanzenreiches auf Grund der Paläontologie, der vergleichenden Anatomie und der Ontologie und erklärte sie überaus einleuchtend durch das von ihm gefundene biogenetische Grundgesetz, welches zu den höchsten Errungenschaften menschlichen Geistes gehört. Er zeigte uns die Entwicklung, die das Menschengeschlecht von den unscheinbarsten Anfängen genommen, und wies uns die Perspek- tive ungeahnter Möglichkeiten hinsichtlich der weiteren Entwicklung in der Zukunft. Er hat uns damit ein System frühester Lebensbejahung und ein reiches Arbeitsprogramm für die Zukunft geschaffen, welches zu er- füllen der Zweck aller Kultur ist. Seit Haeckels „Natürliche Schöpfungsgeschichte" im Jahre 1868 erschienen ist, ist fast ein halbes Jahrhundert verflossen, ein Zeit- verlauf, der die ahnungsvollen Voraussagungen dieses Forschers und Sehers in glänzendster Weise bestätigt hat. Der ungeheure Aufschwung menschlicher Kulturtätigkeit seit dieser Zeit ist, am Maßstabe der Arbeit vergangener Jahrtausende gemessen, ein so großer, daß er das Erstaunen künftiger Jahrhunderte hervorrufen wird. Die Entwicklung der Eisenbahnen und Wasserstraßen, der Regu- lierung der Flüsse und der Bodenmelioration, der Aufschwung der Städte mit ihren Hoch- und Straßenbauten, Wasserleitungen, Kanälen, das Telegraphen- und Telephon wesen, die Seeschiffahrt mit ihren schwimmenden Palästen, die Hafenanlagen mit gigantischen Vor- richtungen zum Beladen und Entladen der Schiffe, die Luftschiff- fahrt, die Unterseeboote, das Maschinenwesen mit zahllosen Arbeits- arten und -kräften, deren Möglichkeit vor einigen Dezennien noch für undenkbar gehalten worden wäre, der Phonograph, Kinemato- 311SSggggggggggggggggggggggggEiE]E]EiG]E]E]BiEiE]E]E]E]B]E]E]E]E]EiE]gB]gEi IOO graph, die Übertragung elektrischer Energie auf große Distanzen und deren Umsetzung in Bewegung, Licht und Wärme, die groß- artige Entwicklung der Naturwissenschaft und aller auf sie gegrün- deten, kulturellen Tätigkeit, alles dies kennzeichnet einen Aufschwung großartigster Entwicklung, wie ihn nur die biologisch begründete Entwicklungslehre begreifen und erhoffen dürfte. Auf allen diesen Gebieten menschlichen Schaffens hat sich der Entwicklungsgedanke als außerordentlich fruchtbar und unendlich anwendbar erwiesen. Heute ist dieser Gedanke zu einer festen Theorie geworden und zu einem gesicherten Besitz der Wissenschaft, der stillschweigend angenommen und von keiner ernst zu nehmenden Seite mehr an- gefochten wird. Es handelt sich nicht mehr um Hypothesen, sondern um feststehende Tatsachen und gegebene Richtungslinien für die Zukunft, die niemals mehr nach rückwärts gelenkt werden können. Dem Programme dieser Sammelschrift folgend, habe ich mich auch damit zu befassen, wie ich mit den Ideen Ernst Haeckels be- kannt wurde und welchen Einfluß sie auf mich und meine Fachkreise ausgeübt haben. Es wird sich daraus ein anschauliches Bild ergeben, wie Ernst Haeckels Ideen nach und nach in alle Lebensberufe ein- gedrungen sind und auf diese bestimmend eingewirkt haben. Es wer- den sich aber auch daraus die Schwierigkeiten ergeben, die neuen, noch so fruchtbringenden Ideen stets entgegengestellt zu werden pflegen, bis sie zum Gemeingute der Menschheit werden. Da ich die regelrechte Ausbildung als Ingenieur erhalten habe, so versteht es sich von selbst, daß sich mein Geist in rein naturwissen- schaftlichen Bahnen bewegte, wozu auch private Beschäftigung mit Astronomie, Chemie und Biologie wesentlich beitrug. — Die erste Bekanntschaft mit den Entwicklungsideen machte ich im Jahre 1870 in einem Alter von 17 Jahren durch die Lektüre von Büchners „Kraft und Stoff", welches hervorragende Werk zu damaliger Zeit von meinen Kollegen an der K. K. Technischen Hochschule in Wien viel gelesen und besprochen wurde. So sehr mich dieses Werk begeisterte, so ließ es doch bei seiner allgemeinen theoretischen Fassung noch viele unaufgeklärte Lücken zurück, und erst die „Natürliche Schöpfungs- geschichte" Ernst Haeckels, die im Jahre 1875 in meine Hände kam, fesselte mich dermaßen, daß ich mich von dem Buche bis zum Aus- lesen nicht mehr trennen konnte. — Mit einem Male fielen mir alle IOI Schuppen von den Augen and ich blickte freudig in eine Welt der ■ Aufklärung und des 1 ichtes, Bald daraui studierte ich auch Haeckeh Generelle Morphologie der Organismen* 4 mit größter Aufmerksam- : keit und Bewunderung für den Verfasser durch, Soit dieser Zeit ; habe ich fast alle Werke Haeckels gesammelt and studiert und von I jedem derselben eine wesentliche Bereicherung and Befestigung meines ; Wissens empfunden, Gam besonders gilt das von der Anthropogenie, die ich ontei Nachskiwueruniz aller Zeichnungen aufmerksamst stu- : dierte and besonders hochschätzte. Ebenso stelle ich auch die „Welt- rätsel" und du- „Lebenswunder" außerordentlich hoch, Dei Gedanke, die Entwicklungstheorie auf alle Gebiete der Technik anzuwenden, kam mir sofort. So suchte ich in der Entwicklung | architektonischer Formen Anknüpfungspunkte an die Entwicklung lehre ra finden, was nur auch iura reue namentlich hinsichtlich der Atavismen, der Anpassung und Vererbung gewisser Formen usra gelang, Das Ergebnis dieser Studien habe ich im Jahre 1870 in einem Vortrage im Ingenieur- und Architekten-Verein in Prag unter dem Titel „Morphologie der architektonischen Stilarten" niedergelegt Im Übrigen hauptsächlich mit [ngenieurwerken beschäftigt, habe ! ich namentlich bei den Wasserbauten manche Anknüpfungspunkte I an den Entwicklungsgedanken gefunden, die ich in einem größeren i Werke über den „Gebirgswasserbau im alpinen Etschbecken" 1 ) nieder- i legte, in welchem ich die Stelle des Menschen und der menschlichen \ Kultur bei der Anpassung der Gewässer an die Kulturbedingungen I wohl .mm erstenmal im Sinne des Entwicklungsgedankens, wie ich ihn durch Ernst Haeckels Schriften in mich aufgenommen hatte. darstellte und durchführte, Per dieses Werk, durch welches der moderne Gebirgswasserbau rundet wurde, durchziehende Entwicklungsgedanke ist am besten aus der Einleitung iu entnehmen, welche ich in dankbarer Erinnerung der erhaltenen Anregungen dem Meister Ernst Haeekel im Jahre i> sandte. Bei Dun&führung der Einielheiten dieses Werkes habe ich häutig mit unrichtigen Vorstellungen bu kämpfen gehabt, welche vierfach an biblische Fabeln erinnern, so .um Beispiel, daß der natürl.. M Wien . > • .- \... hagen n. SVhurich. 83 Drw Dsxtfigursn BiMin 1-Y>1.. • ••■ • "• ;i aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa3aaaaaaaE!33si33i u 1 .: S]g^gG]GjG]gggggggggG]gG]gggggggG]GjG]G]gs]gG]gG]G]G3GjG]G]G]GiG]GiB3B]gG]G3GjG3 j Zustand der Flüsse und Wildbäche urspi : Gott • Hand" tadellos tnd paradiesisch zufn< I tmd erst dttrcli das frevelhafte Eingreifen d< Einbauten und Entwaldung ttörf Diesei Ge- danke war nach den furchtbaren übei liehen Alpentälern im Jahre ; ; ' - . - r, daß nur in .' ickkehr zur . . in dem Anheben aller Wasser b.- in der ausschließlichen Auffoi im größten Stil das Heü Zukunft erwartete. In dem erwähnten großen Werke und Schriften habe ich in unwiderL g t Weise den ihrt, daß diese Fabel ganz anzutreffend i Der natürliche Zustand der G \ solcher mit starker Geschiebeftihrung ist mch h, was on daraus hervorgeht, daß rieh das I '<• 1er nur dem ' Itnis der lelnden '•" d und <\<-.: Geschiebezufuhi >aßt, irob ndlich auf die menschliche Kultur mar.; denkfähigen, d. h. mit ren- und Ganghei sehenen Subjektes in b ommen wo konnte. Demgemäß baut s der Fluß immer höher und höher förmig nach oben, also in einem den Kulturbedürfnissen ent{ gesetzl geformten Talquerprofi] auf, bis er sein Bett durchreißt und die Talniederung z md in Besitz nimmt. — Der natürliche Zu- stand d ist daher durch Versumpfunj / Störung, Krank- tmd Hind g jeglicher höherer Kultur gekennzeichr. o habe ich für alle großen Schuttkegel des Etschtales nach« :n, daß sich dieselben niemal-, im Zustande einer paradiesischen Ruhe befanden, welch üblich erst durch Entwaldungen gestört ..mcntlioh die fra:./ ume an der Spitze, als zweifellos darstellten, sondern vielmehr alle Ortschaften irsprimghch an ga.- / dcherten Stellen angelegt waren und letzten Kulturper;- nur durch iurbaul .f die gefährdet« teilen der Schutt ..konnten. — [cl lufGrun akter Daten tmd lokalen (drangen für Meran, Bozen, Lavis, Trient und Rovereto zweifellos nachgewiesen. Bei allen diesen Forschungen hat mich der Gedanke geleitet, den Kampf des Menschen mit der Natur sowie die fortschreitende An- passung und Vererbung, wie sie im Entwicklungsgesetz und im bio- genetischen Grundgesetz Haeckels ausgedrückt erscheint, in den Kunst- bauten des Menschen zu erkennen und darzustellen. Zu meiner großen Freude habe ich immer gefunden, daß ins- besondere auch das letztere Gesetz, diese unvergleichliche Großtat Haeckels auch auf die wasserbauliche Tätigkeit des Menschen in überraschendster Weise anwendbar ist, daher auch hier die Probe auf seine Richtigkeit besteht. Diese Wahrnehmung hat mich auf die Idee gebracht, an der tech- niscsen Hochschule in Wien als Privatdozent Vorträge über die Waserwirtschaf t im Zusammenhange mit den entwicklungstechni- schen und energetischen Leitgedanken in den Jahren 1911 und 1912 abzuhalten, welche ich aber nicht wieder aufgenommen habe, um mich der literarischen Tätigkeit ungehindert zu widmen. Auch während meiner zweijährigen Tätigkeit als supplierender Professor des Wasser- baues und Meliorationswesens an der K. K. Technischen Hochschule in Brunn habe ich die gleiche Gedankenrichtung mit Vorliebe gepflegt. Ähnliche Beziehungen zwischen anderen ingenieurwissenschaft- lichen Berufen und der Entwicklungstheorie wurden seither auf allen Gebieten, so dem Eisenbahnwesen, dem Maschinenwesen, der Mecha- nik, Chemie usw. in zahllosen Fällen nachgewiesen, und es ist in den letzten Jahren eine kaum zu übersehende technischnaturwissenschaft- liche, technisch-historische, technisch-wirtschaftliche und technisch- philosophische Literatur entstanden, welche zu sammeln, zu sichten und zu einem eigenen Zweige der Entwicklungslehre zu gestalten schon einen eigenen Lebensberuf in vollkommen erschöpfender Weise bildet. Schon gehen die Ingenieure auch daran, die Arbeitskraft des Menschen wissenschaftlich zu analysieren und zu organisieren, wie dies in Amerika durch Taylor begründet und als „scientific manage- ment" („wissenschaftliche Betriebsführung") dort in den größten staat- lichen und privaten Betriebe eingeführt ist. Welche ungeahnte Folge- rungen kultureller und sozialer Natur sich hieraus ergeben, braucht nicht näher ausgeführt zu werden. Die Erkenntnis, Beherrschung und Umsetzung aller natürlichen IO4 Energien mit dem größten Güteverhältnis bzw. den geringsten Ver- lusten im Sinne des Entwicklungsgesetzes Haeckels und des ener- getischen Imperativs Ostwalds zum Nutzen der Gemeinwirtschaft der Nation ist es ja eben, wodurch unsere ganze moderne Kultur der Gegenwart, die ihresgleichen in der Weltgeschichte nicht findet, ent- standen ist und einer ungeahnten Zukunft materieller und ethischer Vollendung entgegengeht. Durch den Entwicklungsgedanken haben sich alle Kulturziele und Ideale vollkommen verändert und haben eine früheren Zuständen gegenüber unvergleichliche materielle und sichtliche Höhe erreicht. Weitaus überholt ist das Ideal des klassischen Altertums, der Zeit der Sklaverei, die im Herrschen und in vornehmer ästhetisieren- der Selbstbetrachtung das Ideal sah, die wirkliche nutzbringende und aufopfernde Kulturarbeit aber, das Höchste, was wir heute kennen, selbst in ihrer größten künstlerischen Vollendung nur als niedrige Sklavenbeschäftigung mit Verachtung ansah. Vorüber ist das Ideal der Lebensverneinung und Abkehr von irdischer Kulturtätigkeit in der Hoffnung auf ein besseres Jenseits. Kein neuer Glaube, aber die klare Erkenntnis ist in uns aufge- stiegen, daß wir auf dieser schönen und fruchtbaren Erde mit allen Fibern unseres hochorganisierten Wesens voll edelster Kräfte hängen, und daß wir auf Grund der Naturerkenntnis es als größte Aufgabe betrachten müssen und dies auch freudig können und sollen, unsere in Millionen Generationen veredelte und erstarkte Arbeitskraft so zu verwerten, daß die der strahlenden Energie der Sonne entnommene chemische Energie unserer Nahrung, mit Hilfe der hochwertigen Energiemaschine der Ganglien unserer Großhirnrinde, unserer Ner- ven, unseres Muskel- und Gefäßsystemes mit dem denkbarst größten Nutzungskoeffizienten in wahre Kulturarbeit zum Nutzen der Ge- samtwirtschaft der Nation umgesetzt werde. Ein Jahrhundert geheiligter Kulturarbeit bricht glorreich und verheißungsvoll an zum Segen der Menschheit, und wenn dies der Fall ist, so hat hierzu der Entwicklungsgedanke, hat hierzu unser hochverehrter großer Meister Ernst Haeckel so Großes und Unver- gleichliches getan, daß wir ihn nicht mit Galilei, nicht mit Kopernikus, sondern, um ein altes Bild zu brauchen, nur mit Prometheus ver- gleichen wollen, der der armen gequälten Menschheit die lebens- 105 gggggggggggggggggggggggggE]B]E]E]E]E]E]E]E]S]E]E)E]E]E]5]E]B]E]E]E]E]E]E]E]B]E] spendende Flamme vom Himmel seines großen Geistes und Wissens und seines gütigen menschenfreundlichen Herzens gebracht hat. Wir Ingenieure stellen Ernst Haeckel noch weit über Darwin, denn er war es, der mit der Tiefe und Gründlichkeit deutschen Geistes, mit ungeheurer Arbeit eines langen, reichen Lebens, den Zusammen- hang der pflanzlichen und tierischen Stämme mit Zuhilfenahme der Paläontologie, der vergleichenden Anatomie und der Ontologie in noch nicht dagewesener Weise so exakt erforschte, daß er es wagen konnte und durfte, detaillierte Stammbäume, angefangen von der Zelle bis zu allen Spitzen der höchst komplizierten organischen Arten und bis zu ihrem Endgliede, dem Menschen, aufzustellen, Stammbäume, die ent- weder ein dauernder Besitz der Wissenschaft geworden sind, oder aber wertvolle Programme und Wegweiser künftiger Forschungen bilden. Er war es, der zuerst den Mut hatte, die letzten Konsequenzen seines Wissens in offener, wahrhafter und unendlich schlichter und ehrlichen Weise zu ziehen, und der die leuchtende Fackel der Wahr- heit in die Geistesdämmerung eines in ausgebreiteten Schichten noch rückständigen Geschlechtes erhob. An dieser Fackel haben sich aber heute schon Millionen Leuchten entzündet und Millionen Menschen, die sich mit ihrem Geiste einfach ehrlich und reinlich auseinandersetzen wollen, arbeiten heute an tau- senden Stätten der Wissenschaft und des Forschens im Geiste Haeckels und seiner Lehre. Wer so Großes schuf, dem konnten auch die Leiden des Prometheus nicht erspart werden. Die Dankbarkeit der ganzen Menschheit und eines kommenden Jahrtausends wird ihm hierfür ein genügender Ersatz sein. Es ist kaum nötig, sich eingehender mit den Einwürfen zu befassen, welche Haeckel entgegengehalten werden, sie wurden häufig genug von allerberuf ensten Seiten schlagend widerlegt. Wir wollen hier nur kurz die hauptsächlichsten Einwendungen erwähnen. So hört man beispielsweise des öfteren, Haeckel gründe seine „Hypothese" auf unbewiesene Spekulationen, schleudere gefährliche Schlagworte in die Massen und überschreite seinen Wirkungskreis und sein Fachgebiet als Biologe, indem er in einem anderen „Fach", der „Philosophie" dilletantisch hervortrete. 106 gg§gggggggggggggg]ggggggE]EjE]E]G]E]E]E]G]E]E]E]B]B]E]E]E]B]E]E]B]E]E]E]B]E]B|G]E3 Daß diese „Hypothesen" längst Theorien sind und einen festen und gesicherten Besitz bilden, ohne die der Betrieb der modernen Wissenschaft überhaupt nicht mehr denkbar wäre, ist jedem Forscher und Mann der Wissenschaft so klar, daß er über die krassen Mängel jeglicher naturwissenschaftlicher Kenntnisse in sonst gebildeten Krei- sen staunen würde, wenn es nicht allzu bekannt wäre, in welch hohem Maße die Drillung des jugendlichen Geistes in den Gymnasien mit rein formaler Sprachgymnastik jegliche freie Geistesbetätigung lähmt, und bei vielen Menschen für das ganze Leben geradezu die Fähig- keit logischen Denkens ertötet. — Solche Menschen trösten sich da- mit, daß die Wissenschaft überhaupt nichts wisse, daher man mit dem gleichen Rechte glauben könne, was man wolle. — Der Bestand des fabelhaften „Dinges an sich", die vollständige Verschiedenheit der physischen und geistigen Erscheinungen und dergleichen sind in diesen Kreisen feststehende, wenn auch noch so falsche Vorstellungen. Das grundlegende Gesetz alles Weltgeschehens, die Entwicklungs- theorie und das Gesetz von der Erhaltung der Energie, die Grundlage der heutigen Technik und der Natur- und technischen Wissenschaften, welche die heutige moderne Kultur geschaffen haben, ist in diesen Kreisen so wenig bekannt wie die Atom- und Molekulartheorie, die Elektronen- und Äthertheorie und so vieles andere mehr. Der zweite häufigst gehörte Anwurf ist, daß man Haeckel als Biologen achte und schätze, ihm aber auf das Gebiet der Philosophie, die nicht sein Fach sei, nicht folgen könne. Wessen Fach ist denn eigentlich die „Philosophie"? Philosophie als Lehre vom Zusammenhange aller Erscheinungen des Weltgeschehens, einschließlich selbstverständlich auch des so- genannten „geistigen" Lebens ist doch nur die Zusammenfassung der Ergebnisse aller Naturwissenschaften, denn nichts steht außer der Natur, und die Erfahrung lehrt, daß alle „Geisteswissenschaften" nur insofern fruchtbar sind, als sie nach naturwissenschaftlichen Me- thoden behandelt werden, so daß nach und nach eine große Zahl von früheren „Geisteswissenschaften" wie die Mathematik, Logik, Psychologie, Jurisprudenz, Ethik, Ästhetik usf. zu den Erfahrungs- wissenschaften eingerückt sind, während die „Metaphysik", welche sich seit Jahrtausenden als für das Leben gänzlich unfruchtbar und wertlos erwies, sich immer noch im Übersinnlichen, also dort, wo man G]ggggggggggggggggggggggggggsjE]B]E]E]E;E;gG]E]EjG]E3B]E]E]G]EiE]E]E3E]S]GiE] IO7 weder etwas wahrnehmen, noch empfinden und denken kann, be- findet. Wer soll nun die philosophischen Endergebnisse der Naturwissen- schaften ziehen? Jedenfalls nur ein Fachmann mit naturwissenschaft- licher Bildung, der die naturwissenschaftlichen Methoden, ihre Art zu arbeiten kennt, und in so vielen Fächern bewandert ist, daß er eine Übersicht sämtlicher Zweige von der Hochwarte wissenschaft- licher Erkenntnis erlangen kann. — Hierzu sind nur die allergrößten Gelehrten der Naturwissenschaft, ein Haeckel, ein Ostwald, ein Mach, ein Rubner, ein Wundt und derartige Geistesgrößen befähigt und berufen. Nur ganz ausnahmsweise können hierzu auch andere Denker be- fähigt sein, wenn sie die Resultate der Naturwissenschaften durch aufopferungsvolles fleißiges Studium treu und ehrlich in sich auf- nehmen und nach den Methoden naturwissenschaftlichen Denkens weiterverarbeiten. Es gibt auch solche. Wie groß aber die Gefahr einer irrigen Gesamtauffassung der Natur bei naturwissenschaftlichen Laien ist, zeigt sich am besten bei Nietzsche, der trotz seines großen Genius, seiner phänomenalen Sprachbeherrschung und seines überkühnen Mutes das Darwinsche Gesetz vom Kampfe ums Dasein so vollständig falsch verstanden hat, daß er durch seine ,, Herrenmoral" den rückständigsten und kultur- widrigsten Tendenzen eine willkommene Handhabe gab. Er hat, wie ja bekannt ist, übersehen, daß der Mensch kein einzelstehendes Raubtier, sondern das Mitglied einer heute schon hochorganisierten menschlichen Gesellschaft ist, welche sich auf gegenseitige Hilfe- leistung gründet, wodurch der „Kampf ums Dasein" ganz andere Formen annimmt, als Nietzsche dies geglaubt hatte. Die diesbezügliche Lücke in den Werken Darwins, die Darwin übrigens wiederholt angedeutet hat, wird gegenwärtig von vielen Soziologen und auch von Biologen, beispielsweise Rudolf Goldscheid und Paul Kammerer in vielversprechender Weise bearbeitet. Wie eine eiserne Mauer steht den Ideen Haeckels immer noch die Phalanx der ,, Erkenn tnistheoretiker" und „Erkenntniskritiker" gegen- über, und es erübrigt an dieser Stelle um so mehr, sich vom Stand- punkt der technischen Wissenschaft und Kultur mit diesen Gegnern auseinanderzusetzen, als es nach außen hin den Anschein haben gggggggggggg^ggggE]gggggggggggggE]E]E]EiE]E]EiE]E]E]E]E]E]B]E]E]B]E]E]E]E] 108 könnte, daß die „Wissenschaft" als solche sich gegen das Evolutions- gesetz und gegen Haeckel ablehnend und negierend verhalten würde. Dies ist jedoch keineswegs der Fall, wie sich aus der nachstehenden Erwägung ergibt. In jeder wirklichen Wissenschaft, welche Stufe sie in der von Auguste Comte zuerst angelegten und von Ostwald ergänzten Pyra- mide der Wissenschaften von der Logik und Mathematik be- ginnend, über die energetischen und biologischen bis zu den psycho- logischen, ethischen und den Kulturwissenschaften auch haben mag, kann jegliche Erkenntnis von Tatsachen und Vorgängen ausschließ- lich nur aus der Erfahrung und dem Versuch, dem Experiment ge- schöpft werden. Aus Reihen verschiedenartigster und übereinstimmender, ihrem Wesen nach erkannten Tatsachen, ergeben sich anfangs provisorische, mit gewissen Vorbehalten angenommene Theorien (Hypothesen), die sich bei zunehmenden Erfahrungen zu feststehenden Theorien für so lange verdichten, als nicht neue, bisher unbekannt gewesene Tat- sachen hinzutreten, an welche sich die Theorie entweder anpassen oder aufgegeben werden muß, um neuen Theorien Platz zu machen. Theorien und Formeln sind nur zur Übersicht der Naturerscheinungen gebildete auszugsweise und nach gewissen Gesichtspunkten gesichtete Protokollierungen wirklicher Tatsachen, haben also nicht nur den Wert der Tatsachen selber, sondern auch noch den durch die Arbeit der Gehirnenergie dazu getanen Mehrwert von oft millionenfachen anderen Erfahrungen, die mit den bestimmten Beobachtungen in den Gehirnganglien- und Assoziationsbahnen im Zusammenhange ver- arbeitet wurden. Diese Art Erkenntnisse von den Vorgängen der Natur festzustellen, bildete sich für jede einzelne Wissenschaft unter einfacher Anwendung der natürlichen und künstlich verschärften Sinne und des gesunden unverbildeten, reinlichen Menschenverstandes aus. So bildeten sich die Forschungsmethoden der energetischen Wissenschaften, also der Astronomie, Physik, Mechanik, Energetik, der biologischen Wissen- schaften, also der Botanik, Zoologie, Mineralogie, Geologie, Meteoro- logie, Physiologie und der der letzten Stufe, das ist die Psychologie und der Kulturwissenschaft, einschließlich der Ethik in ziemlich paral- leler Weise, je nach der Eigenart der Einzelforschung aus. Eine eigene ggE]gggggg]gBjggE]ggggggggggggB]ggggggEjE]5]E]g]E]gE]E]E]gE]E]E]E]E3E]EiEj IO9 ^ggggggggggE]ggggggB]ggggggE|gEiB]E]E]B]g]E]E]E]E]E]E]E]E]E]B]E]E]E]E]E]E]5]E]Ej nur im menschlichen Geiste gelegene Theorie, Erkenntnisse zu fassen, d. h. eine „Erkenntnistheorie" ist allen diesen Wissenschaften ganz unbekannt. Eine derartige „Erkenntnistheorie" kann daher noch viel weniger auf Gegenstände angewendet werden, welche sich über das Wissen erheben, d. h. unbekannt sind. Der Ausspruch eines hervorragenden Erkenntnistheoretikers, daß dort, wo die Wissenschaft aufhöre, sich der „Tempel der Weisheit" eröffne, ist ganz unzutreffend, vielmehr kann mit Sicherheit behauptet werden, daß dort, wo das Wissen aufhört, lediglich das Unwissen beginnt, dem Lichte der Wissenschaft und der auf ihr aufgebauten großartigen technischen Kultur gegenüber, eine mehr oder weniger vollständige Geistesdunkelheit, oder bestenfalls eine Geistesdämme- rung, in der einzelne der wachsenden Wissenschaft vorauseilende Lichtkeime das Dunkel durchzucken, oder in welcher auch flackernde Irrlichter vorübergehend herumstreifen, um bei zunehmender Helle und Aufklärung zu verschwinden. Die Gegnerschaft der „Erkenntnistheoretiker" kann daher weder der modernen Naturwissenschaft noch dem großen Meister derselben, Ernst Haeckel, irgendwie nahekommen, vielmehr wird es Sache der ersteren sein, sich der Naturwissenschaft anzupassen, was nach allen Zeichen auch schon einzutreten beginnt. Ebenso ist auch der „Kritizismus" nur insofern eine ernst zu nehmende Wissenschaft, als er sich mit der Darstellung und histori- schen Entwicklung einzelner Wissenszweige oder aller zusammen nach rein naturwissenschaftlichen Methoden befaßt, was aber in richtiger und praktisch brauchbarer Weise nur von den Gelehrten dieser Spezialfächer oder solchen, die mehrere Nachbargebiete ihrer besonderen Fächer im Zusammenhange von einer höheren Warte übersehen, geschehen kann. Laien von bloß allgemeiner oder anderer als naturwissenschaft- licher Bildung sind zur Verarbeitung derartiger Ergebnisse im all- gemeinen außerstande, und wenn es dennoch unternommen wird, so kann hieraus in der Regel nur eine ziemlich unfruchtbare, für die technische und geistige Kultur der Menschheit minder belangreiche Arbeit hervorgehen. Die Dampfschiffe, Lokomotiven und Automobile, die unterseeischen Boote und Luftschiffe durchrasen Land und Meer; die unzähligen HO E]gggggS]gggggggE]ggggggggG]gE]E]ElG]B]G]E]ElE]E]E]BlE]E]B]ElE]E]B]E]G]E]E)E]E]E]Ej Maschinen mit Millionen von Pferdekräften arbeiten und schaffen unendliche Werte, die Telegraphen und Telephone umsausen den Erdball, die chemischen und zahllosen anderen Fabriken beschäftigen Millionen von Menschen zur Förderung, Erzeugung und Veredlung von Gütern, Millionen von Menschen durchwühlen die Erde in hundert- tausenden von Schächten, fördern riesige Hebewerke die Kohlen und Erze zu Hunderttausenden von Hochöfen, aus denen sich der Feuerstrom des Eisens ergießt, tausende Riesendampfhämmer sausen donnernd auf schwere, glühende Eisenblöcke nieder, und in den Guß- und Walzwerken regen sich im Schweiße männerehrender Kraft hunderttausend rüstige Helden der Arbeit, das Eisen zu schaffen, das Rückgrat der vorwärtssausenden Zeit, die Künstler erfreuen und erheben eine neue kraftvolle Menschheit, mit allen Mitteln der Technik ausgerüstete Heere erheben die Wehr- und Verteidigungsfähigkeit der Länder zu nie dagewesener Höhe, ein Kulturleben ohnegleichen strömt und rauscht über einen veränderten Erdball unter der leuch- tenden Fackel wissenschaftlicher und technischer Kulturarbeit. — Die Metaphysik aber hat daran keinen Teil. — Sie hat keinen Teil daran, weil der Kritizismus, ohne auf dem Boden der Naturwissen- schaften zu fußen, nicht selbst aufbaut, wie es die Wissenschaft tut, sondern nur den Tempel des Wissens mehr von außen und unfruchtbar umflattert. Eine Blumen- und Unkrautlese aus den Phantasiegärten aller Zeiten und Völker kann zum Tempel wahrer Wissenschaft und Kultur nur wenig wertvolle Bausteine beitragen. So wird auch Ernst Haeckels Lebensarbeit durch die ablehnende Haltung der Metaphysik, ob sie nun als Widerspruch, Anzweiflung, Feindschaft, vornehmtuende Geringschätzung, Nichtachtung oder gänzliche Ignorierung zutage tritt — in den Augen der Kulturwelt nicht im geringsten entwertet. Ganz anders, als in einem großen Teile der sogenannten gebildeten Gesellschaft, über die zu sprechen wohl überflüssig ist, ist das An- sehen Haeckels in einem neuen Stande, welcher sich aus intelligenten, kulturell und ethisch hochstehenden Unterschichten emporzuarbeiten beginnt. — Hier wird Haeckel gelesen, studiert und verstanden. Der Schwerpunkt echter, ethischer Bildung und kulturellen Wertes ist eben in zunehmender Verschiebung nach unten begriffen, was den Ethikern und Soziologen längst bekannt ist. III gggggggE]ggggB]gggggggggEJiJ]gBiggE]B]E]ElE]E]E]EJE]B|BJB]E]EIE]EIE]EIE]E]BlE]ElEl Schließlich ist auch Haeckels Stellung zur Religion diejenige, die ihm die meisten Feinde macht. Ganz mit Unrecht, denn Haeckel ist selbst einer der religiösesten Menschen, der in sittlicher und kul- tureller Beziehung die höchsten Ideale hat und nur bestrebt ist, eine wirkliche, die ganze Seele erfüllende, auf dem gesunden Boden ge- sicherter Naturwissenschaft stehende idealste und höchste Lebens- betätigungsreligion zu bieten. Seine Weltauffassung ist die idealste für die Vergangenheit, die uns einen herrlichen Aufstieg aus kleinem Keime zu edlem, hoch- organisierten Lebewesen zeigt, für die Gegenwart, für die er eine sitt- lich hochstehende und kulturfördernde Lebensarbeit fordert, und für die Zukunft, die in ungeahnte Fortschritte und Vervollkommnungen in reichster Fülle und erhabenster Schönheit weist. Wenn Haeckel in seiner schlichten Größe und seinem milden, die ganze Menschheit umfassenden Herzen aus seiner Gelehrtenstube in das Gedränge des Tages heraustritt, um den Reichtum seines Wissens und die Fülle seiner ethischen und kulturellen unendlichen Werte der bedrängten, leidenden und immer noch in großen Schichten in Geistesdämmerung befindlichen Menschheit segensreich auszuschüt- ten, so ist er hierdurch kein Störer paradiesischen Friedens, sondern ein Wohltäter der Menschheit und ein Wegweiser durch die Nacht zum Licht. Ehre werde ihm deshalb und der unvergängliche Dank der Mensch- heit. Dem Programme dieser Festschrift gemäß habe ich auch anzu- geben, wie ich Haeckels persönliche Bekanntschaft machte, und wel- chen Eindruck ich von ihm empfing. — Ich will mich daher auch dieser Aufgabe pflichtgemäß unterziehen. Abgesehen von den bereits erwähnten früheren Beziehungen an- läßlich der Verfassung meines Werkes über den Gebirgswasserbau, bin ich in nähere persönliche Beziehung zu Ernst Haeckel vor zwei Jahren dadurch getreten, daß ich ihm die von mir verfaßte Nach- dichtung des großartigen panteistischen Hymnus „Hertha" des eng- lischen Dichters Swinburne übersandte. Diese Hymne besteht aus 42 achtzeiligen Strophen und enthält ein Gespräch der Mutter Natur mit dem Menschen als ihrem Kinde. Haeckel hat mir in einem längeren Briefe für die Zusendung dieser gggggggg^^ggggggggggggE]E]B]B]E]E]G]E]B]E]E|ElE]EJE]E]E]E]E]E]E]E]BJG]ElB]EJE]B]E] 112 Nachdichtung herzlichst gedankt, sich über den Wert der unvergleich- lichen Hymne, die er zur Veröffentlichung in einem sehr angesehenen Blatte wärmstens empfahl, in begeisterter Weise ausgesprochen und mir die Bewilligung erteilt, ihn in Jena in seinem Heim aufzusuchen. Mit größter Freude habe ich hiervon Gebrauch gemacht und bin im Jahre 1912 mit meiner Frau, die eine lebhafte Bewunderin Haeckels ist, und einen großen Teil seiner Werke kennt, nach Jena gepilgert, wo uns das Glück zuteil wurde, von dem teueren Meister in einem zweistündigen Besuche auf das liebevollste empfangen zu werden. Unvergeßlich wird uns beiden die Erinnerung an seine schlichte und milde Größe, an seine edle, echte Menschlichkeit sein, die jedes seiner Worte, Gebärden und Bewegungen in selbstverständlichster Weise kennzeichnet. Haeckel sprach mit uns über sein ganzes Leben, seine Vergangen- heit und Gegenwart, seine Pläne und Ideen in Tönen tiefen Ernstes, wahrer Freude über das Geschaffene und der natürlichen Andacht des großen Geistes, häufig auch mit Anflügen liebenswürdigster Heiter- keit und göttlichen Humors. Erzählungen seiner vielen Reisen an der Hand seiner bekannten hochkünstlerischen ,, Wanderbilder", Anekdoten und Erinnerungen ließen uns die unvergeßliche Zeit wie im Traume verfliegen, wobei es der große Mann mit heiterem Humor aufnahm, daß meine Frau manche Daten seines Lebens so gut im Gedächtnisse behalten hatte, daß sie sogar einen kleinen Irrtum des Meisters richtigstellen konnte. Hingerissen in Bewunderung und Sympathie für den großen Mann sagte ihm meine Frau: „Exzellenz müssen doch mit großer Freude auf ein so reiches Leben voll herrlicher Arbeiten zurückblicken." Da war es, als ob Haeckel aus sich selbst herauswachsen und auf sein ganzes Leben zurückblicken würde, und er sprach in wahrster, schlichtester Herzensandacht: ,,Ja, das kann ich und das tue ich auch in größter Dankbarkeit für das Schicksal, das mir ein so überaus reiches, schönes und tätiges Leben beschert hat." — Dabei strahlte sein edles, männliches, von großen blauen Augen erleuchtetes Antlitz in größter Milde und Güte. So ist Haeckel in seinem Heim, das geschmückt ist mit den Spuren seines reichen Geisteslebens. E]ggggggggggggggggggggggggggggG]B]E]EiE]E]E]E]E]E]G]G]EiE]E]E]gE]E]E]E]G]S 8 Haeckel-Festschrift. Bd. II 113 pggggggg]ggggggggE]gggggE]E]E]B]E]EIE]E]EJg]g]B]g]E]E3ElG]E]ElE]E]E]E]EigE]E]E]E]E] Unwillkürlich mußte ich mich in diesem schönen Augenblicke an Faust erinnern, wie er im beseeligendem Gedanken, auf neuem, dem Meere abgerungenen Boden einem Geschlechte glücklicher und tätiger Menschen Raum geschaffen zu haben, beglückt ausruft: „Es kann die Spur von meinen Erdentagen Nicht in Aeonen untergehen. — Im Vorgefühl von solchem hohen Glück Genieß' ich jetzt den höchsten Augenblick." Im Vollgefühl seines für die ganze Menschheit freudig erkämpften hohen Glückes, genieße unser teurer Meister noch eine lange Reihe von Jahren hindurch die köstlichen Augenblicke, die das Leben und der Dank der edelsten Geister und der ganzen wahrheitstreuen arbei- tenden Menschheit einem seiner Größten bietet. Zu solchen reinen Firnenhöhen steigen die Miasmen niederer Dünste nicht mehr empor. Der frische Wind, der den Siegesflug menschlicher Kultur kennzeichnet, zerstreut sie spielend, und des großen Meisters sonniges und mildes Lächeln schwebt segnend über der sieghaft sich aufreckenden Menschheit, die einer neuen, glänzenden Ära wissenschaftlich gelenkter, organisierter Arbeit zur Erreichung höchster, geistiger, sittlicher und materieller Kultur frohbewegt ent- gegenstrebt. Heil und Dank dir, du Großer, der Größten einer, dessen Geist uns noch lange leiten möge im Aufstieg zum Sonnenlicht und zur Wahrheit, zur Erkenntnis der unendlichen Kräfte unserer reichen Erde und zu ihrer Beherrschung, zum Wohle einer unendlich ver- edelten, stolzen und kraftvollen Menschheit. Auf dieser Bahn leuchte uns dein Name und deine gewaltige Lebensarbeit voran! ggggggggggggggggggggggggE]E]E]E]EjE]E]B]B]E]EiE]EiE]E]E]E]E]E)E]E]5]B]E]Eig]E]E] 114 piiggggggE]gggg!|]g(3ggi]E]gE]ggggggggggggggE]E]E]E]E]BiEjG]g]E]niB]giE]E35] HUGO SCHNEIDER, BERLIN o o o In dem Sammelwerk, das da Kunde geben soll von dem, was wir Ernst Haeckel verdanken, werden sich fraglos eine große Anzahl bedeutender Männer von europäischem, — ja wohl auch von Weltruf vernehmen lassen, und so dürfte es von mir, dem schlichten Bank- beamten und nicht akademisch Gebildeten recht unbescheiden er- scheinen, wenn ich mich in die Reihe solcher Männer dränge. Nun, das ist keineswegs meine Absicht; vielleicht aber gewährt man mir doch ein kleines Plätzchen in der Erwägung, daß ein siebzigjähriger, an Erfahrung reicher Mann hier spricht, der, wenn er auch niemals zu den Füßen Haeckels gesessen, dennoch als Autodidakt sich seit 45 Jahren in seine Werke vertieft und sie mit innigem Bemühen zu verstehen gesucht hat, wenn ihm auch infolge des Fehlens aka- demischer Bildung naturgemäß vieles entgehen mußte. Bevor ich zum eigentlichen Thema übergehe, möchte ich der jetzigen Generation einmal vor Augen führen, was uns Ernst Haeckel bereits vor 40 Jahren war. Nach dem Erscheinen seiner beiden bald zu Weltberühmtheit gelangten Werke: „Natürliche Schöpfungs- geschichte" und „Anthropogenie, Entwicklungsgeschichte des Men- schen", schrieb der namhafte Naturphilosoph Carus Sterne (Dr. Ernst Krause) in der „Gegenwart" vom 10. Oktober 1874 folgendes: „Um eine Weltanschauung zu ändern, reichen nicht Jahrzehnte, kaum Jahrhunderte aus, denn auch hier gilt der Spruch von der Willigkeit des Geistes und der Schwachheit des Fleisches. Die großen Ideen sind, wie die Geschichte lehrt, im Anfange immer einsam ge- blieben, weil die Gehirne fehlen, sie aufzufassen. Diejenigen irren, welche da meinen, schon Voigt und Büchner hätten den alten Glauben abgetan. Sie haben nichts vermocht, als was vor ihnen Voltaire und Holbach getan : ihn in die Enge zu treiben. Es ist die alte Schiüe Epikurs, und nur die Waffen, mit denen die Materialisten von heute den Spiritualisten zuleibe gehen, sind besser geschliffen als die des Lukrez. Die neue Weltanschauung muß doch erst fertig sein, ehe man sich in ihr behaglich finden kann; und das war sie noch lange nicht, als Kraft- und Stoff-Büchner seine Arbeit begann, ist sie, ehr- lich gestanden, noch heute nicht. Diejenigen, welche das Haus bereits jgggggggggE]EiggggggggggSSggggggB]BlE]ElE|E]B]G3E|EJB]ElB]E]E]G3E]ElE]E]E]E]E] 8* 115 beziehen, sind unbeneidenswerte Trockenwohner, welche nicht anders können, weil sie nicht wissen, wo sie sonst ihr Haupt hinlegen sollen. Unter denen, welche die Fertigstellung des Baues unternommen haben, steht Ernst Haeckel in erster Linie. Ein Potsdamer Kind, hat er lange das Prophetenschicksal erfüllt, in seinem Vaterlande nicht so be- griffen zu werden wie im Auslande, z. B. in Holland oder England; ja, er wäre bei uns vielleicht noch weniger anerkannt, wenn ihn nicht die „Schwarzen" mit ihren Angriffen ausgezeichnet hätten! Ehrlich deutsch ruft er dem Leser zu: Wenn du nicht deinen lehmigen Ur- sprung und deine Geisteingeblasenheit aufgeben und die böse Affen- schwiegermutter mit in den Kauf nehmen willst, so laß von deinem Werben und Buhlen um die Erkenntnis der Natur und deines Selbst ab, suche deine Seligkeit in der Bibel. Denen, die ihm mit Verständnis zuhören, wird er mehr einflößen als Bewunderung; er wird sie durch die Schärfe seiner Unterscheidungen, durch die un- parteiische geschichtliche Darstellung der Lehre, durch die genaue Zergliederung der Erbschafts-, Anpassungs- und Umwandlungsgesetze überzeugen, daß sie sich einem vertrauenswürdigen, aber keineswegs einem leichtfertigen Führer anvertraut haben. Wir freuen uns über den souveränen Hohn, mit welchem er in der Vorrede seiner „Natür- lichen Schöpfungsgeschichte" einige der Leute abfertigt, welche, ohne selbst Naturforscher zu sein, sich über diese Forschungen ein ab- sprechendes Urteil anmaßen, denn unter den allein kompetenten Richtern, unter den Naturforschern gibt es heutzutage kaum noch einen Mann von Bedeutung, der nicht der neuen Anschauung von ganzem Herzen zugetan wäre. Ihr letzter und bedeutendster Gegner, L. Agassiz, ist vor einigen Monaten vom Kampfplatz abgetreten. Ein neues, von eingelebten Vorurteilen und Autoritätsglauben freies Forschergeschlecht blüht inzwischen empor. Wir dürfen stolz sein, sie unter der Führung eines Deutschen zu wissen und die in Deutsch- land zuerst geahnte und verkündete Naturanschauung der Zukunft von ihm ihrem Ziele so wesentlich näher gebracht zu sehen. Das Gebäude, welches Darwin ohne Dach gelassen und so wenig wetterdicht übergeben, daß der Sturm des Zweifels an allen Ecken und Enden hindurchwehte, ist von Haeckel zuerst in einen wohnlichen Zustand gesetzt worden. Sein Name wird mit demjenigen des englischen Forschers für immer unzertrennlich vereinigt bleiben." 116 gggggggggggggE]ggggE|B]E]E]B]E]E]E]EIE]E]E]E]E]E]E]E]5]E]ElE]E]E]E]E]E]E]B]E]B]E]E]Ejg Was damals in diesem Artikel prophetisch ausgesprochen wurde, es hat sich voll und ganz erfüllt: Es ist ein neues, von eingebildeten Vorurteilen und Autoritätsglauben freies Forschergeschlecht empor- geblüht unter Führung Ernst Haeckels, dieses großen Deutschen! Das also ist es, was wir alle, alle Denkenden Haeckel verdanken. Was aber ich, ich persönlich ihm verdanke, das ist, — ich möchte beinah sagen — darüber hinaus : ich verdanke ihm alles was ich bin ! Schon in meinen Jugendjahren behagte mir nicht die Lebensweise der jungen, alleinstehenden Männer, die, aus der Provinz nach der Hauptstadt gekommen, hier ihre Zerstreuung in räuchrigen Lokalen suchen. Meine Neigung, wissenschaftliche Bücher zu lesen, und be- sonders solche philosophischen Inhalts behütete mich vor solcher Lebensweise. Ein älterer Verwandter, dies erkennend, machte mich damals auf Haeckels soeben (1868) erschienene „Natürliche Schöp- fungsgeschichte" aufmerksam. Gierig verschlang ich den Inhalt, las das Buch immer und immer wieder, mein kleines Einkommen be- nutzend, mir die zum Verständnis nötigen, von Haeckel angeführten weiteren Bücher zu beschaffen. So mied ich Gesellschaft und Ver- gnügungsorte und vertiefte mich ganz in das herrliche, einzige Werk. Später wurde ich dann kühn, und als mir einmal eine Stelle absolut unverständlich blieb, schrieb ich — „der junge Kaufmann", an den großen Mann, und zu meiner großen Freude hat er es nicht ver- schmäht, mir zu antworten, und zwar in liebenswürdigster Weise; ja, er verschmähte es auch nicht, mich später einmal in meiner Häus- lichkeit in Berlin aufzusuchen. Die Stunde, die ich damals mit ihm verplaudert, gehört zu den interessantesten und schönsten Erinne- rungen meines Lebens. Es wäre nun wohl Feigheit von mir, wenn ich damit zurück- hielte, offen zu bekennen, daß ich nach vieljährigem, eifrigem Denken dahin gelangt bin, Haeckel nicht in allen Punkten folgen zu können; er selbst würde solche Zurückhaltung am allerwenigsten billigen. Es handelt sich um den Kardinalpunkt: Gibt es einen Gott? Ich bin weit davon entfernt, etwas — um mit Johannes Gaulke zu reden — nur deshalb zu glauben, weil es andere vor mir geglaubt haben, allein ich behaupte, daß ich recht wohl imstande bin, auf Grund dessen, was ich positiv weiß, weiter zu bauen, und auf Grund dessen muß ich dahin gelangen, auch das, was ich nicht weiß, da- gggggggggggggggggggB]ggggE]E]ggggE]ggs]E]E]E]BiB]E]E]E]B]E]B]E]E]E]B]E]E]E] 117 nach logischerweise als sicher annehmen zu können. In diesem Sinne schrieb ich seinerzeit mein Buch: „Durch Wissen zum Glauben, — eine Laienphilosophie" (Hermann Haacke, Sachsa am Harz, 1897). Ich habe es später Haeckel zugesandt, der mir antwortete, daß er es mit Interesse gelesen und bei dem nächsten Besuch seiner Verwandten in Potsdam Gelegenheit nehmen würde, mich wiederum aufzusuchen, um die „wenigen differenzierenden Punkte" mit mir zu besprechen. Leider hat sich diese Gelegenheit niemals mehr geboten. Und worin bestehen nun diese, oder — worin besteht im Grunde genommen dieser eine, uns differenzierende Punkt? in einem ein- zigen, — sage und schreibe: einem einzigen, allerdings recht schwer- wiegenden Wort. In den Welträtseln heißt es S. 254: „Die beiden Hauptbestandteile der Substanz, Masse und Äther, sind nicht tot und nur durch äußere Kräfte beweglich, sondern sie besitzen Emp- findung und Willen (natürlich niedersten Grades)." Und in diesem, scheinbar ganz abseits gelegenen parenthetischen Satz, befindet sich dieses eine, uns differenzierende bedeutsame Wort. Ich setze an Stelle „niedersten" das Wort „allerhöchsten"! so daß dieser paren- thetische Satz nicht mehr lautet: „natürlich niedersten Grades", sondern „natürlich allerhöchsten Grades"! oder, mit andern Worten: „Der Weltäther ist die mit eigenem Denken und Willen begabte Weltseele — ist Gott ! Dieses Denken muß selbstverständlich ein völlig anderes sein als das des Menschen, denn wäre es ein dem des Menschen gleiches, so wäre Gott eben nicht Gott, sondern wiederum ein Mensch, und jeder Mensch — Gott. Das ist so logisch und wahr, wie es wahr ist, daß, wenn ein Tier — etwa ein Hund — dasselbe Denken besäße wie der Mensch, es eben kein Tier mehr sein würde, sondern ein Mensch. Wie aber ein Tier niemals das Denken des Men- schen begreifen oder verstehen kann, so wird auch der Mensch nie- mals das Denken des Weltgeistes begreifen oder verstehen können. Das eine steht fest, daß dieses Denken des Weltgeistes direkt nichts mit unseren Arm- und Beinbrüchen, unseren Krankheiten, mit unserer Freude, unserm Schmerz, unseren Mühen und Sorgen, unserm Geld- erwerb, unserm Kampf ums Dasein, mit unserm Leben und Sterben zu tun hat. Das was sich aber indirekt und konsequenterweise aus jenem Denken, aus diesem „eigenen Willen allerhöchsten Grades" ergibt, das kann ich unmöglich im Rahmen dieses Aufsatzes aus- ggggggggggggggg^ggg^gggE]E]E]aB]5]E]B]E]B]5]E]Blg!E]EIE|E]E]B]E]E]E]S]E]§E]B]E] Il8 führen, es ist jedoch niedergelegt in einem Manuskript, das den IL Teil meines Buches „Durch Wissen zum Glauben" bildet und druckreif fertiggestellt ist, indessen — noch des Verlegers harrt. Ich wiederhole noch einmal: Ich verdanke Ernst Haeckel alles, was ich als denkender Mensch bin! Er hat meinem Leben Zweck und Inhalt gegeben, er hat mich denken gelehrt, hat die grenzenlose Freude an der Natur in mir wachgerufen, hat mich gelehrt, die Natur zu verstehen und richtig zu betrachten, mich gelehrt, in der Bibel der Natur zu lesen. Die Beschäftigung mit seinen Werken war mir stets köstlichster, heiligster, reinster Genuß, und hat mich stets mit höchster Bewunderung für den großen Mann erfüllt. Das körperliche Mißgeschick, das er in seinem hohen Alter erdulden muß, hat mich mit aufrichtiger Teilnahme erfüllt, weiß ich doch aber, daß er es als Philosoph zu tragen wissen wird, ohne schwächliches Jammern und Klagen. Mein innigster Wunsch zu seinem achtzigsten Geburtstag ist, daß ihn das Schicksal seine körperliche Schwäche verwinden lassen und ihm noch viele ungezählte Jahre in völliger Rüstigkeit des Körpers und Geistes verleihen möge! Dieser Wunsch ist zwar im Grunde weiter nichts als platter Egoismus, denn letzten Endes schlummert doch hier „latent" der Hintergedanke: . . . auf daß er uns noch viel des Schönen, noch manches wahre Wort zurufen kann, auf daß er niemals ermüden möge im Kampf gegen die „Schwarzen", gegen alle die dunklen Mächte, die täglich und stündlich gegen uns ankämpfen, uns die Freuden des Lebens zu rauben versuchen, uns wie Kolkraben umschwärmen, auf daß sie sich verkriechen in die tiefsten Tiefen Sarkophagen Gesteins! So, wie vor einem Bismarck die ganze Welt zitterte, solange er nur noch die Augen offen hielt, trotzdem er gar nicht mehr im Amte war, so zittern auch jetzt die „Schwarzen" der ganzen Welt noch vor einem Haeckel, trotzdem er das Lehramt niedergelegt — hat er doch noch die Augen auf! Was die Welt und die Wissenschaft Haeckel verdankt, das werden hier berufenere Federn darlegen, ich aber wollte nur schildern, was ich ihm — meinem großen Landsmann — verdanke, was er mir mein ganzes Leben hindurch war und noch ist, — Halt und Führer! Möge der Gigant den Dank eines obskuren Zwerges freundlich aufnehmen. E]ggE]E]E]SlE3E]B]E]E]E]EJG]E]E]G]B]E]E]E3E]E] G]G]G]E]E] E]E]E3E]E]E]E]E]E]E]E]E]E1B]E]E]E]B]E]E3B!B)E] II 9 gg]gggggggggggg§gggg!3E]ggE]E]E]E]E]E]E]CjE]E]E]EJE]E]B]E]B]G]B]E3E]E]E]B]E]E]E]E]E] MARIA HOLGERS, BERLIN o o o Wenn ich davon sprechen soll, wie ich mit Ernst Haeckel, seiner Person, seinen Werken — den „Welträtseln" insbesondere — bekannt wurde und welche Wirkung sie auf mich ausübten, muß ich zunächst von meinem eigenen Leben sprechen und weit darin zurück- gehen. In meinem fünften Lebensjahre sah ich an einem hellen Sommer- tag, mitten im Spiel, einen Leichenzug. Auf mein Befragen sagte man mir, daß ein Mensch, eine Frau, in dem schwarzen Wagen sei, und daß diese Frau in die Erde begraben würde, weil sie „tot" sei. Ich erschrak aufs heftigste. Was war das: „tot"? Ich begriff es nicht . . . Jedenfalls war es etwas anderes als mein Zustand; ich lebte; ich bewegte mich. Die Frau lag still in dem schwarzen Wagen ; konnte nicht mehr gehen, sprechen, essen, kam in die Erde, wie ein Stein. So etwas Furchtbares war also möglich . . . ? Ein Riß ging durch mein ganzes Wesen. Zum erstenmal fühlte ich die Außenwelt als ein anderes, Fremdes. Ich war nicht mehr der Tropfen im Wasser, unbekümmert, selbstverständlich. Ich sah Unbegreifliches . . . Von diesem Augenblick an mußte ich denken, bewußt denken und schauen, unaufhörlich. Nicht genau genug konnte ich mir die Dinge anschauen; ich ver- sank in sie und hatte nicht Ruhe, bis ich ihre Zusammenhänge und meinen Zusammenhang mit ihnen soweit erfaßt hatte, als es meiner jeweiligen Entwicklungsstufe möglich war. Das kleine badische Städtchen, in dem meine Eltern damals wohnten, stundenlanger Aufenthalt in einem alten Schloßpark, wo es viel zu schauen gab und Ruhe zum Nachdenken, begünstigten meine Neigung. Als wir in meinem siebenten Lebensjahr in eine größere nüchterne Stadt zogen, wurde der Hang zum Denken ein innerlicher Zwang und die Quelle vieler Leiden. Er schied mich von den anderen Kindern und hätte mein ganzes Kindheitsglück zerstören können, wäre nicht das Phantasieleben in mir ein glücklicher Gegenpol geworden. Trotz- dem — der Zwang war hart! Bis in mein 16. Lebensjahr. Da kam eines Abends ein Ausgleich für meine Einsamkeit und Wissensqual. Ich war, meiner Gewohnheit gemäß, heimlich auf unseren Speicher 120 ggB]g^gggggggggE]ggggggG]BlE]E]B]B]E]BlE]E]EJE]E]BlB]E]B]B]E]E]E]E]E]B|B]E]E]E]E]E]BI gegangen, um da ruhig nachdenken zu können, und schaute durch die Dachluke zu den Sternen hinauf. Gerade in diesen Wochen hatte ich mich mit Fragen, deren Beantwortung mir nicht gelingen wollte, besonders gequält. Die Nacht war still und schön. Über mir stand der „Jakobsstab". Im Anschauen dieses mir von klein an lieben und vertrauten Sternbildes formten sich mir plötzlich mühe- los diese Sätze: „Nichts" war nie. (Das ist nur ein Verlegenheits- wort, um etwas auszudrücken, was es nicht gibt.) Alles was ist, ist und war immer; in wechselnden Formen. Alles was ist, muß in ständiger Bewegung sein. Ohne Bewegung, ohne ständige innere Veränderung, kein Sein möglich. — Was wir „Leben" nennen, ist vielleicht nur gesteigerte Bewegung; „Tod" ein minderer Grad derselben (?) — Einen „Anfang" kann man, da immer alles war, nicht eigentlich denken. Will man einen solchen annehmen, so könnte man vielleicht sagen: im Anfang waren unendlich viele, unendlich kleine Lichtkügelchen, die sich in rasend- ster Schnelligkeit um sich drehten. Einige hatten den Drang, sich anzulehnen; das führte zu einer „Verdichtung", die sich zu Planeten auswuchs. Je größer der Planet, desto langsamer die Umdrehung, desto schneller die Abkühlung und Erstarrung. Im erstarrten Zu- stand kann sich der Planet nicht mehr drehen. Er muß fallen, stürzt auf andere Planeten, eine ungeheure Hitze und Lichtwelle entsteht und das Spiel beginnt von neuem (?). — Diese letzteren Sätze waren mir nur wahrscheinlich, nicht sicher, sie hatten sich mir schon früher, bei einsamem, leidenschaftlich geliebtem Ballspiel ergeben, wenn auch nicht in dieser geraden Folge. Die ersten Sätze dagegen waren mir absolute Gewißheiten; so gewiß wie mein eigenes Dasein. Eine stille Seligkeit kam über mich. Noch lange schaute ich hinauf in das Stern- bild; dann schlich ich die Treppe hinunter, ins Bett. Eine ungeheure Lebenslast war mir vom Herzen genommen. Neben meinem Denkzwang stand ein starkes Phantasieleben und der Drang, Menschen darzustellen, im Wort oder mit meiner Person. Täglich schrieb ich und täglich spielte ich „Theater" beigeschlossener Tür. Nachdem ich mich an jenem unvergeßlichen Abend über meine Wissensqual beruhigt hatte, gewann mein Phantasieleben die Ober- hand und zwang mich zur Schauspielkunst. „Menschendarstellung" 121 ist ein schwieriger Beruf, der zumeist unter fast unmöglichen Be- dingungen ausgeübt werden muß. Ich habe ganze Tage (und dies Tag für Tag!) und halbe und ganze Nächte Rollen gelernt und Toi- letten genäht. Bei solcher Überanstrengung ist ein „Denken" in obigem Sinne unmöglich. 1904 kam der erste ruhigere Sommer und die Sehnsucht, wieder da anzufangen, wo ich im 16. Lebensjahre aufhörte. — Als Kind mochte ich die Bücher nicht; außer Märchen, einigen klassischen Dramen, meinen Schulbüchern stand mir auch nichts zur Verfügung. Jetzt fühlte ich, daß ich allein nicht mehr weiterkam. Und da ich der Meinung war, die Philosophie sei die beste, die sich ständig an äußeren, sinnlichen Wahrnehmungen orien- tiert, kaufte ich mir die Volksausgabe von Haeckels Welträtseln. Die Wirkung, die das Buch auf mich ausübte, ist unbeschreiblich! Wie war ich ausgelacht worden, hatte ich mich gelegentlich einmal zu einer Äußerung über meine Vorstellungen von „Sein", „Ewigkeit" usw. hinreißen lassen! Und nun las ich und las ich mit wachsendem Er- staunen, daß kluge Menschen sich mit meinen Fragen befaßt hatten, hie und da selbst zu ähnlichen Schlüssen gelangt waren. Obschon ich in diesem Sommer schwer krank war, habe ich das ganze Buch gewiß achtmal „durchgeackert", einzelne Kapitel, einzelne Sätze immer wieder vorgenommen. Die speziell zoologischen Kapitel wur- den mir sehr schwer. Hier fehlte völlig die sinnliche Anschauung, quälten die allzuhäufigen, den alten Sprachen entnommenen Aus- drücke, die ich nicht oder nur halb verstand. Der Kopf sauste mir von einer Fülle neuer Wörter, neuer Begriffe, so daß mir bei meinem müden, überlernten Gehirn das Buch manchmal eine Qual wurde! Aber immer wieder zog es mich zu ihm zurück. Denn durch alles Unverstandene hindurch schlang sich wie ein roter Faden die Er- kenntnis der Einheit alles Seins und Geschehens, wie ich sie schon als Kind empfunden und gedacht hatte, nicht als ein wissen- schaftliches Ergebnis gedacht hatte, sondern als Resultat naiven Nachdenkens und Schauens. Nach der „allgemeinen" Seite war mir nichts fremd. Da war vor allem — zu meiner unbeschreiblichen Freude und meinem grenzenlosen Erstaunen! — der Urgrund der großen und stillen Harmonie, deren ich mir in meinem 16. Lebens- jahr bewußt worden war. Haeckel nennt ihn: das Substanzgesetz. Dieses Gesetz ist für mich heute noch „der ruhende Pol in der Er- ggggggggg]gB]gggE]gE]gggggggE]gggE]ggs5iE]E]E]B]B]B]E]E]E]BiB]E]E]EiG]E]E]Ei51 122 ggggggggggggGjg§ggggE]B]ElBlB]BlE]E]E]E]E]B]E]E]B]E]G]S]B]E]E]BIE]E]ElBlE]E]ElE]E]gg scheinungen Flucht", dasselbe, was es damals für mich war, als ich naiv sein Wesen zum erstenmal ergriff. Dieses Gesetz bleibt für mich das A und O, der Grundstein alles Wissens — trotz der schweren Attacke von Ostwalds Energie mit der Materie als Spezialfall. Ohne dieses Gesetz würde mir jede Erkenntnis schwanken, meine Har- monie mit allem, was ist, sänke in Trümmer und das Chaos entstünde. — Nach dem Substanzgesetz machte mir den stärksten Eindruck die ,,Kant-Laplacesche Nebularhypothese" — mich mit einigem Herzklopfen erinnernd an meine Vorstellung vom Entstehen, Wach- sen, Zertrümmern, Neubilden der Planeten — , sodann aus dem Kapitel „Unsere Stammesgeschichte" das biogenetische Grund- gesetz. Klar und überzeugend erhellt dieses Gesetz dem denkenden Menschen die dunklen Pfade seiner vorgeburtlichen Entwicklung. Ich kann hier nur als Laie sprechen, möchte mir jedoch die Vermutung gestatten, daß es nicht nur auf zoologischem, sondern auch auf anderen Gebieten höchst fruchtbar werden könnte. Mir selbst kam es bei Studien über die Literaturen verschiedener Völker und Rassen öfter in Erinnerung. — Leider gestattet mir der Raum nicht, noch näher auf die Wirkung der Welträtsel auf mich — oder anderer Werke Haeckels, von denen die Anthropogenie mir das liebste wurde — einzugehen. — Wie viele Tausende habe auch ich Haeckel gedankt, daß er mit der Herausgabe der Volksausgabe der Welträtsel auch der Not der Laien in Erkenntnisfragen gedacht hat. — Ein halbes Jahr später, April 1905, hielt Haeckel seine bekannten Berliner Vorträge. Bruno Wille bat mich, bei einem Fest zu Ehren Haeckels im zoologischen Garten einige Gedichte zu sprechen. Ich wählte aus „Gott und Welt" (Goethe): „Prooemion", „Ein und alles", „Vermächtnis" u. a. und schloß mit „Weite Welt und breites Leben, Langer Jahre redlich Streben. Stets geforscht und stets gegründet, Nie geschlossen, oft gerundet, Ältestes bewahrt mit Treue, Freundlich aufgefaßtes Neue, Heitern Sinn und reine Zwecke; Nun! man kommt wohl eine Strecke." Nach diesen wie für Haeckel geschriebenen Goethe- Worten wandte er sich mit großer Lebhaftigkeit an mich: „Wie ist es möglich, daß Sie ggggggg]gggggggggggggggs3E|gggE]EjgggE]gE]E]E]E]5]EiB]E]E]E]E]EiE]gE]E]E]E] 123 iggggggg^^E]ggE]ggggG]gE]^ggggg5]E]E]E]E]E]B]E]E]E]E]B]ElE]E]E]E]E]E]E]E]E]E]E]E]E] gerade meine Goetheschen Lieblingsgedichte auswählten?!" Das war das erste Wort, das er persönlich an mich richtete, und das gleich die innere Verwandtschaft aller Einheitlich-denkenden traf. Denn aus den obigen Gedichten Goethes spricht eine rein monistisehe Weltanschauung im allerumf assendsten Sinn. Ich hatte diese Dichtungen mit Bedacht und in der Überzeugung gewählt, daß sie Haeckels eigenen Anschauungen entsprechen. — Die nächstfolgenden Sommer hörte ich bei Haeckel in Jena Zoo- logie. Leider fehlten mir zum eingehenderen Studium Zeit, Kraft und Gesundheit; dennoch bedeuteten die Vorlesungen eine große Förderung für mich. Vor etwa vier Jahren übertrug mir Haeckels Vertrauen die spätere Herausgabe eines Teils der Briefe über die Welträtsel. Jeden Sommer bin ich einige Wochen in dem lieben närrischen Nest Jena und habe da Gelegenheit, die Korrespondenz stetig zu verfolgen. Haeckels eigenartiger Persönlichkeit ist in wenigen Sätzen schwer beizukommen. Sein kindlich-dankbares Verhältnis zur Natur, seine sonnige Heiterkeit, seine Elastizität — auch heute noch! — seine beispiellose Einfachheit der Lebensführung sind die hervorragendsten und bestechendsten Eigenschaften seines Wesens. Daneben stehen Schüchternheit, Überbescheidenheit und eine merk- würdige Menschenfremdheit. Trotz seiner Heiterkeit ist er zuweilen schweren Gemütsdepressionen ausgesetzt, die sich in einer auffallen- den, den Umständen meist nicht entsprechenden Resignation äußern. Haeckel hat eine seltene Gemütstiefe, die mich öfter an Werthers Lotte erinnert. Auch von einem „kosmischen" Gemüt Haeckels könnte man reden. Ich habe nie einen Menschen gesehen, den der Anblick eines Sonnen- untergangs in so sprachloses Entzücken versetzt, wie ihn! Sieht er durch das Mikroskop ein Radiolar, so ist das ganze Gesicht durch- leuchtet von Freude. Sein ganzes Leben geht durch das Auge. — Trotz einiger Schatten kann man von Haeckel wohl sagen: Sein Wesen ist Licht! Als den „Leuchtenden" unter den Menschen wird ihn die Nachwelt in ihrem Gedächtnis bewahren. 'gggggggG]ggggggggE]ggE]ggE]gggggggggE]E]E]E]B]E]E|E]E]G]B]E]E]E]E]E]E]E]E]Gi, 124 E]H]E]gE]E]E]gE]E]EJ§] 51 g]G]E]@]gE]G] B] E]E]§]B]E]E]E]B]B]E]E]E]E]E]E]S]E]g]E]E]gE]E]E]gE]ggElE]gi EMIL FELDEN, BREMEN o o o Es war in meiner Studienzeit, die ich von 1893 — 97 in Straßburg verlebte, da ich zum ersten Male etwas von Haeckel hörte. Was er als Naturwissenschaftler erforscht, welche Verdienste er sich er- worben, wie er Darwins Theorie weitergebildet — von alledem wußte und erfuhr ich nichts. Um so mehr aber hörte ich von seinen „Welt- rätseln", die damals eben erschienen waren. Wie wurde über sie ge- schrieben und gescholten! Es gab wohl kein religiöses Blättchen, keine theologische Zeitschrift, die nicht das Buch in Grund und Boden hinein verdammt hätte. Alle, sowohl die orthodoxen als auch die- jenigen, die sich fortschrittlich nannten, zündeten Scheiterhaufen an, auf denen sie zur größeren Ehre Gottes und der Kirche den Ketzer verbrannten und sein* Buch verdammten, so sehr sie im übrigen auch auseinandergingen und einander bekämpften. Ein „pseudo-wissen- schaftliches Sudelwerk" — so nannte die „Welträtsel" gelegentlich einer unserer Professoren. Nicht ein orthodoxer; kein kleiner, eng- herziger Geist, sondern ein feiner Mensch mit weitem Blick, eine Größe in seinem Fach, ein Vorkämpfer für die freie Auffassung des Christentums. Gelegentlich nannte eres so, denn gründlich ließ er sich auf das Werk nicht ein. Und die anderen Professoren erst recht nicht. Für uns Studenten aber war sein Urteil maßgebend, da wir ihn hoch verehrten. Es waren nicht nur die Schnitzer kirchengeschicht- licher Art, die dieses Urteil hervorriefen. Es war vor allen Dingen der Umstand, daß sich Haeckel nicht nur gegen das orthodoxe Christen- tum gewandt hatte — was man auf liberaler Seite ganz gern gesehen hätte — , daß er vielmehr das liberale genau so wertete wie das ortho- doxe. Die liberalen Theologen fühlten sich dadurch verhöhnt, daß Haeckel sich um die immense Forscherarbeit einer ganzen Generation nicht gekümmert, vielmehr Behauptungen aufgestellt hatte, mit denen sich die liberale Theologie, da sie dieselben für längst abgetan hielt, überhaupt nicht mehr beschäftigte. Besonders groß wurde die „rabies theologica", als bald darauf die neuen Auflagen des genannten Buches erschienen, die absolut keine Korrektur der nachgewiesenen Fehler enthielten. Hatte man zunächst über die Unwissenschaftlich- keit des Naturwissenschaftlers und über die Leichtfertigkeit, mit g^gE]gggggggggE]ggggggggggggE]G]E]E]B]E]E]g]B]G]ElG]E]ElElE]E]E]ElE]E]g]BlE]G]E] 125 der er über die Forschungen der wissenschaftlichen Theologie hinweg- gegangen war, gescholten, so schätzte man ihn nun mehr auch als Cha- rakter gering , da allgemein böser Wille angenommen wurde. Es war keiner unter uns, der nicht über Haeckel sehr empört gewesen wäre, ob- wohl die wenigsten, vielleicht gar keiner, die „Welträtsel" gelesen hatten. Wir hielten es überhaupt nicht der Mühe wert, uns mit ihnen abzugeben. Auch deshalb nicht, weil auch die philosophischen Köpfe unter uns nur mit geringschätzigem Lächeln von der unglaublichen Philo- sophie Haeckels erzählten, der alte, längst begrabene Ladenhüter wie- der aufleben ließ und den seit Jahren überwundenen groben Materialis- mus eines Lamettrie nnd Holbach in neuer Gestalt wieder auftischte. Vor allem mokierte man sich über die Widerlegung Kants. Haeckel gegen Kant! Das machte uns Studenten Spaß. Es klang uns, denen nichts über Kant ging, wie ein schlechter Witz. — Ich habe damals mit einem bekannten Professor der Philosophie, mit dem ich eng be- freundet war, über die „Welträtsel" gesprochen. Ich drückte meine Verwunderung und Entrüstung darüber aus, daß nicht ein einziger Phüosophieprofessor sich gegen die volksverderbende und unwissen- schaftliche Arbeit Haeckels gewandt, und daß man nicht auch auf philo- sophischer Seite auf die vollkommene Unwissenschaftlichkeit des Werkes hingewiesen habe, wie das die Theologen so brav getan. Ich hielt das für grobe Pflichtversäumnis. Ich meinte auch in jugendlicher Naivität, es hätte nur eines solchen Hinweises bedurft, um eine Verurteilung des Buches bei jedem wahrheitsliebenden Menschen zu erzielen und die Er- folge lahm zu legen, die sich die „Welträtsel" langsam aber sicher er- rangen. Da lächelte jener Philosophieprofessor sehr mitleidig und sagte : „Was sollen wir Phüosophen da schreiben! Es ist eben der Haeckel. Man kennt ihn! Er heißt Ernst, aber man nimmt ihn nicht ernst." Mittlerweile vollzog sich, trotz der ungeheuren Polemik von allen Seiten, der Siegeslauf der „Welträtsel" ungestört. Ein Tausend er- schien nach dem anderen, ungeachtet aller Verdammungsurteile von protestantischer und römischer Seite, ungeachtet der „nachgewiesenen Unwissenschaftlichkeit" des Buches. Das war mir ein Rätsel. Und gab mir zu denken! Woran konnte das liegen? Welches war der Zauber, der die Menschen gefangennahm? Ich wollte mir das Buch auf der Bibliothek holen, aber es war vergriffen. Und jedesmal, wenn ich es verlangte, bekam ich denselben Bescheid: „ausgeliehen". Das "E)ggggggggggggggE]gggEigE]gagE]gggE]gggE]E]E]E]E]G]giE]B]E]E]EjB]E]E]E]E]E]g 126 gggggggggggg^5]gggggggEjgggElE]E]BlE]E]E]G]E]E]E]E]E]E]ElE]E]ElE]E]E]E]51S]3]51BI war mir wieder merkwürdig. Zum Kaufen war es zu teuer für einen Studenten, da es außer der großen Ausgabe noch keine billigere gab. Dann nahte das Examen und verschlang alle Zeit und alles Interesse. Auch in den folgenden Jahren kam ich nicht zur Lektüre des Buches, da ich direkt von der Universität kommend einen ziemlich schwierigen Posten in einer Diaspora erhielt, der meine Kraft auch dann vollständig in Anspruch genommen hätte, wenn ich mich nicht auf das zweite Exa- men hätte präparieren müssen. Erst als ich auf einer kleinen Pfarrei im Elsaß saß, hatte ich genügend Muße, mich in allerhand Fragen zu vertiefen. Das Studium der Religionsgeschichte und des Neuen Testa- mentes ließ mich immer „radikaler" werden. Die Differenz zwischen der Lebensanschauung und Lebensweise des modernen Menschen und des Menschen aus der Zeit des Neuen Testamentes erschien mir allmählich als unüberbrückbar. Nun suchte ich nach einem Fundamente, auf dem ich eine neue Weltanschauung aufbauen könnte. Ich begann mich wie- der in die Philosophie zu vertiefen. Von da kam ich zur Naturwissen- schaft und Naturphilosophie. Daß ich nun Haeckels ,, Welträtsel" stu- dierte, ist selbstverständlich. Und nun begriff ich, daß diese ,, Welträtsel" eine so ungeheure Wirkung haben mußten, daß sie ein Kulturdokument ersten Ranges waren. Gaben sie doch dem nach Erkenntnis hungernden Volke das, was es suchte und sonst nirgends fand. Mochten auch Fehler in dem Werke stecken — wahrscheinlich sind die wenigsten, die darüber gescholten haben, imstande gewesen, sie selbst herauszufinden — es mußte wirken, weil es vom Standpunkte der vollkommensten Wahr- haftigkeit aus geschrieben war. Hier war mit bewunderungswürdiger Tapferkeit klipp und klar herausgesagt, worum es sich handelt, ohne irgendwelche Beschönigung oder Bemäntelung. Das Alte war alt , das Morsche morsch , das Faule faul genannt. Und daneben dieser goldene Optimismus, der freudig und verheißungsvoll in die Zukunft sieht, zum Kampf aufruft und an den Erfolg glaubt. Welch fester Glaube, welch sicheres Hoffen ist in diesem Buch enthalten ! Wie teilt er sich in gerade- zu suggestiver Weise demjenigen Leser mit, der das Buch nicht liest, um es zu schmähen und zu verdammen, sondern weil er sucht und fin- den will. Prophetengeist weht in den „Welträtseln", der Geist des Pro- pheten einer neuen Zeit , da Wahrheit und Wahrhaftigkeit herrschen sollen. Nicht wird nur niedergerissen, nicht nur werden falsche Ideale erbarmungslos bekämpft, es wird auch neu aufgebaut, es werden neue '3asaS^aaggEiggggggggggggggggggE]E]5]EiE]E]EiB]g]EiE]B]E]E]E]E]E]G]E]E]B]E]Ej 127 Ideale aufgestellt, es werden Wege gewiesen, die zu diesen hinführen. Wie ein Blitz mußte dieses Buch in eine schwüle Atmosphäre hineinfahren und sie reinigen. Und so ist es zum echten „Katalysator" geworden. Durch die „Welträtsel" wurde meines Erachtens nicht sowohl die Naturwissenschaft direkt popularisiert, als daß alle Fragen von Gott und Welt, Diesseits und Jenseits, dem Sinne des Daseins, von Schöp- fung und Erlösung von einem ganz anderen Gesichtspunkte als dem gewöhnlichen aus zur lebhaften Diskussion gestellt wurden. Die Mensch- heit sah sich gezwungen, ihre alten Anschauungen und Dogmen bei Tageslicht zu betrachten und — zu bewerten. Selbst auf die Ortho- doxie hat das Buch eine große Wirkung ausgeübt. Sie begnügt sich nun nicht nur mehr damit, das Volk mit Dogmen zu füttern, sondern fügt ihnen so viel Naturwissenschaft bei, als notwendig ist, um die Dogmen modern zu fundamentieren. Man denke auch an den Kepler- bund ! Man mag gegen ihn sagen, was man will — und auch ich habe wahrlich sehr viel gegen ihn zu sagen — , er bringt durch seine Methode doch die Kenntnis der Naturwissenschaft, wenn auch in seiner Art, in Gegenden, wo man noch nie etwas von neuen Problemen ohne diese Arbeit gehört hätte. Und so leistet er Pionierarbeit für den Fortschritt und — auch für die Gründung Haeckels, den Monisten- bund! Der Keplerbund erweist sich solchergestalt als echter Mephi- stophelesbund, als Teil der Macht, die trotz allem letzten Endes doch „das Gute schafft". Diesen Mephistopheles hat Haeckel durch seine Arbeit heraufbeschworen! Und ist nur etwas Licht gebracht oder doch der Boden präpariert, daß auch die beschränktesten Köpfe merken, ein naturwissenschaftliches Fundament ist heute notwendig, selbst für die Glaubenssätze, die die „Wahrheit" sind, dann kann die wahre Aufklärungs- und Auferbauungsarbeit einsetzen. Vor allem von Seiten des Monistenbundes, der ohne die „Welträtsel" nicht denkbar ist. Wahrlich, Ernst Haeckel mag als naturwissenschaftlicher Forscher Großes geleistet haben. Ich kann es in genügender Weise nicht wer- ten, da ich sein Fachgenosse nicht bin, obwohl ich es aufrichtig be- wundere. Allein als Verfasser der „Welträtsel" hat er sich, mögen noch so viele Schwächen dem Werke nachgewiesen werden, ein Kultur- denkmal ersten Ranges gesetzt. Gerade in bezug auf dieses Werk und seine Wirkung kann er mit Stolz und Jubel sprechen: „Es wird die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn." 128 3gggggggB]ggggggggE]ggE]ggggE]E]E]E]E]G]E]B]E]B]E]E]B]E]E]E]E]ElE]E]E]E]E]B]E]E]EJ i b e o e w 'S fi a o >